Roche-Roman: „Schoßgebete“ spaltet Kritiker

Seit Mittwoch ist Charlotte Roches zweiter Roman "Schoßgebete" mit einer Startauflage von 500.000 Büchern im Handel. In der Literaturkritik herrscht Uneinigkeit über das neue Werk. Auffällig: Während die weibliche Fraktion "Schoßgebete" lobt, fällt das Urteil der männlichen Rezensenten vernichtend aus. Jobst-Ulrich Brandt von Focus Online schreibt, dass sich "Schoßgebete" als "ein merkwürdig unentschieden zwischen Softporno, Seelenbeichte und Eheratgeber hin und her schwankendes Konglomerat" lese.

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Christian Buß, Spiegel Online:
"Statt darüber zu rätseln, was uns die Promi-Autorin über sich selbst mitteilt, können wir beim Lesen gleich zum Wesentlichen übergehen: die Stimmigkeit der von ihr geschaffenen Figur, der Qualität ihrer Literatur. Und die ist richtig gut – und zugleich richtig übel. Richtig gut, wenn sie über Sex schreibt und darüber, wie sie das Selbstbild ihrer Heldin mitformt. Richtig übel, wenn sie auf 80 Seiten das eigene Familientrauma runterleiert, als läge sie auf der Couch ihrer Therapeutin. Erzählt Roche vom Sex, dann funkelt ihre Sprache, dann schlägt sie wunderbare Haken, führt auf diese Weise in verborgenste, in hellste und düsterste Winkel des menschlichen Bewusstseins. Erzählt sie über ihr Trauma, dann kübelt sie einfach nur ihren seelischen Müll vor dem Leser aus: Seht her, so schlecht ging es mir!"
Jobst-Ulrich Brand, Focus Online:
"Das Problem dieses Romans ist, dass er gar kein Roman ist. Sondern ein merkwürdig unentschieden zwischen Softporno, Seelenbeichte und Eheratgeber hin und her schwankendes Konglomerat. (…) Es mag sein, dass ihr diese Seelenoperation hilft. Doch ein guter Roman ist dabei nicht entstanden."
Julia Bähr, Focus Online:
"Es ist ein hell ausgeleuchteter Seelenstriptease, den Charlotte Roche mit ‚Schoßgebete‘ hinlegt. Wer ermessen will, warum sie sich das antut, kann die Interviews mit ihr lesen – oder einfach das Buch. Daraus wird nämlich schon klar, dass es die ultimative Kontrolle für sie bedeutet, über ihren Schmerz selbst zu berichten. Nicht nur, weil es dann kein anderer tun kann, sondern auch, weil es zeigt, dass sie durch jahrelange Therapie Distanz zum Schmerz gewonnen hat. Das ist ihre hart erarbeitete Stärke, und die möchte sie zeigen. Es gibt wahrlich schlechtere Gründe, Bücher zu schreiben. ‚Schoßgebete‘ ist ein cleveres Buch: Durch die Sexszenen lockt es Leser an, die es dann von den Segnungen der Psychotherapie überzeugen will. Durchtriebene Taktik. Aber so sind Frauen nun mal."
Britta Schultejans, dpa:
"Tabubruch ist sicher das falsche Etikett für ‚Schoßgebete‘ – selbst wenn die gebürtige Britin auch diesmal kein Blatt vor den Mund nimmt. (…) ‚Schoßgebete ist keine bloße Aneinanderreihung von Provokationen, sondern das hervorragend geschriebene Porträt einer jungen Frau, die vor allem eins will: gefallen. (…) Und so erfüllt "Schoßgebete" die Erwartungen nicht, der Roman übertrifft sie – auf sehr überraschende Weise. Roches zweites Werk schlägt ihr Erstlingswerk um Längen. Es ist authentisch und persönlich, ergreifend, melancholisch und unglaublich ehrlich."
Sabine Vogel, FR-Online:
"Die Propagandamaschine läuft wie mit ‚Vaginalschleim‘ geschmiert. (…) Die Erwartungen werden nicht enttäuscht. Vom ersten Satz an geht’s direkt zur Sache. So sachlich und präzise wie die anschließende Zubereitung eines Wirsingkohls beschreibt Roche über fast 20 Seiten, wie sie und ihr Mann es sich auf der 40 Grad heißen Heizdecke gegenseitig nach allen Regeln der Mund- und Handwerkskunst besorgen. (…) Für Anfängerinnen im Blasen, Lecken und Masturbieren ist die detailgenaue Beschreibung sicher sehr lehrreich – und so erotisch wie eine Anleitung zur Beckenbodengymnastik."
Dirk Knipphals, taz:
"Wuchtig erzählen kann sie unbedingt. Und produktiver als der Verdacht, dass man hier einer mittelmäßigen Autorin und einem Hype aufsitzt, scheint sowieso die Vermutung zu sein, dass Charlotte Roche eine wirklich großartige Autorin ist, die sich nur erst noch weiter entpuppen muss."
Thomas Steinfeld, Süddeutsche Zeitung:
"Die Befreiung der Sexualität hat zwei Konsequenzen: Zum einen wird sie banal, zum ‚alten Rein-Raus-Spiel‘, wie sie Anthony Burgess in seinem Roman ‚Uhrwerk Orange‘ nannte. Zum anderen aber fordert sie, selbständig geworden, erst recht alle höheren Erwartungen heraus, die zuvor ein über Jahrhunderte eingespielter kultureller, bis in die Sakralsphäre reichender Zusammenhang aufgefangen hatte. Sie wird absolut, sie wird zum Fetisch, zum Gegenstand eines eigenen Fundamentalismus: ‚Der Trip beginnt‘, lautet der letzte Satz in diesem unerheblichen, trivialen, ja verlogenen Buch, das also gar nicht zufällig das Wort ‚Gebete‘ im Titel trägt. Denn es huldigt dem Glauben an eine rettende Erfahrung. Und weiß doch, dass es sie nicht gibt."
Gregor Dotzauer, Tagesspiegel:
"Ihr zweiter Roman ‚Schoßgebete‘, der am heutigen Mittwoch erscheint, ist um Klassen vielschichtiger, bewegender und in der existenziellen Grundierung radikaler. Ein schwarzhumoriges, oft zum Schreien komisches Vergnügen und eine todesfinstere Zumutung. Eine Momentaufnahme aus der übersexualisierten Therapiegesellschaft und ein böser Blick in die neue Patchwork-Zone und ihre alten Kleinfamilienrituale. (…) Nach diesem verflixten zweiten Buch muss Charlotte Roche niemandem mehr etwas beweisen – höchstens, ob sie, wenn sie denn weiterschreiben will, in der Lage ist, auch einen nicht autobiografischen Stoff zu bewältigen."
Felicitas von Lovenberg, Faz.net:
"Von dem entwaffnend umgangssprachlichen Erzählton, der über die gesamte Strecke durchgehalten wird, mal aufgekratzt plaudernd, mal trostlos abgeklärt alles bekennt und kommentiert, sollte man sich nicht täuschen lassen: Hier ist eine Erzählerin am Werk, die sehr genau weiß, was sie tut. Der Unfall, klaffende Wunde und moralisches Rückgrat des Romans, wird dramaturgisch ebenso perfekt vorbereitet wie der – dank des Fadenwurmbefalls um einen Tag verschobene – mal wieder fällige Bordellbesuch von Elizabeth und Georg. (…) ‚Schoßgebete‘ will keine stilistische Meisterleistung sein, sondern seine Leser erreichen. Dass die Anliegen des Romans mit entwaffnender Einfachheit vorgetragen werden, sollte niemanden über deren Komplexität und Relevanz hinwegtäuschen. Charlotte Roche hat ein Buch geschrieben, das uns weit über die Lektüre hinaus bewegt und beschäftigt. Das lässt sich von manch einem literarischen Meisterwerk nicht sagen."

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