Das „Raumschiff Berlin“ lockt Journalisten

Wechsel von Journalisten in den Politikbetrieb sorgen regelmäßig für Gesprächsstoff in der Branche. Das Wechseln der "Seiten" wird gelegentlich hinterfragt, als ob Journalismus eine Lebensaufgabe sei und eine Umorientierung Verrat am Berufsstand. Seit einem Jahr ist der ehemalige ZDF-Journalist Steffen Seibert Sprecher der Bundeskanzlerin. Sabine Adler, Chefin des Hauptstadtbüros vom DeutschlandRadio, wird ab Oktober für Bundestagspräsident Norbert Lammert sprechen. Eine Motivationssuche.

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Die Liste von Journalisten, die den Posten des Regierungssprechers bisher innehatten, ist gar nicht so kurz. Dazu gehören Namen wie Conrad Ahlers vom Spiegel (1969-1972), ARD-Weltspiegel-Erfinder Klaus Bölling (1974-1980 und 1982), Bild-Chefredakteur Peter Boenisch (1983-1985), Uwe-Karsten Heye (1998-2002), Bela Anda (2002-2005) und zuletzt Ulrich Wilhelm (2005-2010). (Focus Online hat die Liste hier zusammengestellt).

Als Seibert sich zum Wechsel ins Kanzleramt entschloss, fielen die Reaktionen größtenteils überrascht und irritiert zugleich aus. Warum, so die gängige Frage, gab jemand, der einen guten Job bei einem krisensicheren Sender wie dem ZDF machte, seinen Status auf? Und das zu einer Zeit, als die Koalition um Kanzlerin Merkel in den Umfragewerten schon länger Abstriche machen musste? Seibert selber sagte im Juli 2010: "Für einen leidenschaftlichen Journalisten ist das eine ganz unerwartete, faszinierende neue Aufgabe."    

"Ein Höllenjob" mit Benotung der Ex-Kollegen

ZDF-Chefredakteur Peter Frey kommentierte damals säuerlich: "Wir bedauern, dass Steffen Seibert seine Perspektive nicht im Journalismus gesehen hat." Das klang nach beleidigter Leberwurst und war vermutlich auch so gemeint. Nun ein Jahr im Amt, wird Seibert nahezu von jedem großen Medium "benotet". "Animateur mit Patzern", schrieb beispielsweise der Tagesspiegel. Ein "Höllenjob", urteilte Bild.de. "Nicht top, aber kein Flop", meinte der Autor der Süddeutschen Zeitung. Dass Seibert zu twittern begann, erscheint vielen Kommentatoren als eine seiner bemerkenswertesten Maßnahmen.

Überraschung löste auch der Wechsel von Sabine Adler aus, die Sprecherin des CDU-Bundestagspräsidenten Norbert Lammert wird. Die Journalistin wurde vom Medium Magazin zur Politikjournalistin des Jahres 2010 ernannt, genießt entsprechend eine ausgezeichnete Reputation und ist einer der politischen Köpfe des DeutschlandRadio. Nun ist ihr künftiger Dienstherr Norbert Lammert ebenfalls unbestritten ein eigener und unabhängiger Kopf im politischen Berlin. Zudem wird Adler nicht nur für Lammert sprechen, sondern beispielsweise auch die Zeitung Parlament mit verantworten, die Internetredaktion des Bundestags und die Redenschreiber.

Das DeutschlandRadio – Oase des Hauptstadtjournalismus

Und trotzdem – Adler hat einen der Jobs, die im Politikjournalismus selten sind – das DR zwingt nicht zur kurzatmigen Berichterstattung, muss nicht jede Sau mit durch die Bannmeile treiben, kann sich oft mehr Zeit als andere Kollegen nehmen, Entwicklungen zu durchdenken und zu kommentieren. Also – warum dann ein Wechsel wie dieser? Ein Interview mochte Sabine Adler zu diesem Thema nicht geben. Sie hält ihren Wechel für nicht so wichtig, als dass man darum großes Aufhebens machen müsste. Diese Position teilt sie beispielsweise mit dem ehemaligen Regierungssprecher Ulrich Wilhelm, der es stets elegant verstand, Interview-Anfragen zu seiner Rolle und seinem Selbstverständnis freundlich abzulehnen. 

Darum an dieser Stelle einige Mutmaßungen aus gegebenem Anlass:

1. Während einige politische Journalisten mit der Zeit eine Abneigung gegen das politische Berlin entwickeln, vielleicht weil sie von der Politik und ihren Machern enttäuscht wurden, stehen andere Kollegen dem "Raumschiff Berlin" offen gegenüber. Die Politik(er)verdrossenheit, die oftmals sogar ihre eigenen Medien propagieren, verspüren sie nicht. Wechseln Journalisten in die Politik und bekommen zu hören: "Wie kannst Du nur?" – dann ist dies vermutlich nur eine Spiegelung der eigenen Desillusionierung auf Seite des Fragestellers.

Ganz anders als etwa Seibert und Adler reagierte etwa der langjährige Spiegel-Journalist Jürgen Leinemann auf die Dauerbeschäftigung mit dem Hauptstadtjournalismus. In seinem Buch "Höhenrausch" schrieb er: "Ich war fünfzig Jahre alt, hatte fünfundzwanzig Jahre als politischer Journalist gearbeitet….Und noch nie waren mir bisher Zweifel gekommen an meiner Arbeit, nie hatte mich Politik gelangweilt….Doch in der zweiten Amtszeit Helmut Kohls hatte ich genug. Ich suchte mir andere Themen, begann über Sporler zu schreiben…"

2. Der politische Betrieb schreckt ab oder lockt, je nach Standpunkt. Wer jahrelang von außen über Merkel und Co. berichtet hat, entwickelt möglicherweise ein Bedürfnis danach, Einblicke zu bekommen, die ihm oder ihr als politischer Journalist gar nicht gegeben würden. Ähnlich verhält es sich mit Journalisten, die in die Unternehmenskommunikation von Konzernen gehen. Es ist das Eingeständnis, das man auch als Journalist so sehr wühlen und graben kann, wie man will – den Blick von innen bekommt man letztlich nie. Der inside view aber übt auf manche Journalisten eine große Versuchung aus. Dafür tauschen die Journalisten sogar ihre vergleichsweise großen Freiheiten gegen ein enges Korsett ein.

3. Es gibt ein Leben abseits des Journalismus. Wie oft ist in Fragebögen zu lesen, dieser oder jene Kollege habe nie etwas anderes werden wollen als eben: Journalist. Solche Äußerungen sind immer mit Vorsicht zu genießen. Denn: Vor allem, seit es in der Branche ungemütlicher wird, die Karrieren nicht mehr in den Himmel wachsen und die Gehälter vor allem für Einsteiger schon gar nicht, bekommen attraktive Jobs außerhalb der Redaktionen eine ganz neue Anziehungskraft. Dazu kommt – wer nach vielen Berufsjahren schon jeden Termin absolviert und jedes Interview geführt hat, der freut sich, so banal das klingen mag, über eine Abwechslung. Denn auch im Journalismus, dem Job, in dem jeden Tag etwas Ungewöhnliches passieren kann, gibt es repetitive Elemente.

4. Es gibt bei manchen Protagonisten im Hauptstadtjournalismus so etwas wie einen unausgesprochenen Neid auf die Personen, über die sie berichten. Zynisch wäre es, hier ein Stockholm-Syndrom zu attestieren. Dennoch ist das Nähe-Distanz-Problem in jeder Spielart des Journalismus virulent, von der Sport- über die Politik- bis zur Medienberichterstattung. Zum einen rühmen Journalisten sich mit ihrer Stellung als unabhängige Beobachter. Zum anderen suchen sie oft instinktiv die Nähe zu den Objeketen ihrer Berichterstattung. Man muss nur auf ein paar Medienparties gewesen sein, bei denen auch Politiker eingeladen waren, und wird verstehen, was gemeint ist.

5. Mehr Geld – gibt es in der Regel im politischen Betrieb nicht. Wer aus einer sicheren Anstellung etwa bei den Öffentlich-Rechtlichen in die politische Kommunikation wechselt, kann nicht in erster Linie seinen Kontostand im Auge haben. Zumal völlig unklar ist, wie sich politische Konstellationen ändern – nach der nächsten Wahl kann schon wieder alles ganz anders aussehen. Denn Kommunikatoren sind eng mit den handelnden Politikern verbunden.

Für die Journalisten, die Unternehmenskommunikatoren werden, mag der Aspekt des besser bezahlten Jobs sehr wohl wichtig sein. Die Liste der Medienmacher, die in die Wirtschaft gehen, ist sehr lang. Aktuelles Beispiel: Der ARD-Börsenjournalist Michael Best (Börse im Ersten) wird zum 1. Oktober Oberkommunikator der Deutschen Bundesbank.

Kein Verrat am Journalismus

In Einzelfällen mag es bedauerlich sein, einen Journalisten, dessen Artikel und Analysen man schätzt, auf die "andere Seite" wechseln zu sehen. Ein Verrat am Journalismus ist ein Seitenwechsel darum aber nicht. Viel wichtiger ist die Frage, ob Journalismus noch ein Beruf ist, der profilierte Redakteure und sehr gut ausgebildete Jobeinsteiger binden kann. Wenn sich aus einzelnen Personalien mit jeweils individuellen Motivationen ein Muster des brain drain ergäbe, dann wäre es an der Zeit, die Zukunftsfähigkeit des Berufes zu überdenken. 

Unverkäuflicher PR-Job in der Regierungskoalition

Es gibt übrigens auch Sprecher-Jobs, die unverkäuflich zu sein scheinen. Solch einen Fall schildert Henning Krumrey in der aktuellen WirtschaftsWoche. Demnach hätten bereits eine Reihe von Journalisten und PR-Fachleute zur Offerte des Postens des Vize-Regierungssprechers "No" gesagt. Darunter ein Redakteur von Bild und der Büroleiter einer Regionalzeitung. Das Gehalt sei mit 11.000 Euro zwar "sehr ordentlich", so Krumrey, aber bereits in zwei Jahren ende bekanntlich die Legislaturperiode. Der Vize-Sprecher läuft über das FDP-Ticket, und die könne vermutlich nach 2013 auf keine Planstellen im Presseamt hoffen. Krumrey zitiert eine Quelle, die den Posten abgelehnt habe: "Wer den Job annimmt, macht einen Fehler."

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