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Gabor Steingarts neue Online-Strategie

Handelsblatt-Chefredakteur Gabor Steingart kündigte am Freitagmorgen gegenüber seiner Redaktion eine Online-Offensive an. Oliver Stock wird neuer Chef von Handelsblatt.com. Er war bisher Ressortleiter Finanzen bei der Wirtschaftszeitung. Als Mitglied der Chefredaktion und Programmdirektor kommt Jochen Bohle von T-Online nach Düsseldorf. Bohle leitete die Wirtschaftsberichterstattung des Portals. Mindestens fünf neue Stellen werden geschaffen.

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Unter der Führung von Stock, Bohle und Vizechef Florian Kolf soll Handelsblatt.com "die eindeutige Marktführerschaft für Wirtschaftsinformationen im Internet" erreichen, kündigte Steingart an. Dazu sprenge man die "Fesseln der bisherigen Budgetplanung" und stelle "die Weichen klar auf Ausbau und Professionalisierung". 

Verleger Dieter von Holtzbrinck kämpft mit

Verleger Dieter von Holtzbrinck sei von dem Expansionskurs überzeugt. Er habe gesagt: "Ich kämpfe an Eurer Seite". Steingart sagte, der Verleger wolle eine "neue Zündstufe" schalten. Die Redaktion von rund 50 Mitarbeitern, davon 25 Festangestellte, solle "spürbar verstärkt und professionalisiert" werden. Fünf weitere Stellen sollen in diesem Jahr geschaffen werden. Besonders im Auge hat Steingart Experten für Social Media.

Die Online-Strategie skizziert Steingart in einer Mail an die Mitarbeiter folgendermaßen:

1. Ausbau der Kommunikation mit den Lesern. Steingart: "Die Zeit des journalistischen Frontal-Unterrichts geht zuende."

2. Stärkere Verzahnung mit der Printredaktion. Neue Mitarbeiter bekommen Verträge, die unabhängig vom Kanal geschlossen werden.

3. Aufbau eines eigenen Korrespondentennetzes. Mit Nils Rüdel hat bereits ein Washington-Korrespondent seine Arbeit angetreten. Als politischer Korrespondent in Berlin fängt im November Dietmar Neuerer an. Das fünfköpfige Wallstreet-Team soll künftig auch für Handelsblatt.com berichten. 

Handelsblatt.com kam im Juli auf 10,06 Millionen Visits (laut IVW). Vor einem Jahr lagen die Visits bei 8,86 Millionen. Der große Konkurrent, der Online-Ableger der Financial Times Deutschland, lag im Juli bei 9,64 Millionen Visits (Vorjahreszeitraum: 8,82 Millionen). Die beiden großen deutschen Wirtschafts-Tageszeitungen liegen also, anders als bei den Auflagen der gedruckten Ausgaben, nahe beieinander. 

Stock wollte eigentlich in die Schweiz wechseln

Oliver Stock, 46, war in den vergangenen Wochen kommissarisch für das Online-Angebot verantwortlich. Neben seiner Tätigkeit als Ressortleiter Finanzen und Börsen. Eigentlich war sein Wechsel in die Schweiz bereits perfekt – Stock sollte Wirtschaftschef des Schweizer Radios werden, die Personalie war in Zürich bereits verkündet und vermeldet worden. "Es ist uns gelungen, ihn zu überzeugen, dass seine journalistische Zukunft im Hause von Holtzbrinck liegt und nicht beim Schweizer Rundfunk", vermeldet Steingart. 

Stock hat bei der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung" gelernt, war Sprecher des Wirtschaftsministeriums in Niedersachsen und zwischen 2003 und 2008 Korrespondent für das Handelsblatt in Zürich und Wien.

"Marktführerschaft deutlich und unaufholbar ausbauen" 

Sein neuer Kollege Jochen Bohle, 45, war Chefredakteur des privaten Radiosenders RPR in Ludwigshafen und Projektmanager bei Bertelsmann. Seit 2002 arbeite er für T-Online. Nun wolle er "die Marktführerschaft von Handelsblatt.com deutlich und unaufholbar ausbauen", so Bohle in der Redaktionskonferenz am Freitag. 

Stocks Vorgänger Sven Scheffler hatte seinen Posten im vergangenen Februar aufgegeben. Ein Wechsel zum Konkurrenten FTD.de kam dann nicht zustande, als durchsickerte, dass Scheffler in einigen Kommentaren für Handelsblatt.com Passagen anderer Autoren übernommen hatte. 

Der Weg ins Web ist alternativlos

Die nun angekündigte Offensive signalisiert, dass Verleger von Holtzbrinck offenbar noch nicht der Mut verlassen hat, in Wirtschaftsmedien zu investieren. Die Neuaufstellung der Handelsblatt.com-Chefredaktion wird mit markigen Worten verkündet, was nach innen wie nach außen Eindruck machen soll. Wer im Web was macht, macht auch immer eine Menge Wind. Aber: Immerhin wird investiert.

Das Handelsblatt selber scheint sich zwar wieder aus den roten Zahlen gekämpft zu haben. Aus der Gefahrenzone hat sich das Wirtschaftsblatt aber noch lange nicht bewegt. Niemand kann sagen, ob die erneuten Turbulenzen an den Kapitalmärkten zu ähnlichen Umsatzverlusten auf dem Werbemarkt führen werden wie bei vorhergehenden Finanzkrisen. 

Der Weg ins Web ist alternativlos, will Holtzbrinck an der Marke Handelsblatt festhalten. Zwar bleibt das gedruckte Handelsblatt noch lange wichtig für die Verlagsgruppe, aber die Auflagen sinken stetig. Darum wollen die Handelsblatt-Strategen jetzt klarmachen, welches Wirtschafts-Angebot im Netz das Sagen hat. Es sind schon viele Online-Offensiven gekommen und wieder abgeflaut – in diesem Fall muss aus dem Anspruch Wirklichkeit werden.

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