Richter will „Bild-Hetzjagd“ stoppen

Im aktuellen Knatsch zwischen Presserat und Bild-Zeitung und dem Abdruck eines Fotos des geständigen Kindesentführers hat sich nun auch der Vorsitzende Richter Andreas Dielitz positioniert. Wie die Berliner Zeitung berichtet, machte der Richter am Landgericht Potsdam von seinem Hausrecht Gebrauch und verhängte ein Fotoverbot. Er dulde in seinem Sitzungssaal keine Hetzjagd, so Dielitz, und machte damit Anspielungen auf die Bild-Berichterstattung und deren Kampagne gegen den Presserat.

Anzeige

Bild hatte am Dienstag ein Foto des Angeklagten gezeigt und geschrieben: "Ja, liebe Leser, Sie haben richtig gelesen: ‚Die Identität eines Straftäters ist grundsätzlich zu schützen‘, sagt der Deutsche Presserat, der oberste Sittenwächter der Presse – und kritisiert aus diesem Grund immer wieder die Bild-Zeitung. Weil wir ganz anderer Meinung sind. Weil wir glauben, dass die Öffentlichkeit ein Recht darauf hat zu erfahren, wie ein Vergewaltiger, ein Kinderschänder und ein Mörder aussehen. Und wir deshalb Vergewaltiger, Kinderschänder und Mörder auch zeigen."
Dabei hatte das Boulevardblatt seine Leser dazu aufgerufen, beim Presserat Beschwerde über die Rüge-Praxis einzureichen – offenbar mit Erfolg, denn gegenüber MEEDIA sagte Presserats-Geschäftsführer Lutz Tillmanns, dass zahlreiche Anrufe eingegangen seien. Wie der Branchendienst Kress am Mittwoch schrieb, bekam das Berliner Büro rund 600 Anrufe und ca. 400 schriftliche Meldungen zum aktuellen Fall.
Gegenüber MEEDIA hatte ein Bild-Sprecher betont: "Mit dem Pressekodex sind wir zufrieden – unzufrieden sind wir mit der mangelhaften Auslegung." Es werde bei jeder Entscheidung behauptet, dass „zwischen dem Informationsinteresse der Öffentlichkeit und dem Persönlichkeitsrecht des Betroffenen abgewogen werden müsse.“ Die Abwägung unterbleibe aber regelmäßig. Der Bild-Sprecher weiter: "Wenn selbst über Straftaten wie diese nicht mehr identifizierend berichtet werden darf, kastriert der Presserat die Freiheit der Berichterstattung in Wort und Bild." Bild verwies zudem auf ein BGH-Urteil, laut dem das Persönlichkeitsrecht des Betroffenen zurücktreten müsse, wenn ein erhebliches Informationsinteresse der Öffentlichkeit bestehe.
Dielitz begründete seine Entscheidung damit, dass durch die Berichterstattung nicht nur der Täter an den Pranger gestellt werden würde, sondern auch die Angehörigen des Mannes, die am zweiten Verhandlungstag als Zeugen geladen waren. Konkret ging es um die Ex-Frau des Mannes, die sich einer Hetzjagd durch die Presse ausgesetzt gefühlt habe. Zu ihrem Schutz wurden sie und der Angeklagte am zweiten Verhandlungstag durch die Hintertür hereingelassen. Dielitz räumte aber auch ein, dass es nicht immer einfach sei, zwischen dem Interesse der Öffentlichkeit und dem der Prozessbeteiligten abzuwägen.
Der Fall fördert Erstaunliches zu Tage: Ein Richter schaltet sich aktiv in eine Diskussion zwischen einer Zeitung und dem Presserat ein, indem er von seinem Hausrecht Gebrauch macht, um den Angeklagten und seine Angehörigen vor der Presse zu schützen. Bleibt zu hoffen, dass der Vorgang keinen Musterfall statuiert.  

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige