Frau Roche und die Finanzkrise

Was haben Charlotte Roche und die Finanzkrise gemeinsam? Auf den ersten Blick nicht viel. Wenn es aber darum geht, wie Medien über diese beiden Themen berichten, gibt es doch eine Reihe von Parallelen. Zugespitzt formuliert: Im Umgang der Medien mit der Schriftstellerin und der globalen Finanzkrise zeigt sich, wie diese zu Getriebenen werden. Nicht die Medien setzen die Themen, die Themen scheinen die Medien zu beherrschen.

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Was haben Charlotte Roche und die Finanzkrise gemeinsam? Auf den ersten Blick nicht viel. Wenn es aber darum geht, wie Medien über diese beiden Themen berichten, gibt es doch eine Reihe von Parallelen. Zugespitzt formuliert: Im Umgang der Medien mit der Schriftstellerin und der globalen Finanzkrise zeigt sich, wie diese zu Getriebenen werden. Nicht die Medien setzen die Themen, die Themen scheinen die Medien zu beherrschen.

Zunächst zur sogenannten "Skandalautorin" Charlotte Roche und ihrem neuen Bestseller "Schoßgebete". Der aus meiner Sicht bezeichnendste Satz von Roche fiel in dem sechseinhalb Seiten langen Spiegel-Interview vom 8. August. Da sagte Roche: "Ich verstehe, wie Medien funktionieren." In der Tat, Roche versteht. Kaum ein Magazin, das nicht über Roche berichtet oder mit ihr gesprochen hat. Ihre Karriere bei dem Musiksender Viva, vor allem aber der Erfolg ihres ersten Buches "Feuchtgebiete", waren Roche Anschauungsunterricht genug.

Das Phänomen: Roche braucht gar kein spezielles Thema. Gut, dieses Mal geht es in ihrem Buch um Sex und Tod, keine kleinen Angelegenheiten. Aber eigentlich ist Roche selber die Geschichte. Mit ihrer (freimütigen oder kalkulierten) Einladung an Journalisten, Romanfigur und Autorin gleichzusetzen, entblößt sich Roche zugleich via Medien vor der Öffentlichkeit. Und spielt gleichzeitig mit ihnen. Denn natürlich ist es weder ein unschuldiger noch ein unbedachter Satz zu sagen: "Ich verstehe, wie Medien funktionieren."

Nach dem Spiegel folgte das Zeit Magazin, in dem Roche und ihre Freundin Jana Hensel zu einem, wie es heißt, "intimen Gespräch unter Frauen" aufeinander treffen: "Lass uns über Sex reden". Das ist, mal ganz abgesehen von der bis hin zu den Fotos totalen Inszenierung eines Gespräches, einerseits eine Abwandlung des regulären Interviews-Formats; es gibt einen eigenen Zugang. Doch gleichzeitig ist die Wahl des Gespäches unter Freunden auch die freimütige Preisgabe der Möglichkeit, Person und Werk kritisch zu hinterfragen ("Du hast einen ziemlich geilen Arsch, und das weißt Du auch").

Die dritte Variante wählte dann der Stern, der Roche sogar auf den Titel hob: "Die Missionarin" hieß es dort, die achtseitige Strecke, die etwa zur Hälfte aus Fotos bestand, lief dann unter der Überschrift: "Die Erregerin". Stern-Autorin Ulrike Posche versuchte "Annäherungen an ein Phänomen", zitierte großzügig aus dem neuen Buch und nannte die Autorin an einer Stelle "Frau Roche aus Köln". Soweit zum Thema Annäherung. Viele andere Publikationen, groß und klein, berichteten natürlich auch großflächig über die Autorin.

Roche, da lag der Stern mit seiner Überschrift schon sehr richtig, ist ein Beispiel dafür, wie die Erregungsmaschinerie der Medien funktioniert. Völlig unabhängig davon, wie die Autorin tatsächlich gestrickt ist und welche Agenda sie hat – Person und Programm, vollkommen identisch, passen perfekt in das Beuteschema der Medien. Innerhalb kürzester Zeit läuft das Roche-Programm der meinungsbildenden Medien ab, abgestimmt auf den Verkaufsstart des Buches, das von Buchhändlern schon eine halbe Million mal vorbestellt wurde. Alle Beteiligten wissen, dass mit Roche vermutlich auch Auflage zu machen ist – und ziehen mit Interviews, Berichten und Rezensionen nach. Setzen die Medien ihr Thema selber? Eher nicht. Die Bestseller-Liste diktiert, dass eine Roche-Titelgeschichte vermutlich eine gute Wahl wäre.

Nun zur Finanz/Euro/Börsenkrise. Auch sie ist im Spiegel der Medien ein Erregungsthema. Wie die Finanzkrise vor drei Jahren diktieren die Börsenkurse den Grad der Erregung. Am Donnerstag hieß es beispielsweise auf Spiegel Online: "US-Börsenkure rasen ins Minus." In der Tagesschau sprach Börsenreporterin Anja Kohl von einem "Sturzflug". Die Untergangs-Rhetorik dominiert.

Die fallenden Kurse sind real, doch allein die Wahl der Wörter und der dazu gestellten Bilder von Börsenhändlern mit Händen vor den Augen und offenen Mündern zeigen, dass hier eine Eskalationsstufe gezündet wird, die wenig Raum für weitere Drastik lässt. Medien, die das Spiel des Sensationalismus mitspielen, werden dabei selber zu Getriebenen. Die Finanzmärkte haben sie im Griff, nicht umgekehrt. Und wer wiederum die Finanzmärkte noch im Griff hat, weiß niemand.   

Wie beim Beispiel Charlotte Roche geht es Journalisten auch bei der Finanzkrise darum, ein Phänomen zu erklären. Die Medien beziehen ihre Legitimation aus dem Anspruch, etwas für Außenstehende schwer Verständliches so zu erklären, dass es nachvollziehbar wird. Doch ebenso wie bei Roche scheitern die von der Erregung gepackten Medien in der Regel daran – die Erklärungsversuche werden von den eindeutigen Botschaften – hier Sex, da Panik ums Geld – einfach überlagert. Wer nicht mitmacht, hat schon verloren. Wer nicht laut genug auf sich aufmerksam macht, bekommt erst gar nicht die Gelegenheit, einen Erklärungsversuch für ein Phänomen, einen Trend, eine aktuelle Entwicklung loszuwerden.

In Redaktionen landauf-landab wird in diesen Tagen vermutlich diskutiert, wie man über die Finanzkrise berichten soll. Es wird vielleicht auch darüber gesprochen, wie man mit "diesem Sex-Buch" umgehen soll. Das erste Thema ist essentiell, das zweite scheint einen Nerv zu treffen. Weglassen ist also bei beiden keine Option. So grundverschieden beide Themen sind, so sehr flüstern sie beide den Blattmachern ins Ohr: Bring mich groß raus!

Medienmacher, die angesichts des leichten Weges, den sie gehen könnten, nach weniger ausgetretenen Pfaden suchen und sie vielleicht sogar finden, gebührt Anerkennung.    

Nachtrag: Wie es anders gehen könnte, zeigt mal wieder der Economist. Natürlich ist auch die aktuelle Ausgabe nicht krisenfrei. Die Titelgeschichte läuft aber trotzdem gänzlich gegen den Mainstream und lautet: "Asia´s lonely hearts – Why Asian women are rejecting marriage and what it means". Solche Cover abseits der Aktualität leisten sich ansonsten nur der New Yorker und ein paar andere, kleinere Magazine.

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