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„Nicht gerade ein revolutionäres Produkt“

Am 10. Juni startete mit Spiegel.TV ein neues Angebot der Hamburger Spiegel-Gruppe, das auf den wachsenden Markt der Video-Werbespots im Netz zielt. Die Macher zeigen sich zufrieden. Doch was hält die Branche von der neuen Plattform? MEEDIA hat drei erfolgreiche Kenner der Fernsehbranche um eine Einschätzung gebeten. Ergebnis: Lob für die Bildqualität, aber auch Kritik am "Kanal in den Kinderschuhen". Generell skeptisch fallen die Prognosen für die Vermarktung aus.

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Jona Konrad Kohl ist Geschäftsführer der Produktionsfirma n3 medialab GmbH, die Bewegtbild- und Multimediaformate für TV-Sender, Online-Plattformen und Lifestyle-Marken entwickelt. Der Volljurist sammelte langjährige Erfahrungen in der Medienindustrie – unter anderem als Formatentwickler bei Endemol und der MME.
Wie ist Ihr Eindruck?
Kohl: Die Bildqualität ist sehr gut – das fällt sofort positiv auf. Versucht man allerdings spiegel.tv auf dem iPad zu öffnen, zeigt sich ein großes Manko: Da die Seite in Flash programmiert ist, läuft sie nicht auf dem iPad. Das ist schade – zumal vor allem Tablets wie das iPad perfekt dazu geeignet sind, sich längere Dokumentationen anzusehen. Ich frage mich, warum nicht ein paar Euro mehr in eine iPad-kompatible HTML-5 Programmierung investiert wurden.
Hält der Kanal sein Versprechen?
Kohl: Nein. Wenn man die Video-on-Demand-Angebote von Pro7 oder RTL kennt, muss man zwangsläufig enttäuscht sein. Auf spiegel.tv gibt es einen Livestream, der 24 Stunden lang Dokumentationen nach einem vorgegeben Programmablauf zeigt – wie man das vom Fernsehen kennt. Einzelne Beiträge on demand abzurufen ist fast gar nicht möglich.  Ich habe den Eindruck: Hier wurde versucht, die Regeln des linearen Fernsehens auf das non-lineare Internet zu übertragen. Das kann nicht funktionieren.
Wie bewerten Sie die Vermarktungschancen dieses neuen Spiegel-Produkts?
Kohl: Der Kanal wird sicher von der großen Reichweite von spiegel.de profitieren. Das Problem ist nur: Spiegel Online liest man vor allem während der Arbeit. Ich bin mir nicht sicher, ob die ungeduldigen Spiegel Online-Leser die Zeit haben werden, sich auf die langen spiegel.tv-Dokumentationen einzulassen. Zumal die Regel gilt: Länger als 3 Minuten sollten Videos im Internet nicht sein.
Stellt er eine gute Ergänzung für die Marke Spiegel dar? Und ist er ein Beispiel für eine gelungene Markenverlängerung?
Kohl: spiegel.tv ist nicht gerade ein revolutionäres Produkt. Man hat den Eindruck: hier war nicht die Generation Internet, sondern die Generation Fernsehen am Werk. Wenn man bedenkt, dass der Spiegel Verlag mit spiegel.de das weltweit erste Online-Nachrichtenmagazin herausgebracht hat, ist das enttäuschend. Von einem Internetpionier hätte ich mehr Verständnis für das Internet erwartet.

Programmdirektor bei Pro Sieben, Geschäftsführer bei Endemol – um nur einige Stationen im bewegten Berufsleben von Borris Brandt zu nennen. Mit der Entertainia hat er 2009 seine eigene Firma gegründet, die er zusammen mit seiner Frau Kirsten führt. Die Kundenliste umfasst unter anderem Unilever, Springer oder verschiedene Agenturen, für die  Entertainia Bewegtbild und Multimedia entwickelt und produziert.
Wie ist Ihr Eindruck?

Brandt: Professionell und gut gemacht, eine Art elektronischer Bibliothek. Wer was sucht, wird  es wohl finden und sich dann gut bedient fühlen.

Hält der Kanal sein Versprechen?

Brandt: Ja, wie ein Buchladen. Er verspricht Spiegel TV, man erwartet solche Dokus, und es gibt sie auch!

Wie bewerten Sie die Vermarktungschancen dieses neuen Spiegel TV-Produkts?

Brandt: Schwere Kost. Die Kollegen haben leider keine Ahnung von professioneller Cross Promotion, sonst wäre der Start lauter ausgefallen. Oder aber man möchte ganz bewusst nix verdienen, leise starten, sich zurückhalten, so wie die Spiegel App im Gegensatz zur Stern App auch hinterherhinkt. Ich denke es ist ein Manpower-Problem.

Das Produkt ist prima, wenn auch verbraucht und bislang nicht innovativ bzw. aktuell auch spannend, aber es ist eine prima Plattform mit großem Potential.
So habe ich zuletzt vermisst "Terror in der Welt", "Amy Winehouse", "Sommer 2011 – Wetterchaos pur": Zu all diesen Themen gibt es Material im Haus, aber nichts passiert.

Stellt er eine gute Ergänzung für die Marke Spiegel dar? Bzw. ist er ein Beispiel für eine gelungene Markenverlängerung?

Brandt: Perfekt! Aber weitgehend ungenutzt!

Der studierte Jurist und Filmwissenschaftler Rainer Wemcken steht seit elf Jahren an der Spitze der Grundy UFA, einer hundertprozentigen Tochter der UFA. Er verantwortet Erfolgsformate wie  "GZSZ", "Unter uns", "Verbotene Liebe", "Alles, was zählt" und hat auch mit Formaten wie "Verliebt in  Berlin" oder "Bianca – Wege zum Glück" entschiedenen zur Etablierung des für Deutschland noch jungen Genres Telenovela beigetragen.

Wemcken Statement:
"Mit dem Online-Kanal hat Spiegel TV eine konsequente und gelungene Verlängerung eines erfolgreichen TV-Formats ins Netz geschaffen. Zudem werden die Inhalte des Online-Magazins des Spiegels so mit einem videozentrierten Angebot ergänzt, wodurch dem User ein Mehrwert entsteht.
Die Mischung aus programmiertem, linearen Angebot und thematisch sortierten Video-on-Demand-Angeboten befriedigt dabei sowohl das Bedürfnis des Zuschauers nach unmittelbar angebotener, gestreamter Information, als auch nach vertiefender oder historischer Information, die selbst aktiv abgerufen wird.
Die optische Aufmachung des Web Kanals ist Spiegel-typisch klassisch und schlicht. Moderne Features wie die direkte Social Media Anbindung und die Möglichkeit eigene, nach Interessen ausgewählte Playlists zu erstellen, kommen dem webaffinen User entgegen. An der einen oder anderen Stelle merkt man jedoch, dass der Kanal noch in den Kinderschuhen steckt. Die fehlende Suchfunktion und teils unübersichtliche Gliederung der Inhalte erschwert die Orientierung. Sinnvoll getaggte Beiträge und eine einfache Suchfunktion könnten dem User die thematische Suche nach Videoinhalten erleichtern.
Spiegel TV geht mit dem werbefinanzierten Internetkanal den Weg der klassischen Zweitverwertung bereits existierender Beiträge. Für die Inhalte selbst ergeben sich, abgesehen von der redaktionellen und administrativen Betreuung sowie der technischen Anforderungen, keine weiteren Kosten.  Den wirtschaftlichen Erfolg des Kanals wird man abwarten müssen, aber Spiegel TV ist eine starke Marke, die in jedem Fall Potenzial für einen Erfolg bietet."

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