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Charmanter Schweizer Krimi-Trash

Der erste "Tatort" des Schweizer Fernsehen seit fast zehn Jahren stand von Beginn an unter keinem guten Stern. Der Film "Wunschdenken" mit Stefan Gubser als Kommissar Reto Flückiger musste auf Anordnung der neuen SF-Kulturchefin überarbeitet und verschoben werden. Den eigentlich für den 17. April geplanten Film von Markus Imboden zeigt das Erste nun an diesem Sonntag. Es ist eine Art Schweiz meets "CSI" geworden. Zwar leicht trashig, aber auch charmant.

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Das mit "CSI" hat natürlich seinen Grund darin, dass die weibliche Hauptrolle von der us-amerikanischen "CSI"-Darstellerin Sofia Milos gespielt wird. Sie ist die Austauschpolizistin Abby Lanning aus Chicago und passt ins Ansichts-Karten-Luzern des Schweizer "Tatort" ungefähr so gut wie ein Ricola-Hustengutsel zu einem McDonald’s Maxi-Menü.
Dass Frau Milos mit ihrer Lockenpracht wie Falschgeld durch den Film stöckelt und noch dazu grauenhaft synchronisiert wurde, ist am Anfang durchaus gewöhnungsbedürftig. Gegen Ende des Film kann man der bescheuerten Idee mit der US-Austauschpolizistin aber sogar einen gewissen trashigen Unterhaltungswert abgewinnen. Immer noch besser als die Betroffenheits-Visagen, die sonst im "Tatort" leider allzuoft zur Schau getragen werden. In der Schweiz hatte man sich auch darüber erregt, dass der Film ins Hochdeutsche synchronisiert wurde. Jetzt reden alle (bis auf Frau Milos) plötzlich wieder mit Schweizer Akzent. Offenbar wurde rück-synchronisiert, was den "Tatort"-Dialogen eine teils befremdliche Anmutung von TV-Shopping gibt.
Die Schweizer Berge sieht man in zahlreichen Luzerner Stadt-Ansichten nur von fern und auch ansonsten war man offenbar eifrig bemüht, bloß nicht betulich zu werden und Alpen-Klischees zu bedienen. Dabei legen die Eidgenossen ein Tempo vor, bei dem bräsige deutsche "Tatort"-Ermittler wohl zu ihren Herztropfen greifen würden.
Da gibt es halbe Sex-Szenen zwischen dem Ermittler-Duo, da stürmt ein Sondereinsatzkommando eine Wohnung. Da verwest eine Leiche in bestem "Sieben"-Stil, da wird gerannt, verfolgt und geschossen als wäre man beim NYPD und nicht bei der Chhhhhripo Luzerrrn. Grüezi mitanand. Das ist alles ein bisschen dick aufgetragen aber grundsätzlich zu begrüßen. Wo in deutschen TV-Krimis nur noch bleischwer geguckt und gegrübelt wird, fliegt hier das Blei noch aus den Kommissar-Kanonen.
Der Fall selbst ist zwar an den Haaren herbeigezogen – es geht um eine Wasserleiche und eine inszenierte Entführung eines Lokal-Politikers, die kein gutes Ende nimmt – aber damit bewegt man sich in bester "Tatort"-Drehbuch-Tradition. Wenigstens wird die Handlung flott vorangetrieben. Langeweile kommt keine auf. Für einen so verkorksten Start inklusive erzwungener Überarbeitung ist der neue Schweizer "Tatort" also gar nicht mal schlecht geraten. Die Hauptfigur, Kommissar Flückiger, hat Ecken, Kanten und einiges Potenzial und die Schweiz bietet gewiss noch viele Schauwerten und Abgründen, die weitere Folgen rechtfertigen. Ob mit oder ohne "CSI"-Lockenschopf.

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