Neurosen-Bingo in der Schreckensscheune

Nach sieben Jahren ist sie wieder da: "Die Alm". Am Samstag startete das Tiroler Neurosen-Bingo von ProSieben den Versuch, Anschluss an die frühere 18% - Zielgruppenquote zu finden. In netter Gesellschaft ging man öffentlich seiner persönlichen Verwahrlosung nach: Die Zusammenstellung des Psycho-Portfolios der Alm-Behauser lässt für jene Zuschauer kaum Wünsche offen, die erneut Belege dafür suchen, wie nachhaltig die Mattscheibe ihre Kinder frisst: ProSieben-Patienten-Poker für Dschungel-Junkies.

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Die Kernfrage des alten Gassenhauers “Kennst Du die Berge – die Berge Tirols, Tirols?“ kann in absehbarer Zeit von einer morbiden Gruppe deutscher TV-Touristen mit einem optimistischen “Ja!“ beantwortet werden. Mehr noch: Die ProSieben-Crew der “Alm“-Kandidaten, hinter denen zu längst vergessenen Zeiten ihrer Existenz irgendwann einmal Menschen – und damit auch Schicksale – gesteckt haben mussten, lernt neben dem Panorama Tiroler Berge auch ein solides Spektrum verhaltensorigineller Kollegen kennen.
Allein in dieser Frage allerdings lauert für "Alm“-Machos und Kandidaten-Luder in den kommenden beiden Wochen die eine oder andere Hürde. Denn vor den Erfolg des “Alm“-Engagements haben der Herrgott und ProSieben eine Reihe sinnvoller Herausforderungen gesetzt. Gestern Abend also war Schluss mit lila Kühen: Nun wird täglich um 22.15 h – statt in der Yellow-Press – in echtem Kot  gewühlt, und 13,7 Prozent Zielgruppen-Voyeuristen durften gestern verfolgen, dass nicht nur Bergluft dünn sein kann, sondern auch der Sauerstoff im Kooperationsklima der putzigen, gegeneinander verschworenen Störungs-Gemeinschaft. Die Tiroler Trümmer-Truppe sitzt auf der Alm – um es mit Olaf Schubert zu sagen – immer mal wieder “neben demselben Boot“. Wer auch nur ansatzweise “Dschungel-Qualität“ erwartet, wird schnell enttäuscht: ProSieben ist nicht RTL und Italien nicht Australien.

Die Kandidaten:
Auf der weiblichen Seite des Elends prostituiert sich Gesichtsverleiherin Gina-Lisa Lohfink (Ex -"Germanys Next Top Model"- Kandidatin und “Big-Brother-Expertin“) nun auch medial auf Tiroler Almen. Sie folgt dem Schritt ihrer ehemaligen Weggefährtin Sarah Knappik, die jüngst den Dschungel rockte. Auch, wenn Blowfink Gina-Lisa qualitativ nicht ganz das Psycho-Niveau des schrägen Vogels Sarah erreichen dürfte, bildet die Alm einen weiteren Meilenstein ihres Weges: heraus aus Hochglanz-Postern in Männer-Spinden muffiger Umkleidekabinen und hinein in Herzen und Hormone lüsterner TV-Zuschauer. Bereits gestern erhielten Zuschauer eine kleine Einführung in Details von Segnungen der kosmetischen Chirurgie, die an der Hülle Gina-Lisa´s Anwendung fanden. Es sei eine gute Zeit, so die Pin-Up-Puppe, “jemanden kennen zu lernen“.

Die frühere "Big Brother"-Moderatorin Charlotte Karlinder (Ex Ehefrau von Dschungelkönig Peer Kusmagk) leistet ihr schlechte Gesellschaft und moderierte mit Anflügen von Hysterie zwischen den Strohlagern des kargen Schlafzimmers herum. Als Mitglied der Kelly-Family hat Kathy Kelly Heimspiel im Umgang mit den Besonderheiten der Dynamik von Randgruppen-WG´s. Sie gibt in der Gruppe die Herbergsmutter. Immerhin überraschte sie gestern musikalisch mit Gitarre und Stimme auf einem Niveau, dass man manchen Kandidaten eines Wettsingens wünschen würde.

Sportskamerad “Rolfe“ Scheider als ehemals ansatzweise sympathische, doch zunehmend tragische Figur ist mit von der Partie. Ein Abziehbild, dessen anfangs schrille Episoden auf dem Weg medial-professioneller Deformation zunehmend sichtbar die Steuerung über den Kern der Person des Kölner Kosmetikers übernommen haben. Aus einem tragischen Jungen, der als Kind in der Schule wahrscheinlich bei der Wahl von Fußballmannschaften immer ins Tor musste, weil die Mitschüler ihn gut leiden… sehen konnten, ist auf dem Umweg über Heidis Abwahl und “Lets Dance“-Ertüchtigungsversuchen ein öffentlicher Beleg dafür geworden, was Medien und Öffentlichkeitsdrang aus einem Menschen machen können: kein Scheider mehr. Nur noch Rolfe.  Das Ergebnis ist makaber, getrieben und erschütternd. Falls Rolfe jemals alle Gurken im Glas gehabt haben sollte, verschwanden sie durch seinen Drang nach Bühne, wie die Gurken dieses Frühlings mit dem EHEC-Virus. Wer als “Alm“-Zuschauer auf die entsetzliche Tragik zerbröselter Persönlichkeiten steht, ist bei Rolfe gut aufgehoben.

Von "Alm"-Bewohnerin und Ex-"GNTM"-Kandidatin Tessa Bergmeier wissen Eingeweihte, dass ihr nicht in jeder Sekunde des Tages die Fähigkeiten zur integrativ sozialen Abstimmung mit anderen vollumfänglich zur Verfügung stehen. Nachdem Heidi Klum der verzickten jungen Dame den Kontakt zu den Laufstegen der Welt ungerechterweise verbaut hatte, kann sie nun ihre frühe – aber nicht minder massive – Persönlichkeitsstörung immerhin bis in die Tiroler Berge tragen. Tessa gilt als Garantin für die erfolgreiche Produktion hartnäckiger Konflikte bei gleichzeitig zügiger, sozialer Überforderung in Belastungs-Situationen. Die erste konnte sie gestern bereits verbuchen: In der sogenannten “Scheune des Schreckens“ absolvierte sie -lausig und grenzenlos langweilig produziert – das, was RTL die erste Dschungelprüfung nennen würde.

Auch Thomas Karaoglan, rätselhaft Fünfter bei “DSDS“ 2010 und “Let´s Dance“-Kandidat, checkt wieder. Der 1,60 Meter große Duisburger, dessen Drang vor die Kameras ihn erfolgreich den Mühen möglicher Friseur- oder Bestatter-Lehren hat entrinnen lassen, hatte bei “DSDS“ ein Motto um bescheiden zu bleiben: "Ich halte mir das Stoppschild vor, stehe jeden Morgen vorm Spiegel und sage mir: Du bist nichts, bilde Dir nichts ein."  Inzwischen weiß man, dass der Junior die tiefe Wahrheit dieses Satzes nur begrenzt über die Jahre hat retten können. Und weil sein altes Motto nicht nur für den Checker stimmt sondern auch für seine "Alm"-Kollegen, lungert die kleine retardierte Knutschkugel nun mit Kumpels, die auch nichts sind, aber sich viel einbilden, zur Primetime in Bergen Tiroler Kuhfladen herum. Als Karaoglan bei der Begrüßung sein Sektglas aus der Hand stellte, begann bereits seine Überforderung. Man ahnt, der Junge hält nicht lange.

Auf der eher geschlechtsreduzierten- und profilarmen Seite: Carsten Spengemann. Der Mann mit dem gewissen Nichts und Ex-“DSDS“-Moderator (2002-2004) unterlag beim “Promi-Boxen“ Detlef D! Soost, als dieser noch sein altes Kampfgewicht auf die Waage brachte. Spengemann kennt sich aus im Umgang mit der Bedrohung beengter Wohnverhältnisse: Er wurde 2004 wegen Unterschlagung eines Rings zu 40.000 Euro Strafe verurteilt und musste nicht ins Gefängnis. Vielleicht, so mag man hoffen,  wird  der Geschmeide-Fan Spengemann in der Enge der schmucklosen "Alm" so fit, dass er zurück zum Ring findet: Ein Rückkampf mit dem abgemagerten “Popstars“-Papst Detlef könnte erfolgreich enden, und der blasse Carsten könnte dann in beiden Genres zum Herren der Ringe mutieren. Dieser teuflische Karriere-Schritt allerdings könnte unter anderem daran scheitern, dass Soost zusammen mit seinem Gewicht leider jede Form lebendiger Aggression verlorenging: Auch daran litt “Popstars“. Immerhin könnten Carsten und Detlef nach der “Alm“ gemeinsam “Popstarts“-Kandidaten therapieren und dabei um die Wette weinen. Die Competition um ein neues, ödes Männerbild böte Synergien für die Produktion, da Tresor TV mit dem Format ohnehin um die Ecke nach Österreich gewandert ist. Spengemann, dem in Prognosen seiner Mitbewohner eigenartigerweise Aggressionspotential zugemessen wurde, enttäuschte in dieser Frage und gab gestern mehr den Schweizer.

Um demographisch ein Zeichen zu setzen, ist im Tiroler Dschungel auch die Rubrik “Altern in Würde“ repräsentiert: Werner Lorant, der schon zu Lebzeiten als Rumpelstilzchen der Trainerbänke mehrere Vereine erfolgreich in die Niederungen von Ligen führte, ist nun auf der Alm gelandet. Der gefühlt lebenslang weißbehaarte Choleriker stieg als Spieler viermal und als Trainer einmal ab –  Trainerentlassungen auf Abstiegsplätzen nicht mitgerechnet. Nun hat “Werner Beinhart“ also auch für sich selbst das Abstiegskonzept konsequent zuende gedacht und ist im Relaunch des beschaulichen Lifestyle-Formates auf und mit der "Alm" abgestiegen. Nach Abschluss der Staffel könnten für "Alm"-Profi Lorant Anschluss-Engagements bei Arminia Bielefeld in Reichweite kommen. Die spielen in der dritten Liga: Selbst für Trainer Lorant würden da Räume nach unten eng. Werner Lorant gilt als potentieller Aktivposten in der Produktion von Konflikten. Das bietet Potential für Qualm in der Hütte. Er könnte auch deshalb zum Sympathieträger werden, weil er im Gegensatz zu anderen Fernsehhuren der WG mangels Öffentlichkeit medial noch nicht so durchgenudelt ist und unter seiner Hülle als Person noch flackert.

Hätte man nun noch den ehemaligen Top-Manager Rainer Calmund von den Fressnäpfen der VOX- “Kocharena“ ebenso wegreißen können, wie von den Langweilern Heiko Waßer und Florian König, wäre das illustre soziale Spektrum der "Alm" komplett gewesen. Man kann nicht alles haben: Diese Idee wäre wahrscheinlich ohnehin an der fragilen, ernährungspolitischen Versorgungslage der Tiroler Berghütte gescheitert. Seinen Platz hat nun Schrottlegende Manni Ludolf, der den Rost von Autofriedhöfen gegen ProSiebens Promi-Schrottplatz tauschen durfte. Auch Manni tat kund, “jemanden kennen lernen“ zu wollen: Nach einem ersten Eindruck von Manni Ludolf allerdings scheint der Raum nutzbarer, horizontaler Erfrischungen für ihn eher eng bemessen.

So hat man aus dem Pschyrembel der Medienwelt herangekarrt, was an Diagnosen in den Regalen verstaubte und bedürftig oder wehrlos genug erschien.  Und in erbarmungsloser Konsequenz der inneren Logik des Formates verpflichtete man auch das Moderatoren-Duo nach exakt jenem Prinzip, nach welchem gerne einmal Ehen geschlossen werden: Zwei Kaputte, so rechnete man wohl, ergeben irgendwie einen Ganzen. Hätte es je einen weiteren Beleg für die bemühte Mittelmäßigkeit einer Janine Kunze gebraucht, der Beweis wäre beim “Alm“-Start erbracht. Ihr Partner Daniel Aminati ("taff")  scheint ohnehin seit Beginn seiner medialen Präsenz erfolgreich das Ziel zu verfolgen, als perfekter Moderatoren-Klon durch den Äther zu schwirren. Er wäre bei “red“ oder als kosmetischer Assistent beim Pudern verwöhnter Millionärstöchter besser aufgehoben, als in einer halbwegs humoristischen Moderationsrolle beim ProSieben-Neurosen-Bingo. ProSieben hat nicht nachgedacht: Der Sender hätte die in der langweiligen Show “17 Meter“ völlig falsch platzierten Moderatoren Joko und Klaas lieber auf der “Alm“ einsetzen sollen: Das Format hätte als Heimspiel deutlich besser zu ihren Fähigkeiten gepasst. Im Vergleich mit den angestrengt lockeren Kunze und Aminati wären beide allemal die lustigere Zietlow-Bach-Kopie gewesen.

Die Geschichte des Formates selbst ist schnell erzählt: Das multisexuelle Gebinde medial gescheiterter Einzelschicksale wird selbstgewählt und öffentlich in gruppendynamische Prozesse gezwängt. Aufgaben, Pflichten und Rollen bilden das übliche dramaturgische Korsett. Eine leichte Aufgabe für die Produktion: Man kann einfach abwarten, bis der Haufen verhaltensoriginell wird, kann aufzeichnen und schneiden. Das Problem besteht nie im Mangel an Material, es besteht eher in der Auswahl. Im Laufe der Zeit verdichtet sich zwangsläufig die Dynamik: Es entstehen Konkurrenzen, Konflikte, Bündnisse und das, was oberflächliche Betrachter für Beziehung halten. Zunehmend werden Toleranz und seelische Ressourcen nagend wachsenden Belastungen unterzogen. Die Luft wird dünner für die erfolgreiche  Kontrolle der eigenen Außenwirkung. Auftanken und Entspannung werden schwieriger. Wo dauerhaft Räume für nötigen Rückzug eng werden, sucht man wie ein Hamster im Laufrad alternative Sicherheit, etwa in der Position mit oder der gegen andere. So ganz ohne Zuhause geht´s halt nicht. Nicht mal in Tirol.

Situationen wie sie das "Alm"-Konzept vorsieht, sind letztlich für annähernd jeden schwierig. Erst Recht für das Bündel jener, die ihren Platz vor der Kamera mit Anerkennung oder Bedeutung verwechseln. Ist das Unterhaltung?Die Antwort ist: grundsätzlich ja – wenn man denn ordentlich produziert und ein wenig Geld in die Hand nimmt. Beides ist gestern ProSieben nicht gelungen. Schlechte Übergänge, lausige Moderatorenrollen und -texte, ab und an die falsche MAZ, jede Menge Verhaspelungen und kein lebendiger Spannungsbogen. Das war Kreisklasse und verschenkter Raum. Dabei wäre der Markt aktuell weit offen für erstklassige Quoten: Eine Tragik der Berichterstattung über weltweite Wirtschaftskrisen, über Insolvenzen europäischer und US-amerikanischer Haushalte besteht darin, dass sie kaum Unterhaltungswert besitzen. Viel zu weit weg das alles. Man identifiziert sich als Zuschauer mit Insolvenzen erst dann, wenn man selbst kurz vor der Pleite steht. Werner Lorant hat diese Erfahrung gemacht. Und da Zuschauer durch überflüssige Krisen-Infos in weltweiten Wirtschafts-Kontexten quotentechnisch erfolgreich kaum noch zu belästigen sind, braucht es für Unterhaltung und Entspannung einen Gebinde TV-Irrer, die es noch ein wenig schlechter getroffen haben als der Zuschauer selbst. Paradoxe TV-Mutanten, die im Rahmen eines unschlagbar phantastischen Geschäftsmodelles nicht nur absonderlich wirken, sondern mit Ihrer Neurose auch noch bekannter werden und Geld verdienen. Mehr Hoffnung geht nicht für Zuschauer, egal wie verzweifelt sie selbst sind.

Programmstrategisch ist der Neustart der "Alm" klug. Man will auf der RTL-Dschungel-Welle mitsurfen und jene Zuschauer abgreifen, die sich 3 bis 4 “Dschungelcamps“ pro Jahr wünschen und mit Billig-Produktionen zufrieden sind. Der Zeitpunkt des Formates ist nicht dumm gewählt, betrachtet man die aktuelle Landschaft von Genres und Wettbewerbs-Formaten.

In allen inhaltlichen Fragen hinkt der Vergleich mit dem “Dschungelcamp“ allerdings: Es ist, als wolle man in einer fußballlosen Zeit die Fans von Borussia Dortmund (“Dschungel“) für den SC Paderborn (“Alm“) gewinnen. Zwischen beiden Formaten liegen Welten: Qualität von Produktion, Moderatoren-Duo und nicht zuletzt die Qualität der Texte. Einen Jens-Oliver Haas als Autor muss man bei ProSiebenSat.1 lange suchen. Der Mann ist beim Dschungel mehr als die halbe Miete.

Um es mit einem Zitat des Boxphilosophen Henry Maske zu sagen:  “Der Unterschied ist deutlich anders“. So wird der “Alm“  jener Erfolg anderer Kopien verwehrt bleiben, die an ihrem Original vorbeizogen: Charlie Chaplin erreichte 1915 in San Francisco in einem Charlie-Chaplin-Doppelgänger-Wettbewerb nicht einmal das Finale.

Mehr über den Autor:
http://www.leadership-academy.de

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