“Verlage hatten die Schraube überdreht”

Der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) und die Gewerkschaften Verdi und DJV hatten sich am gestrigen Donnerstag auf einen neuen Tarifvertrag für Zeitungsredakteure geeinigt. Der Einigung war ein ungewöhnlich langer und mit harten Bandagen geführter Arbeitskampf der Redaktionen vorausgegangen. MEEDIA sprach mit Ralf Settmacher, stellvertretender Vorsitzender des Betriebsrats der Süddeutschen Zeitung über den Streik, die Einigung und das veränderte Berufsbild des Zeitungsjournalisten.

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Wie bewerten Sie die Einigung im Tarifstreit mit den Zeitungsverlagen?

Der Gehaltsabschluss ist mehr als schlecht. Zwei Einmalzahlungen von 200 Euro und einmal 1,5 Prozent linear in drei Jahren bedeuten einen weiteren Reallohnverlust für die Journalisten, die schon in den vergangenen zehn Jahren der allgemeinen Lohnentwicklung hinterhergelaufen sind. Mit dem Abschluss kann man allerdings deshalb einigermaßen leben, weil eine wesentlich schlimmere Katastrophe verhindert wurde, das so genannte Tarifwerk 2 für Berufseinsteiger, die gegenüber ihren älteren Kollegen alles in allem rund 25 Prozent Einbußen hinnehmen sollten. Das waren die Vorstellungen der Unternehmer. Damit haben sie sich nicht durchgesetzt. Vielleicht sind die Verleger den streikenden Kolleginnen und Kollegen später noch einmal dankbar dafür, dass die diese gravierende Abwertung des Journalistenberufes verhindert haben.

Welchen Beitrag sollten den die Redaktionen zu den Herausforderungen des Medienwandels leisten?

Die Lage der Zeitungsbranche hat sich sicher zum Negativen entwickelt, weil die Anzeigenerlöse seit Jahren zurückgehen. Qualitätszeitungen wie die Süddeutsche Zeitung haben aber sicher eine Zukunft. Der Beitrag der Journalisten zur Meisterung der Strukturkrise lautet Qualität durch Hintergrundberichte, die andere Medien nicht liefern. Ansonsten sind die Verleger gefragt, die die Arbeit der Journalisten über das Internet nicht länger kostenlos anbieten dürfen. Doch da sind sich die Herren leider nach wie vor nicht einig.

Ist es nicht auch legitim, dass Verlage renditeorientiert agieren?

Verlage müssen wie andere Wirtschaftsunternehmen auch Gewinne machen, sonst können Sie auf Dauer nicht überleben. Allerdings sollten die Renditeziele realistisch sein. Wer bekommt denn heutzutage irgendwo mehr als fünf, sechs Prozent Rendite? Die Verleger wollen zweistellige Gewinne, das halte ich für unrealistisch und überzogen. Außerdem genießen Zeitungsverlage steuerliche Vorteile (ermäßigter Umsatzsteuersatz) und haben als sogenannte Vierte Macht im Staate eine besondere Verantwortung. Leider sind sich viele der jüngeren Verlegergeneration dieser Verantwortung nicht oder nicht ausreichend bewusst.

Sind die Rahmenbedingungen für die Arbeit von Journalisten heute noch in Ordnung?

Wenn sich die Verleger mit ihren Forderungen durchgesetzt hätten, dann hätte die Antwort eindeutig "Nein" gelautet. Nach fünf Jahren Studium, zwei Jahren Volontariat und meist noch mehreren Jahren freiberuflich schlecht bezahlter Tätigkeit lässt der Reiz für viele junge Leute sicher nach. Idealismus gut und schön – aber nicht um jeden Preis.

Besteht nicht auch die Gefahr, dass immer mehr Verlage die Tarifbindung verlassen, wenn hohe Abschlüsse erstreikt werden?

Von hohen Abschlüssen kann ja keine Rede sein. In den letzten zehn Jahren musste ja ein Reallohnverlust hingenommen werden. Und auch diesmal waren die Forderungen – verglichen mit anderen Branchen – eher moderat. Trotzdem werden sich möglicherweise einige Verleger aus der Tarifbindung verabschieden – mit der schönen Ausrede, der Abschluss sei nicht akzeptabel. Dann ist es an den Kollegen in den betroffenen Verlagen, sich Abschlüsse zu erstreiten. Es gibt ja die Möglichkeit Haustarifverträge zu erstreiken. Dann ist für die Verleger ja nichts gewonnen. Das erfordert allerdings starke Belegschaften und den Mut zum Arbeitskampf. Es gibt Beispiele, wo dies gelungen ist, zum Beispiel in Frankfurt.

Gibt es nicht längst eine Art "Journalismus zweiter Klasse" bei den zahlreichen freien Mitarbeitern, die von Verlagen beschäftigt werden und die im Vergleich zu festangestellten Kollegen oft deutlich schlechter gestellt sind?

Doch, das ist leider so. Hier müssten die Sozialversicherungsträger tätig werden und die Verlagshäuser kontrollieren. Denn in vermutlich allen Redaktionen gibt es Scheinselbstständige, die für weniger Geld als ihre festangestellten Kolleginnen und Kollegen arbeiten. Ein Weg wäre der Gang ans Arbeitsgericht. Doch den scheuen die meisten aus Angst, an die Luft gesetzt zu werden. Deshalb müsste eben von staatlicher Seite gegen die sich verbreitende Tendenz zur Scheinselbstständigkeit vorgegangen werden. Bis vor etwa zehn Jahren gab es ja regelmäßige Kontrollen in den Betrieben, um dieser Unsitte Einhalt zu gebieten.

Wie würden Sie speziell in Ihrem Haus die Atmosphäre zwischen Verlagsspitze und Redaktion beschreiben?

Die Situation ist angespannt aber nicht vergiftet.

Früher war es undenkbar, dass in Tageszeitungsredaktionen tagelang gestreikt wurde. Vor allem auch in Regional- und Lokalredaktionen. Was hat sich geändert?

Die Verleger haben nach vielen Sparrunden in der Vergangenheit die Schraube diesmal einfach überdreht. Ich kann mich nicht erinnern, dass bei der SZ in früheren Tarifauseinandersetzungen jemals acht Tage gestreikt wurde. Diesmal war es so. Und dabei stand die SZ ja beileibe nicht an der Spitze der Streikfront. Die "Alten" sind solidarisch mit den Jungen und das ist schön zu sehen. Hätte es nicht in allen Zeitungshäusern Streikbrecher gegeben, ich bin mir sicher, der Tarifkonflikt wäre längst früher im Sinne der Journalistinnen und Journalisten beendet worden.

Würden Sie Ihren Kindern heute noch raten, Journalist zu werden?

Wenn die Rahmenbedingungen stimmen und man bei einer Zeitung wie der Süddeutschen unterkommen kann, ein klares Ja. Ansonsten: Ich bin mir nicht sicher.

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