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Mit Tee und Besen gegen die Anarchie

Da unsere politische Führung sich erst mit dreitägiger Verspätung von ihren Sonnenstühlen losriss, nehmen die Londoner das Schicksal ihrer Stadt nun selbst in die Hand – gesittet, wie es nur Briten können. So wurde per Twitter eine riesige Aufräumaktion gestartet. #RiotCleanUp brachte Tausende zusammen, um mit Schaufel und Besen ihre Nachbarschaften aufzuräumen. Dienstagabend soll auf Facebook ein ‘Protest-Teetrinken’ inszeniert werden, bei dem Mitglieder Fotos von sich zuhause mit Teetasse posten.

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Da unsere politische Führung sich erst mit dreitägiger Verspätung von ihren Sonnenstühlen losriss, nehmen die Londoner das Schicksal ihrer Stadt nun selbst in die Hand – gesittet, wie es nur Briten können. So wurde per Twitter eine riesige Aufräumaktion gestartet. #RiotCleanUp brachte Tausende zusammen, um mit Schaufel und Besen ihre Nachbarschaften aufzuräumen. Dienstagabend soll auf Facebook ein ‘Protest-Teetrinken’ inszeniert werden, bei dem Mitglieder Fotos von sich zuhause mit Teetasse posten.

Mit Tee und Besen gegen die Anarchie – deshalb wohn ich hier so gern.
Der Londoner Bürgermeister Boris Johnson, der gestern Abend aus dem Urlaub zurück kam, wurde heute bei einem Straßenrundgang ausgepfiffen. Ob er gestern Nacht gut geschlafen habe, fragte einer der Passanten. Johnson, wie auch Premierminister David Cameron, kam erst drei Tage nach den ersten Turbulenzen aus seinem Sommerdomizil zurück. Camerons Frau Samantha blieb sogar in der Toskana – wohl in der Hoffnung, die Aufstände würden sich bald wieder legen. Aber in Südlondon hat man heute gar nicht mehr auf die Abendstunden gewartet, sondern bereits am frühen Nachmittag mit den Krawallen weitergemacht. Der Mob soll auch in das glitzernde Symbol der Thatcher-Ära ziehen – dem Geschäftsbezirk Canary Wharf mit seinen Banken und teuren Einkaufsarkaden.
Und wenn die Politik versagt und der Pöbel weiterzieht, dann muss man wohl die Situation selbst in die Hand nehmen. Augenzeugenberichten zufolge hat eine kurdische Gemeinschaft in Ostlondon, nahe des Krawallzentrums Hackney, sich selbst verteidigt und die Plünderer mit Besenstilen und Baseball-Schlägern verjagt. Besenstile kamen heute auch friedlich zum Einsatz dank der Twitter-Kampagne ‚RiotCleanUp’. An 12 Treffpunkten versammelten sich tausende Volontäre mit Besen und Schaufeln, um den zerstörten Nachbarschaften zumindest beim Aufräumen zu helfen.
Die Solidarität der freiwilligen Straßenkehrer liefert das vielleicht stärkste Signal, dass die Randalierer keine Sympathie von der breiten Bevölkerung haben. Und Berichte über die Geschäfte, die gestern angegriffen oder gar zerstört wurden, motiviert weitere Hilfsaktionen. ‚The Rock Against Riots’-Kampagne bringt lokale Bands zusammen, um Musikgeschäften und Konzerthallen zu helfen, die von den Krawallen betroffen wurden. So brannte ein Distributionszentrum von unabhängigen Musiklabels in Croydon gestern völlig aus, und der legendäre Electric Ballroom in Camden wurde ebenfalls attackiert. Bands können die Erlöse ihrer Konzerte stiften, um ihrer Szene zu helfen. Und auch wenn die Regierung die Zahl der Polizisten in London im Rahmen der Sparmaßnahmen reduziert, kümmern sich die Bürger um ihre Ordnungshüter – mit Tee für Beamte, die seit 30 Stunden auf den Beinen waren. Wenn Politiker sich nicht kümmern, machen wir’s halt selbst. Viel Glück schon jetzt bei der nächsten Wahl…

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