Pinkelnder Depardieu stopft das Sommerloch

Das Sommerloch wird diesmal nicht durch entfleuchte Kaimane oder hochgiftige Monokelkobras dominiert, sondern durch einen sehr bekannten und sehr dicken Franzosen, der in ein Flugzeug gepinkelt hat. Gérard Depardieu (aka Obelix) ist der Mann, der dem Begriff Pipi-Meldung eine ganz neue Bedeutung im echten Wortsinne bescherte. Das Malheur fand am Donnerstag seinen Weg auf die Titelseiten der Presse. Den bemerkenswertesten Beitrag lieferte einmal mehr Bild-Briefeonkel Franz Josef Wagner.

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Am größten war die Erregung über das öffentliche Ärgernis offenbar in der Redaktion des Kölner Express. In der karnevalsgestählten Redaktion räumte man gleich die halbe Titelseite frei und schlagzeilte: “Depardieu pinkelt ins Flugzeug”. Dazu ein Foto des Mimen mit weit aufgerissenen Irren-Augen und ein Flugzeug-Foto. Fertig. Im Text dazu hieß es: “Heiliger Springbrunnen, da konnt’s einer wohl einfach nicht mehr halten!”

Die Münchner Abendzeitung fasste die Pinkel-Affäre dagegen nur mit spitzen Fingern an. Und brandmarkte Depardieu ganz unten auf dem Titel als Tages-Verlierer unter der Überschrift “Beileid”. Er sei “sturzbetrunken” in eine Air France Maschine gewankt, hieß es, habe rumgepöbelt und es dann “laufen lassen”. Air France? Da ist die Presse sich uneins. Die meisten Zeitungen schreiben wahlweise von einem Flugzeug der Air France oder der Air France Tochterfirma City Jet. Nur die Welt will (auch auf dem Titel!) wissen, dass es sich um eine Maschine der holländischen Linie KLM handelte. Ist aber eigentlich auch egal, denn die Holländer sind ja bekanntermaßen sehr liberal.

Ansonsten zeigt man sich bei der Welt erstaunlich verständig für den Druck eines Weltstars. “Man möchte nicht in seiner Haut gesteckt haben. Aber was hätte er denn tun sollen?”, fragt die Zeitung. Ja, was nur? Noch mehr Verständnis spricht nur aus den Zeilen von Bild-Briefeonkel Franz Josef Wagner. Die Springer-Presse schlägt sich ganz offenbar auf die Seite Depardieus. Kampagne? Wagner räsoniert in seiner “Post an Gérard Depardieu” zunächst darüber, dass er gewankt und geschwankt habe, wem er seine aktuelle Post widmen soll: dem pinkelnden Charakter-Darsteller oder den Autoanzündern von Berlin. Er, Wagner, dem nichts Menschliches fremd scheint, entschied sich für den Pinkel-Mann.

Und, was soll man sagen, natürlich schafft es Wagner, das in jeder Hinsicht bemerkenswerteste Stück zum Zwischenfall abzusondern. Er sich in einer szenischen Rekonstruktion (Spiegel-Leute und Nannen-Preis-Jury aufgepasst!) geradezu in die Hirnwindungen Depardieu hineinkriechen: “Man beginnt zu schwitzen, man presst die Pobacken aneinander. Man kämpft. Pissen zu unterdrücken ist das Schlimmste auf der Welt.”

Und dann, fast bedauernd:  “Weil man so zivilisiert ist, weil es unter Strafe steht, an einen Baum zu pissen. Gott war es schön, als wir Wilde waren, glückliche Ureinwohner unseres Planeten, als wir nackt waren und uns nicht schämten.” Kam der Bild-Kolumnist geradewegs aus einer Vorstellung des neuen “Planet der Affen”-Films? Nein, das ist abwegig. Wagner geht bestimmt nicht ins Kino. Zu viele Menschen, zu wenig Klos. Er würde wahrscheinlich einfach nur gerne mit sperrangelweit offener Hose durch Berlin flanieren.

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