Rückert rechtfertigt „parteiliche Reportage“

In einem Vortrag auf dem Reporter-Workshop, einer Veranstaltung des Reporter-Forums, hat Sabine Rückert ihr Vorgehen im Fall Kachelmann gerechtfertigt. Unter dem Titel "Die parteiliche Reportage" fordert die Zeit-Autorin, dass der Gerichtsreporter "sich einmischen" solle. Und weiter: "Er soll nicht zuschauen, wie Unrecht im Namen des Volkes gesprochen wird, sondern soll Stellung beziehen." Rückert war durch ihre aktive Rolle im Strafprozess gegen den Moderator in die Kritik geraten.

Anzeige

Zum ersten Mal seit dem Freispruch im Vergewaltigungs-Verfahren gegen den 54-Jährigen nimmt Rückert damit öffentlich Stellung zu ihren Motiven. Ihre Argumentation: "Kein anderer Reporter wird in dieser Weise mit Unrecht und existenzieller Not konfrontiert wie der Gerichtsreporter." Daraus erwächst für die Kriminalautorin das Recht zur Parteilichkeit, "gegen Anwälte, die ihre Klienten im Stich lassen, gegen Gutachter, die lügen, Staatsanwälte, die einseitig ermitteln."
Im Fall Kachelmann habe sie befürchtet, dass dieser zum "Justizskandal" zu werden drohte. Ihre gedankliche Situation beschreibt sie so: "Es geht dem Gerichtsreporter immer wieder so wie einem, der sieht, dass sich ein Käfer in eine Pfütze verirrt hat. Er ist ja Reporter, er muss parteilos bleiben. Soll er warten, bis der Käfer ertrunken ist, oder soll er ein Stöckchen reinhalten und den Käfer rausholen? Das ist die Frage, vor der ich immer wieder stehe. Und ich habe mich entschieden, den Leuten, die mich um Hilfe bitten, zu helfen."
Rückert hatte in dem Verfahren mehrfach Kritik auf sich gezogen. So forderte sie den ersten Strafverteidiger des Angeklagten, den Kölner Juristen Reinhard Birkenstock, dazu auf, einen Spezialisten hinzuzuziehen – und machte dies praktisch zur Bedingung eines wie auch immer gearteten "Zusammenkommens". Gemeint war der Hamburger Strafrechtsexperte Johann Schwenn, der zuvor in einem ähnlich gelagerten Fall einen Freispruch erreicht hatte und kurze Zeit später Birkenstock als Kachelmann-Verteidiger ablöste. Dies löste eine Diskussion sowohl über die Hintergründe der Entscheidung wie auch die Rolle der Zeit-Autorin aus. Links zu den entsprechenden MEEDIA-Berichten finden sich unter diesem Artikel.
Was aber ist von den Motiven und der Begründung Rückerts zu halten? Zuallererst war es an der Zeit, dass eine Autorin, die über Monate so parteiisch berichtet, dies auch öffentlich zugibt. Einen entsprechenden Hinweis hätte man sich bereits in der Schlussphase des Prozesses unter den immer tendenziöser erscheinenden Artikeln und Dossiers der Zeit-Schreiberin gewünscht, etwas in der Art wie: "Redaktioneller Hinweis: Unsere Autorin ist in diesem Verfahren Partei." Dies hätte vieles nachvollziehbarer gemacht, was Rückert über den Prozess, die Zeuginnen und die Gutachten publizierte.
Schon ans Unseriöse – und das ausgerechnet in einem Medium wie der Zeit – grenzte die Zusammenfassung des Verfahrens in einem Text, der das große Kachelmann-Interview der Autorin nach dem Freispruch flankierte: Dort fehlten wesentliche Punkte des Prozessverlaufs, und auch die Argumentation des Gerichts bei der Begründung des Urteils erschien hier sinnverfälscht, vor allem in dem Punkt, dass es am Ende ein Freispruch zweiter Klasse war. Das ist zwar nur ein Randaspekt, da das Kernstück in diesem Zeit-Dossier Anfang Juni die große Abrechnung des Angeklagten mit der Justiz und der Belastungszeugin ("Mich erpresst niemand mehr") war, er zeigt aber, wie sehr die Autorin sich von einer unvoreingenommenen Berichterstattung entfernt hatte.
In Teilen wird jeder halbwegs erfahrene Gerichtsreporter das Plädoyer Rückerts nachvollziehen können: Man leidet mit, wird zum Detektiv, zieht Schlüsse, verzweifelt manchmal am Grundsatz der Neutralität. Dies gilt umso mehr, je gewichtiger die Anklage, je schlimmer der eingetretene und oft irreperable Schaden für die Beteiligten, je bedrückender der schleppende Gang der Wahrheitsfindung in einem Gerichtsapparat, je unangemessener das Auftreten von Ankägern oder Anwälten ist. Jeder Reporter hat auch eine Meinung, und gerade im Gericht fällt es schwer, diese auszblenden.
Aber: In der Konsequenz ist das, was Sabine Rückert fordert, die Kapitulation des Journalismus. Der Reporter wird im besten Fall zum Kampagnentreiber, im schlechten zum Agitator. Bei all dem ist zu berücksichtigen, dass auch ein umfassend informierter Journalist in einem laufenden Verfahren Gefahr läuft, Details zu übersehen, Gutachten falsch zu interpretieren, Zeugen falsch einzuschätzen. Die Forderung Rückerts nach "Einmischung" kann verhängnisvolle Folgen haben, weil sie Maßlosigkeit propagiert, wo Bescheidenheit angemessen wäre, und weil sie die Rolle des Berichterstatters als Akteur im Prozess umdefiniert – die Kriminalautorin wird zur Kriminalkommissarin.
Rückert hat beim Fall Kachelmann keine großartigen Stücke abgeliefert, ihre Dossiers wirkten getrieben und mit taktischem Kalkül gesetzt, fast, als ginge es ihr vor allem darum, den Prozess zu gewinnen. Das war kein Ruhmesblatt, und hoffentlich kommt niemand bei den üblichen Gelegenheiten auf die Idee, diesen Borderline-Journalismus auch noch mit einem Preis zu adeln. Dass die Anklage wackelig, die Belastungszeugin wenig glaubwürdig und ein Freispruch geboten ist, haben viele seriöse Berichterstatter früh erkannt. Und dass es auch in der Justiz große Zweifel an der Schuld des Angeklagten gab, wurde deutlich, als das Oberlandesgericht Kachelmanns Haftentlassung ohne Auflagen entschied. Die Begründung der Richter für diesen Schritt nimmt das Urteil voraus.
Die Freilassung hatte nicht Schwenn, sondern Birkenstock erwirkt. Es wäre naiv, davon auszugehen, dass der Einsatz Rückerts einen Schuldspruch verhindert haben könnte, was die Autorin gewiss anders sieht. Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass sich der ganze Fall schon deswegen nicht für die von der Zeit-Autorin geführte Grundsatzdebatte eignet, weil die Geschehnisse der angeblichen Tatnacht auch nach dem Prozess im Kern nicht aufgeklärt sind. Zurück bleiben Zweifel in alle Richtungen. Dass Jörg Kachelmann eine Vergewaltigung nicht nachzuweisen war, ist klar und der Freispruch damit die einzig mögliche Folge. Dass Sabine Rückert nun den Eindruck erweckt, es handele sich nicht um die Unschuldsvermutung, sondern erwiesene Unschuld, ist eine bewusste Fehlinterpretation – und eine Niederlage für den Journalismus.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige