Patricia Riekel und das System Bunte

Vieles ist in diesen Tagen über die neuerliche Affäre bei der Bunten gesagt und geschrieben worden. Aber ein Satz im Spiegel bringt das eigentliche Thema auf den Punkt – die Rolle der Langzeit-Chefredakteurin Patricia Riekel. Das Nachrichtenmagazin fragt nach dem „Ausrutscher“ der beiden gefeuerten Redakteure: „Was für ein Klima, was für ein Jagdinstinkt herrschen in einer Redaktion, in der selbst ein Politikressortchef die Zusammenarbeit mit einem derart dubiosen Informanten erst mal gutheißt?“

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Es scheint, als würde sich bei Burdas Bunte die Geschichte von Helmut Markwort unter anderen Vorzeichen wiederholen. Wie dieser beim Focus hat Riekel unendliche Verdienste um ihr Blatt, das nach wie in den Bilanzen einer der großen Regenmacher des Unternehmens ist. Wie einst bei Markwort und Focus ist die Bunte ganz auf ihre Macherin zugeschnitten. Doch die hohe Profitabilität der Zeitschrift kann nicht überdecken, dass die redaktionellen Strukturen dringend einer tief greifenden Reform bedürfen. MEEDIA macht den Versuch einer Annäherung fernab der aktuellen Ehrenerklärungen und Schuldzuweisungen. Denn bei näherer Betrachtung ist es nicht überraschend, dass die Bunte mit ihren Methoden wiederholt selbst in die Schlagzeilen gerät. Wer all das verstehen will, muss bei der Betrachtung der Blattentwicklung vor eineinhalb Jahrzehnten beginnen.

Patricia Riekel wird am 1. Januar 1997 Chefredakteurin der Bunten. Zuvor war sie Chefredakteurin von die aktuelle aus dem Gong Verlag. Der frühere Burda-Kommunikationschef Philipp Welte war Geschäftsführer. Welte und Riekel galten als ideales Gespann. Riekel modernisierte die von Franz-Josef Wagner ausgezehrte Bunte inhaltlich, öffnete sie für Themen abseits des klassischen Tratsch-Angebots. Prominente aus Wirtschaft und Politik spielten nun auch eine Rolle. Riekel galt, ganz anders als Wagner, als Repräsentantin eines “freundlichen People-Journalismus”. Sie rechnete es sich selbst stets hoch an, Bunte in die Business-Class der Lufthansa gebracht zu haben. Unter Wagner wurden Promis oft mit hämischen Schlagzeilen und Texten vorgeführt. Die Redaktion war ausgelaugt und die Produktionskosten durch Wagners erratischen Stil ins Astronomische gewachsen. Teilweise soll dieser bereits gedruckte Hefte wieder einstampfen lassen haben, weil er noch etwas ändern wollte. Der Burda-Helikopter musste angeblich an Produktionswochenenden mehrfach Sonderflüge zwischen dem Redaktionsstandort München und dem Druck-Standort Offenburg fliegen.

Mit Riekel kam Ruhe in die Redaktion. Sie brachte von der aktuellen Thomas “Doc” Schneider als Stellvertreter mit. Sie war das Gesicht der Zeitschrift, repräsentierte, hielt Kontakte, setzte Themen. Schneider war intern der Mann fürs Tagesgeschäft und fürs Grobe. Diese Arbeitsteilung funktionierte viele Jahre. Geschäftsführer Welte umgarnte derweil Anzeigenkunden, konzipierte Kampagnen und sorgte dafür, dass Bunte ein besseres Image bekam. Auch wenn sich beide von ihrem Wesen her komplett fremd sind – das Duo Welte/Riekel funktionierte ausgezeichnet.

Die Geschichte mit Scharping im Swimming Pool 2001 markierte einen Meilenstein für Patricia Riekels Bunte. Der damalige Verteidigungsminister ließ privateste Fotos zu und öffnete sich Ober-Interviewer Paul Sahner komplett. Die verheerende Wirkung der Veröffentlichung (Scharping wurde angesichts seiner Lustreise vor dem Hintergrund des Krieges im Kosovo als „Bin Baden“ verspottet und ruinierte nachhaltig seinen Ruf) war der Redaktion wohl vorab bewusst und kalkuliert. Seither kommt kein Riekel-Porträt ohne einen Verweis auf die Scharping-im-Swimmingpool-Story aus. Sie markiert den Punkt, an dem das Private für Bunte endgültig politisch wurde. Und umgekehrt.

Eines aber unterscheidet die Scharping-Geschichte von späteren „Enthüllungen“. Scharping machte freiwillig mit. Ließ sich vorführen ohne Honorar und ohne Bespitzelungen. Bunte-Exklusivgeschichten der Neuzeit kamen nicht mehr so unschuldig zu Stande: die Affäre Horst Seehofers, die junge Geliebte Franz Münteferings, die exklusiven Stories im Fall Kachelmann. Entweder waren externe Spitzel mit hochdotierten Aufträgen im Einsatz, oder es wurden teils gewaltige Summen für die Aussagen von Ex-Geliebten bezahlt. Bei der Debatte um den umstrittenen Einsatz der Berliner Agentur CMK und deren grenzwertige Methoden, die sich Riekel allein 2008 rund 250.000 Euro kosten ließ und die in der Folge Presserat und Gerichte beschäftigten, kamen Blatt und Blattmacherin mit einem blauen Auge davon.

Diese Methoden werden von Riekel immer damit gerechtfertigt, dass es “andere doch auch tun”, dass es sich “um ganz normale Recherche” handle. Man fühlt sich bei Bunte zu Unrecht an den Pranger gestellt für etwas, für das man bei Scharping noch Beifall von allen Seiten erhielt. Dabei müsste allein die Höhe der Aufwendungen auch das eigene Verlagsmanagement hellhörig machen. Eine Viertelmillion für eine externe Agentur, die im Auftrag der Redaktion Politpromis auf die Pelle rückt? Ein Zeugenhonorar im Gegenwert eines Neuwagens der gehobenen Mittelklasse oder (vielerorts) einer kleinen Eigentumswohnung? Das alles mit dem Erkenntnisgewinn, wie ein der Vergewaltigung beschuldigter TV-Moderator als Liebhaber so war? Das erscheint selbst vielen Boulevard-Fachleuten völlig überdimensioniert und kaum nachvollziehbar.

Und: Den Unterschied zwischen der alten Scharping-Story und den neuen sieht man an der Bunte-Spitze offenbar nicht. Die Chefredakteurin, das hat spätestens die CMK-Affäre gezeigt, hat ein diffuses Moralverständnis im Umgang mit Promis und Enthüllungen. Zur Begründung der Vorgehensweise bei Recherchen im Umfeld von Politikern bemüht sie oft deren "Vorbildfunktion" oder Themen von "strafrechtlicher Relevanz" und verkennt, dass beides im Prinzip zur Legitimation von Nachforschungen bezüglich des Bundespolitikers taugen würde, von denen sie sich jetzt so vehement distanziert. Es scheint ein schmaler Grat, auf dem die investigativen Kräfte bei Bunte wandeln.

Kurz vor den jüngsten Enthüllungen zur Recherche-Affäre bei Bunte veröffentlichte die dpa ein überaus freundliches Riekel-Porträt, in dem diese sich noch ausführlich selbst lobte für den Scoop, dass die Nebenklägerin im Fall Kachelmann exklusiv in Bunte sprach. Dass genau diese Berichterstattung einen Tag vor Erscheinen des dpa-Porträts gerichtlich untersagt wurde, das kam in den Stück mit keiner Zeile vor.

Schon Riekels Krisenmanagement nach den stern-Enthüllungen 2010 vermittelte einen wankelmütigen Eindruck, und dass die Bunte-Chefredaktion in der aktuellen Sache über Tage hinweg zum "War-Room" wurde, aus dem heraus die Chefredakteurin verschiedenste Medienanfragen bediente, war dem Vernehmen nach vor allem dem Druck geschuldet, den der Vorstand nach Wochen des eher fruchtlosen Ermittelns ausgeübt hatte. Je mehr sich die 62-Jährige auf einen angeblich strikten Redaktionskodex und klare Regeln beruft, umso problematischer erscheint in der Praxis ihre Linie. „Heiße Recherchen“ – übersetzt solche, die betroffene Promis um Kopf und Kragen bringen oder Karrieren pulverisieren können – werden nach Aussagen eines Insiders gegenüber MEEDIA von der Chefredakteurin „gefordert und gefördert“. Und wenn ein Informant wie im aktuellen Fall, von Europas größter und kampferprobter Boulevardzeitung nach rascher Prüfung vom Hof geschickt wird, muss man sich fragen, warum ausgerechnet ein Gesellschaftsmagazin wie die Bunte, das hauptamtlich über Adelshochzeiten berichtet, an der schmuddeligen Ware überaus interessiert ist.

Hat die Bunte es nötig, mit hohen Kosten in solchen Niederungen zu agieren? Oder ist es ein Relikt früherer Zeiten, das nie korrigiert wurde? In der Ära von Patricia Riekel bei Burdas People-Magazin ist viel passiert, was das Verständnis von Privatsphäre betrifft. Schwadronen von Medienanwälten sind heute im Auftrag Prominenter unterwegs, und spätestens seit dem Caroline-Urteil weiß man in München, dass Fehler sehr teuer werden können. Und dennoch scheint es, als wäre die Bunte-Redaktion wie ein Gewächshaus, an dem die gesellschaftlichen Klimaveränderungen in der übrigen Medienwelt nahezu spurlos vorüber gehen. Die Bunte macht weiter wie gehabt.

Insider wissen: Bei den Leuten, die ins Visier des Burda-Blatts geraten können, gibt es solche und solche. Denn mit der Zeit ist Patricia Riekel immer mehr selbst zu einem Bestandteil der Society geworden. Es gibt vielfältige Abhängigkeiten – mit Prominenten, die als “Freunde” betrachtet werden, mit Anzeigenkunden, mit Firmen und Marken, mit denen man Geschichten macht. Legendär sind die Bunte Auto-”Tests”. Zahlreiche Firmen stellen Fahrzeuge zur Verfügung, die bei Luxusreisen oder privat “getestet” werden können. Wer intern die “Autotests” zu vergeben hatte, galt als besonders wichtig. Als er noch bei Bunte war, fiel das in die Verantwortung von Doc Schneider. Nachdem er bei einer privaten Ausfahrt in München einen sündhaft teuren Porsche schrottete, verlor er diese Zuständigkeit.

Der Titel an der Bürotür und auf der Visitenkarte ist auch eine beliebte Art der Belohnung. Nicht umsonst hat Bunte die wohl größte Chefredaktion Deutschlands, die in drei Stufen gestaffelt ist: “Normale” Mitglieder der Chefredaktion, zu denen auch der geschasste Politik-Ressortleiter zählte, stellvertretende Chefredakteure und ein Stellvertreter der Chefredakteurin, derzeit Sebastian Graf von Bassewitz. Mit Riekel zählt die Chefredaktion derzeit zehn Personen. Dazu kommt noch Bunte-Urgestein Axel Thorer als “Editor-at-Large”, ein Textchef, eine Art Direktion mit drei Leuten, ein Chef vom Dienst, ein Chefreporter und eine Geschäftsführende Redakteurin.

Es ist ein barockes Medien-Königreich, das da mit den Jahren in München entstanden ist, mit einer absolutistischen Herrscherin an der Spitze, einem eigenen Promi-Hofstaat und ganz vielen Mundschenken und Spesen-Rittern darunter. Mit der Zeit hat sich eine Art Bunte-Universum an Personen und Themen herausgebildet, über die das Blatt fast automatisch exklusiv berichtet. Dazu gehört u.a. der Aachener “Printenkönig” Hermann Bühlbecker, Allein-Inhaber der Schokoladenfabrik Lambertz sowie großzügiger Spender bei zahlreichen Charity-Projekten. Oder der mehrfache Oscar-Gewinner Arthur Cohn, den die Chefin in LA zum 15-Minuten-Frühstück trifft, gern gesehener Gast auf den Party-Seiten ist und der Redaktion die begehrten Oscar-Einladungen beschafft.

Die bunte Welt der Patricia Riekel ist eine Welt der Promi-Partys, Luxushotels, Laufstege und First-Class-Lounges an Flughäfen. Seit bald 15 Jahren macht sie ihren Job. Mit den Jahren ergeben sich viele Verpflichtungen, Abhängigkeiten und Routinen. Und man läuft Gefahr, den Blick fürs Wesentliche zu verlieren. Immer geht es um den Spagat zwischen Bussi, Bussi und der demaskierenden Enthüllung, die mancher Promi so sehr fürchtet, dass er statt dessen nach vorn flüchtet und mit guter Miene mit gestellten Hochglanz-Fotos fürs Blatt posiert.

An der Spitze dieses Machtapparats bewegt man sich in einer geschlossenen Welt aus Events und endlosen, immer wiederkehrenden Redaktionskonferenzen. Am Ende ist der letzte verbliebene Bezug zur Realität die eigene Putzfrau, die um Rat bei der Themenfindung gefragt wird. Aber selbst die ist, wie das Zeit Magazin in einem bemerkenswerten Riekel-Porträt schrieb, mittlerweile schon zur Haushälterin aufgestiegen und hält Leute wie Uschi Glas und Barbara Becker womöglich für echte Freundinnen. So weit zur Putzfrau. An deren Chefin und ihrem Redaktionsapparat scheinen Medien- und Konjunkturkrisen wie Optimierungs- und Effizienzprogramme in all den Jahren nahezu spurlos vorübergegangen zu sein. Ein Versäumnis, das für Burda nach fetten Jahren im Anzeigen- und Vertriebsgeschäft auf Sicht zur belastenden Hypothek werden könnte.
Im Spiegel wird Patricia Riekel zum aktuellen Fall mit den Worten zitiert: "Ich sehe keinen Schaden für ‚Bunte‘. Wo soll der sein, wenn man einen Fehler feststellt und ihn sofort bereinigt?“ Sie hält die Sache für "einen Ausrutscher, nicht für ein grundsätzliches Problem.“ Solche und ähnliche Aussagen muss sie in jüngster Zeit häufiger machen. Die Erfahrung zeigt: Wenn jemand ständig betont, dass "kein Schaden" entstanden sei, spricht vieles dafür, dass in Wahrheit das Gegenteil der Fall ist.

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