„Schoßgebete“: Charlottes wilder Ego-Trip

Charlotte Roche hat es wieder getan: Am Mittwoch kommt ihr zweiter Roman "Schoßgebete" auf den Markt. Im Gegensatz zu anderen Autoren verzichtet die 33-Jährige auf große Marketing-Aktionen und verlässt sich stattdessen auf die Wirkung ihrer Person. Denn die Skandal-Autorin bricht auch im neuen Werk Tabus: Es geht um ehelichen Sex auf Heizdecken, Neurosen und den Unfall ihrer Familie. Das Buch sei ein "Riesentherapiegespräch", sagte sie im Spiegel-Interview. MEEDIA dokumentiert die markigsten Roche-Sprüche.

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Die ehemalige Viva-Moderatorin wirkt im Gespräch mit den Spiegel-Autoren Lothar Gorris und Claudia Voigt verstört. Sie gibt viel über ihr Leben preis, spricht von ihrer Mager- und Alkoholsucht, Depressionen und dass ihre Therapeutin ihr desöfteren schon das Leben gerettet habe."Wenn ich keine Magersucht habe, bin ich Alkoholikerin. Letztes Jahr habe ich aufgehört zu trinken", sagt sie und erklärt: "Ich muss alles immer extrem machen." Damit erübrigt sich jede teure Marketing-Aktion und Web-Strategie der Buchverlage, wie Spiegel Online in einem weiteren Artikel schreibt.  
Im Interview wird Roche nicht müde zu betonen, dass ihr neuer Roman eine Mischung aus Realität und Fiktion ist. Und doch wird man den Eindruck nicht los, als läge sie mit "Schoßgebete" ihre heimliche Biographie vor. Auch die Brigitte bringt in ihrer aktuellen Ausgabe ein Porträt über Roche und stellt den Widerspruch aus Verletzlichkeit und Selbstbewusstsein der Autorin in den Vordergrund.
"Ginge es nach mir, würde sich ‚Schoßgebete‘ noch besser verkaufen."
Roche weiß, wie sie mit ihren Büchern für Empörung sorgt. Das hat sie mit ihrem Debütroman "Feuchtgebiete", der 2008 das meistverkaufte Buch in Deutschland war, bewiesen. Der Erfolg sei damals wie "eine ekelhafte Kokainsucht" gewesen, sie habe für die Pressearbeit "alles gemacht, mit jedem gesprochen, der mit mir sprechen wollte, außer den Springer-Leuten. Am Ende ist das fast wie Prostitution, es bleibt nicht viel übrig von einem." Mit "Schoßgebete" will sie dem Ganzen am liebsten noch einen drauf setzen, obwohl sie den "größten Hit" ihres Lebens, den Bestseller-Erfolg, schon hinter sich habe. "Selbst wenn ‚Schoßgebete‘ nur ein Viertel davon (von "Feuchtgebiete", Anm. d. Red.) verkaufen würde, sind das immer noch unfassbar hohe Verkaufszahlen, und es wäre dennoch ein Flop." Geld sei ihr wichtig, um Sicherheiten zu haben – nicht, um sich Luxusgegenstände leisten zu können. Sie habe ihr Vermögen in "Betongold", in Immobilien angelegt: "Die Wohnungen sind wie ein weiterer Strohhalm, an dem man sich festhält gegen die Verzweiflung."
"Für mich ist so ein Buch ein Riesentherapiegespräch."
Roche nimmt in "Schoßgebete" kein Blatt vor den Mund, sie beschreibt die Neurosen und Phantasien ihrer Protagonistin detailliert und aus eigener Erfahrung: "Ich beschreibe den Sex so, wie ich ihn mache oder wie ich es gern machen würde, wenn ich mal mehr Zeit hätte. Die Idee ist es, sehr viel von sich preiszugeben, obwohl das natürlich auch peinlich ist, weil ich ja fast alles hinschreibe, was ich gelernt habe über Sex und übers Blasen." Dennoch betont sie auch, dass nicht alles autobiografisch sei in ihrem Buch.  
"Ich bin keine Schriftstellerin."
Ihr Erfolgsrezept: Sie schreibt, wie sie spricht, ohne sich Gedanken über die Sätze zu machen. Deswegen komme sie sich auch wie eine "Hochstaplerin" vor: "Ich kann auch nicht beurteilen, ob etwas gut geschrieben ist." Aber wohl, wie sich mit Tabu-Brüchen reichlich Geld verdienen lässt.
"Es ist schön, wenn Leute sich aufregen, damit komme ich gut klar."
Roche weiß um die Wirkung ihrer Person und dass ihre Schreibfähigkeiten und Themen nicht bei allen gut ankommen. Vor allem das konservative Publikum sieht in Roche ein rotes Tuch. Provokation ist das, was sie will – auch im Privatleben. Zwischen ihr und ihrem Mann herrsche eine Art Wettbewerb "wer zotiger, wer krasser ist". Roche ist mit dem Brainpool-Mitbegründer Martin Keß verheiratet. Es sei eine Herausforderung, ihn zu schocken. Mit "Schoßgebete" sei ihr das geglückt. Auf die Medienberichterstattung bezogen hält sie negative Presse für lukrativ. Auf die Frage, wie sie sich den Erfolg von "Feuchtgebiete" erkläre, sagt sie nur: "Es hilft, wenn dümmere Medien sich empören." Und: "Ich verstehe wie Medien funktionieren." Sie rechne bei der aktuellen Berichterstattung über ihr Buch mit dem Schlimmsten, auch bei Bild: "Wenn die zu weit gehen, wird geklagt. Aber natürlich sucht man mit solch einem Buch auch den Ärger."
"Die Boulevard-Medien sind viel pornografischer als ich."
Gegenüber Brigitte sagt Roche, dass sie alles im Buch von Juristen darauf habe absichern lassen, dass sie durch das neue Buch von keinen juristischen Konsequenzen überrascht werde und sie niemand wegen einer (un-)absichtlichen Ähnlichkeit zu den Protagonisten verklagen könne. Natürlich geht die Aussage auch in Richtung Bild. Die Springer-Zeitung soll Roche 2001 unter Druck gesetzt haben, über den Unfall ihrer Mutter und ihrer Brüder zu reden, sonst würde ihr eine negative Berichterstattung drohen. Roche sprach nicht mit den Reportern, Bild druckte ein Foto von ihrer verletzten Mutter und dem Unglücksort, an dem ihre drei Brüder ums Leben kamen.
"Die Bild-Leute hassen mich, und ich hasse die."
Roche beschreibt im Roman die Mordphantasien ihrer Protagonistin Elizabeth gegenüber der Chefredaktion einer Boulevard-Zeitung – eine Parallele zu ihren Erfahrungen mit Bild. Wie sie dem Spiegel berichtet, habe sie auf einem Flug die Idee gehabt, Springer-CEO Mathias Döpfner einen Feuerlöscher in den Nacken zu schlagen und dafür ins Gefängnis zu gehen. Nur ihr Mann und ihr Kind hätten sie an diesem Schritt gehindert. Dafür rechnet sie in "Schoßgebete" nun mit Worten gegen den Medienkonzern ab.

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