Soll Domscheit-Berg „kaltgestellt“ werden?

Daniel Domscheit-Bergs Rausschmiss beim Chaos Computer Club sorgt für äußerst zwiespältige Meinungen in der Internet- und Hackerszene. Für Netzpolitik.org-Autor Linus Neumann ist die Sache klar: „Daniel soll kaltgestellt werden. Das ist inzwischen offensichtlich.“ Der Blogger Fefe schreibt, die Club-Reaktion wirke so, „als wollten wir uns munter ins Gefecht stürzen und beim Schlammcatchen mitmachen“. Es seien „lauter verletzte Persönlichkeiten im Spiel, die sich da ein Auge-um-Auge liefern“.

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„Wenn man sich schon zu so einem Schritt entschließt (und schon das halte ich für einen Fehler), hätte man zumindest Daniel Gelegenheit geben müssen, von sich aus die Mitgliedschaft niederzulegen. So zivilisiert sind wir ja wohl“, wettert Felix von Leitner alias Fefe gegen die Nacht- und Nebelaktion des CCC.
Netzpolitik.org-Autor Linus Neumann war selbst an dem Abend im CCC-Sommercamp in der brandenburgischen Ortschaft Finowfurt anwesend und berichtet: „Es ist bei weitem nicht so, dass alle Mitglieder hinter der Entscheidung stehen, geschweige denn – im Gegensatz zur überraschend gut unterrichteten Presse – überhaupt darüber informiert waren.“ Der CCC zerfleischt sich offenbar selbst. Zumindest aber sorgt er intern für jede Menge Unruhe.
Denn was sich am Wochenende abspielte, war das abrupte Ende einer heftigen Auseinandersetzung. Der Chaos Computer Club warf den Ex-Wikileaks-Sprecher Domscheit-Berg  quasi in einer Nacht- und Nebelaktion raus. Für seine neue Enthüllungsplattform Openleaks soll er den Namen des Vereins für seine Zwecke missbraucht haben. Denn Domscheit-Berg habe den Eindruck erweckt, als würden CCC-Mitglieder sein Portal testen. „Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat“, sagte daraufhin CCC-Vorstandsmitglied Andy Müller-Maguhn gegenüber der dpa.
Domscheit-Berg reagierte verwundert auf den Rausschmiss. Mit ihm sei vorher nicht darüber gesprochen worden. Außerdem sei er nur Mitglied im CCC Berlin und nicht in der Dachorganisation.
Bereits kurz zuvor hatte der Spiegel den CCC-Sprecher mit den Worten zitiert, "wir sind im Vorstand des CCC überhaupt nicht glücklich darüber, dass Domscheit-Berg den Eindruck erweckt hat, OpenLeaks werde von unseren Leuten getestet und so mit einer Art CCC-Gütesiegel versehen". Weiter kommentierte Müller-Maguhn: "Der CCC ist kein TÜV. Wir lassen uns nicht vereinnahmen. Das war unverschämt."
Der von dem Club losgetretene Ärger richtet sich zwar in erster Linie gegen Domscheit-Berg persönlich. Doch auch sein Projekt Openleaks dürfte in Mitleidenschaft gezogen werden. In der Ausschlussentscheidung heißt es nämlich, OpenLeaks sei intransparent. Der CCC könne nicht beurteilen, ob potenzielle Whistleblower, die sich OpenLeaks anvertrauten, nachhaltig geschützt werden könnten, zitiert dpa aus dem Dokument.
Schon zuvor hatte es Unstimmigkeiten zwischen dem CCC und Domscheit-Berg gegeben. Dabei ging es um vertrauliche Daten, die der ehemalige Wikileaks-Sprecher von seinem früheren Arbeitgeber entwendet haben soll. Müller-Maguhn trat als Vermittler auf – erfolglos.
Ob mit oder ohne Unterstützung durch den Chaos Computer Club – noch ist Openleaks nicht online. Ursprünglich sollte das Projekt bereits im Januar starten. Nach mehreren Verspätungen endete am gestrigen Sonntag eine Testphase von Openleaks. Als Partner waren unter anderem die taz. Der Freitag und die Organisation Foodwatch dabei.
Update 16.15 Uhr: MEEDIA liegt jetzt eine Stellngnahme des Chaos Computer Clubs sowie die originale Ausschluss-Meldung vor. Der Verein finde "Leaking-Plattformen nach wie vor richtig und wichtig. Um die Vertrauenswürdigkeit beurteilen zu können, müssen allerdings sowohl konzeptionelle als auch technische Parameter offen liegen", sagte Müller-Maguhn zu MEEDIA. "Hier ist Openleaks auch deswegen in der Bringschuld, weil der Name ‚Open‘ ja eine offene Vorgehensweise suggeriert."
Ausschluss-Meldung: "Der Vorstand des Chaos Computer Club e.V. hat Herrn Daniel Domscheit-Berg gemäß Paragraph 5 Absatz (1) der Satzung von der Mitgliedschaft im Chaos Computer Club e.V. ausgeschlossen, weil er das Ansehen des Vereins geschädigt hat.
Durch die öffentliche Darstellung der Präsentation seines Projektes OpenLeaks hat er den Eindruck erweckt, die Veranstaltung des diesjährigen Chaos Communication Camp oder dessen Teilnehmer bzw. die Mitglieder des Chaos Computer Club hätten es Übernommen, eine Art Sicherheitsüberprüfung seiner Openleaks Struktur und des von ihm versprochenen Quellenschutzes durchzuführen.
Tatsächlich ist Openleaks für den CCC intransparent, der CCC kann gerade nicht beurteilen, ob potentielle Whistleblower, die sich Openleaks anvertrauen, nachhaltig geschützt werden können und geschützt werden. Der Vorstand des Chaos Computer Club e.V. sieht im Vorgehen von Domscheit-Berg ein Ausbeuten des guten Rufes des Vereins."

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