Warum Google+ noch kein Facebook ist

Keine Frage: Das bemerkenswerte Debüt von Googles sozialem Netzwerk ist das große Sommerthema der Internetbranche. Nach den Fehlschlägen von Wave und Buzz erscheint Google+ endlich wie der große Befreiungsschlag im Social Web für den wertvollsten Internetkonzern der Welt. Aber kann Google Facebook wirklich gefährlich werden? Bisher scheint nicht ganz klar, wen Google attackiert – doch eher Twitter oder sogar Business-Netzwerke? Für den ganz großen Coup braucht es vor allem einen Schuss Sünde, glaubt LinkedIn-Gründer Reid Hoffmann.

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Keine Frage: Das bemerkenswerte Debüt von Googles sozialem Netzwerk ist das große Sommerthema der Internetbranche. Nach den Fehlschlägen von Wave und Buzz erscheint Google+ endlich wie der große Befreiungsschlag im Social Web für den wertvollsten Internetkonzern der Welt. Aber kann Google Facebook wirklich gefährlich werden? Bisher scheint nicht ganz klar, wen Google attackiert – doch eher Twitter oder sogar Business-Netzwerke? Für den ganz großen Coup braucht es vor allem einen Schuss Sünde, glaubt LinkedIn-Gründer Reid Hoffmann.

Fünf Wochen ist Googles Social Network alt. Es war ein großer Monat für den Platzhirsch im Internet.  Schon nach wenigen Tagen war klar, dass Google+ nicht floppen würde wie die Rohrkrepierer Wave oder Buzz. Google konnte jede Menge Lobeshymnen und schnelle zehn Millionen Nutzer sammeln – inzwischen sind es offenbar 25 Millionen, erklärte das Marktforschungsunternehmen comScore heute Nacht.

Keine Frage: 2011 ist das Jahr von Google+. Das, was Facebook in 2008, Twitter in 2009, Foursquare in 2010 war, ist Googles soziales Netzwerk in diesem Jahr – ein echter Durchstarter. Tatsächlich konnte noch kein soziales Netzwerk so schnell wachsen wie Google+. Der Web-Unternehmer Bill Gross sorgte im Silicon Valley für die eigentlich wenig spektakulären Schlagzeilen, dass Google+ das Social Network sein dürfte, dass die 100 Millionen Nutzer-Schwelle am schnellsten durchbrechen würde. Angesichts der mehr als vier Jahre, die Facebook dafür brauchte, erscheint diese Annahme nur allzu logisch.

Der Reiz von Google+: Die Chance auf einen digitalen Neustart
Was macht nun die Faszination von Google+ aus? Zunächst ist da natürlich die Neugier, die die ersten Millionen Heavy User anzieht, die ohnehin alles ausprobieren, was das Social Web Neues zu bieten hat. Doch das war auch bei Google Buzz und Wave der Fall – nach einem Follower-Rausch von wenigen Tagen hatte sich die Euphorie aber gelegt. Bei Google+ ist das anders. Auch nach den Early Adoptern lässt der User-Strom nicht nach. "Bei Twitter dauerte es mehr als drei Jahre für meine ersten 1000 Follower. Bei Google+ drei Wochen", fasste ein es Nutzer am Wochenende zusammen.  

Tatsächlich beeindruckt Google+ nicht nur mit seiner aggressiven Vorschlagfunktion, die die Heerscharen an neuen Plussern via Googlemail oder Twitter-Followern  generiert, sondern vor allem durch das sehr durchdachte, übersichtliche Interface. Google+ ist so etwas die Chance auf den digitalen Neustart, wie ein leeres Blatt, das mit dem Wissen des letzten Buches neu beschrieben werden kann: Wir haben viel gelesen und gelernt im Social Web durch Facebook, Twitter & Co – auf Google+ haben wir nun noch mal die Chnce auf einen geordneten Neuanfang ohne Altlasten, ohne falsche Freunde.

Endlich Überblick: Google punktet mit Circles gegen Facebook
Denn genau mit diesem Feature kann Google+ gegen Facebook richtig punkten: Die Privatsphäre-Einstellungen, die Nutzern die im Social Network #1 die Lektüre von Unterseiten über Unterseiten und unzählige Klicks abverlangen, sind bei Google+ dank der Circles so übersichtlich aufgeteilt wie man es sich bei Facebook seit Jahren wünscht – endlich weiß man, was man mit wem teilt.   

Ist Google+ also das bessere Facebook? So schnell dürfte es trotz des respektablen Anfangserfolgs nicht gehen. Denn obwohl Google+ Facebook durch sein technisch ambitioniertes Angebot ziemlich ärgern kann, dürfte Google wenig bis kaum Chancen haben, Facebook in naher Zukunft ernsthaft herauszufordern.

Zum einen ist der Abstand 25 Millionen zu 750 Millionen Nutzern einfach zu groß, Google+ kommt gerade mal auf drei Prozent von Facebooks Marktanteil, zum anderen sind viele Mainstream-Nutzer schlicht zu träge, um bei noch einem Social Network noch mal bei null zu starten. Diese Argumente sind bekannt und nahe liegend.  

Killer-Feature Sünde: "Facebook ist Ego. Zynga Faulheit. LinkedIn Gier"

Doch Facebook hat noch ein anderes Plus auf seiner Seite. Die Erklärung hierfür kommt von ziemlich unvermuteter Stelle: Niemand anderes als der LinkedIn-Gründer Reid Hoffmann lieferte vor einigen Wochen wohl den meist beachteten Beitrag zur jüngeren Internet-Debatte mit seiner Einschätzung über den Erfolg von sozialen Netwerken. "Sie funktionieren am besten, wenn sie sich einer der sieben biblischen (Tod-)Sünden bedienen", erklärte Hoffmann im Wall Street  Journal.

Was etwas reißerisch klingt, macht auf den zweiten Blick tatsächlich bei der Unterscheidung der verschiedenen Erfolgsmodelle Sinn: "Facebook ist Ego", findet Hoffmann und meint damit wohl Hochmut oder Neid. "Zynga ist Faulheit. LinkedIn Gier", erklärt Hoffmann freimütig, meint es aber im übertragenen Sinne als eigentliche Motivation für die Bindung ans Netzwerk. "Bei Facebook dreht sich alles um Eitelkeiten und die Art, wie man sich seinen Freunden präsentiert."

Ein bisschen etwas von allen: Was will Google+ sein?

Dieser Ego-Faktor scheint bei Google+ bisher ziemlich wegzufallen. Das eigentliche Killerfeature von Facebook, der Foto-Upload, wird bei Google+ von den Mitgliedern bisher nur wenig genutzt – das Profilbild erscheint etwa mehr Lückenfüller denn Befindlichkeitsmitteilung. Auch die anderen Netzwerk-Champions haben ein schärferes Profil: Bei LinkedIn steht der geschäftliche Nutzen im Vordergrund, bei Zynga der Spaß-Faktor.

Und bei Google+? Mit anderen Sünden wie Wollust, Zorn und Völlerei wird man das neue Social Network wohl kaum in Verbindung bringen. Die anderen biblischen Versuchungen verschwimmen zwischen den bestehenden Netzwerk-Champions – ein Monat nach einem Launch erscheint Google+ so wie etwas von allem: ein bisschen Facebook-Clon (Hochmut) mit besserer Übersichtlichkeit, ein bisschen Twitter-Kontrahent (der Neid-Faktor könnte bei entsprechender Follower-Anzahl aufkommen) mit mehr Zeichen und langfristig wohl sogar ein LinkedIn- und Xing-Rivale (Gier), wie der soziale Timeline-Schwenk der beiden Business-Netzwerke unterstreicht.

Wie sündig und was genau Google+ am Ende sein will oder sein kann, bleibt noch unklar. Das macht aber wenig aus, wenn man auf die Entwicklung des Platzhirsches zurückblickt: Denn was hat Facebook heute noch mit einem Studenten-Netzwerk zu tun?

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