“Hart aber Fair” als großer Talk-Verlierer

Der frühere Leiter des Grimme-Instituts, der Publizist Bernd Gäbler, hat für eine Studie der Otto-Brenner-Stiftung die deutsche Talkshow-Landschaft unter die Lupe genommen. In der Studie “...und unseren täglichen Talk gib uns heute!” erarbeitet Gäbler eine Art Anatomie der Talkshow mit besonderer Berücksichtigung der Talk-Schwemme im Herbst bei der ARD. Sein Fazit: Die Inflation der Talkshows entwertet jede einzelne Sendung. Und: Der größte Verlierer der Reform sei Frank Plasbergs “Hart aber Fair”.

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Ab September zeigt die ARD im Ersten Programm jede Woche fünf abendliche Talkshows: Günther Jauch, Frank Plasberg, Sandra Maischberger, Anne Will und Reinhold Beckmann talken dann von sonntags bis donnerstags hintereinander. Gäbler kommt in seiner Studie zum Fazit, dass Plasberg mit seiner Sendung “Hart aber Fair” der große Verlierer der ARD-Talk-Offensive ist: “Am härtesten trifft die Talkshow-Fülle Frank Plasberg und ‘Hart aber Fair’. Er ist vom Dritten Programm ins Erste gewandert und hat sich dort auf einem neuen Sendeplatz erfolgreich durchgesetzt. Nun muss er vom Mittwoch auf den Montag ziehen.” Gäbler stellt mit Recht die Frage, was sich an der Themenlage von Sonntag auf Montag groß verändern soll. Günther Jauch besetzt mit seinem Talk am Sonntag-Abend die “Pole Position”. Kaum ein Top-Gast dürfte sonntags zu Jauch kommen und montags darauf nochmal bei Plasberg auftauchen. Außerdem hat “Hart aber Fair” am Montag um 21 Uhr ein eher undankbares Vor-Programm: “Mal gibt es Tierdokumentationen, mal die ‘Wunder des Amazonas’. Wer sich dafür begeistert, erwartet danach nicht unbedingt eine harte, aber faire politische Kontroverse.”

Für Sandra Maischberger ändert sich nichts, Anne Will muss am späten Mittwochabend beweisen, dass sie auch ohne die Quoten-Vorarbeit des “Tatort” zurechtkommt und “Beckmann” muss donnerstags gegen die Konkurrenz von “Maybrit Illner” im ZDF antreten. Alle ARD-Talker erwartet also ein eher schwieriger Herbst – mit Ausnahme von Neuzugang Jauch, der aber freilich mit überhöhten Erwartungen zurechtkommen muss.

Gäbler widmet sich in der Studie auch ausführlich der Historie der Talkshow im deutschen Fernsehen und analysiert lesenswert Gäste-Zusammensetzungen und Themencluster. Erhellend sind vor allem auch ausführliche Interviews, die für die Studie u.a. mit Anne Will, Frank Plasberg und dem früheren Regierungssprecher Béla Anda über das Wesen der Talkshow geführt wurden. Die “Inflation der Talkshows” führt laut Gäbler dazu, dass jede einzelne Sendung entwertet werde. Andere TV-Formate und Innovationen würden von der Masse an Talk-Formaten verdrängt. Bei den Talkshows selbst regiere immer mehr ein ritualisierter Einheitsbrei aus immergleichen Gästen, Themen und Einspielfilmen. Die Zuschauer würden “systematisch unterschätzt”, Erfolg werde einzig an der Quote gemessen und nicht am Erkenntnisgewinn.

Die Studie mündet in zehn Empfehlungen, wie man Talkshows nach Meinung des Autoren besser gestalten könnte. Gäbler empfiehlt: 1. Mehr Eigenständigkeit bei der Themenwahl. 2. Rituale und Formatvorgaben durchbrechen. 3. Mehr zugespitzte Kontroversen wagen. 4. Mehr Mut bei der Gästeauswahl. Gäblers frommer Wunsch: “Das öffentlich-rechtliche Fernsehen darf nicht zu einem zahmen Parteienproporz-TV degenerieren.” 5. Eine “Öffnung zur Gesellschaft” bei der Zusammensetzung der Gesprächsrunden. 6. Die zentrale “Gäste-Datenbank” der ARD sei untauglich. 7. Chefredakteure und Senderverantwortliche sollten die journalistische Unabhängigkeit der Talkshows schützen und stärken und nicht “hineinregieren”. 8. Mehr Verantwortliche aus der Wirtschaft sollten sich in Talkshows stellen. 9. “Einspielfilme” seien “oft zu Clownerien, Gimmicks oder Denunziationen verkommen”. Gäbler fordert mehr sachlich, informative Einspieler. 10. Eine neue Mischform aus Reportage und Talk hält Gäbler für anstrebenswert.

Die komplette Studie “… und unseren täglichen Talk gib uns heute!” der Otto-Brenner-Stiftung kann man hier kostenlos herunterladen.

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