Bild-Leser bestürmen den Presserat

Die Bild-Zeitung hat in ihrer Ausgabe am Dienstag Leser dazu aufgerufen, dem Deutschen Presserat ihre Meinung zu sagen. Hintergrund ist eine nicht öffentliche Rüge des Rates, die Bild kassiert hatte, weil die Zeitung den Angeklagten in einem Fall von Kindesentführung bereits vor Prozessbeginn mit Foto zeigte. Heute zeigt Bild den mutmaßlichen Täter erneut im Bild und veröffentlichte dazu die Kontaktdaten des Presserates. Die Aktion zeigte schnell Wirkung. Zahlreiche Anrufer beschwerten sich beim Presserat.

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“Sie können sich nicht vorstellen, was bei uns los ist”, sagt die Dame am Presserats-Telefon. Der Bild-Aufruf, sich beim Presserat zu melden zeigt offenbar Wirkung. Lutz Tillmanns, der Geschäftsführer des Presserats bestätigte MEEDIA, dass zahlreiche Anrufe und Faxe von Bild-Lesern eingegangen seien. Ein Großteil der Anrufer sei dabei der gleichen Meinung wie die Bild und übt Kritik am Presserat. Es gebe, so Tillmanns, aber auch 10 bis 15 Prozent der Anrufer, die Verständnis für die Haltung des Presserats zeigen.

Ob Bild mit der neuerlichen Veröffentlichung des Fotos des mutmaßlichen Kindes-Entführers auch erneut gegen den Pressekodex verstößt, müsste laut Tillmanns neu bewertet werden. Im Zweifel gelte immer, Persönlichkeitsrechte zu wahren und eine Vorverurteilung zu vermeiden. Nach der Eröffnung eines Strafverfahrens vor Gericht könne die Abwägung darüber, was gezeigt werden darf und soll aber anders ausfallen als vorher. “Gerade wenn es um Persönlichkeitsrechte geht, hängt das immer sehr vom Einzelfall ab”, so Tillmanns.

Bild zieht den aktuellen Fall groß auf und schreibt zu Beginn des Artikels: “Ja, liebe Leser, Sie haben richtig gelesen: „Die Identität eines Straftäters ist grundsätzlich zu schützen“, sagt der Deutsche Presserat, der oberste Sittenwächter der Presse – und kritisiert aus diesem Grund immer wieder die BILD-Zeitung. Weil wir ganz anderer Meinung sind. Weil wir glauben, dass die Öffentlichkeit ein Recht darauf hat zu erfahren, wie ein Vergewaltiger, ein Kinderschänder und ein Mörder aussehen. Und wir deshalb Vergewaltiger, Kinderschänder und Mörder auch zeigen.” Es folgt noch eine Auflistung weiterer Fälle, in denen Bild wegen der Abbildung von Tatverdächtigen in Gewaltverbrechen gerügt wurde.

Bild hatte sich in der Vergangenheit schon oft über Rügen des Presserats beschwert und dies auch in der Zeitung thematisiert, allerdings selten so prominent und groß aufgemacht wie diesmal. “Ich empfinde das jetzt aber nicht als eine Gegnerschaft zwischen der Bild-Zeitung und dem Presserat. Bild ist so frei, das so zu machen, wie sie das für richtig halten”, sagt der Geschäftsführer des Kontrollgremiums. Im aktuellen Kodex gebe es ein eindeutiges Verbot der Vorverurteilung und dieses sei von der Bild im Vorfeld des Prozesses massiv verletzt wurden. Dafür habe die Zeitung dann eben eine Rüge kassiert.

In der schriftlichen Begründung erklärt der Beschwerdeausschuss des Presserates die Rüge damit, dass der Bild-Berichterstattung “nicht zuletzt aufgrund der Größe des Fotos eine Prangerwirkung zukomme.” Außerdem hatte Bild zahlreiche Details aus der Biografie des mutmaßlichen Täters berichtet, die es möglich machen, ihn zu identifizieren.

“Wenn Bild oder der Springer Verlag meint, der Kodex müsste geändert werden, dann sollten die das auch offen sagen”, so Tillmanns. Von Seiten der Bild-Zeitung und dem Axel Springer Verlag sei allerdings noch niemand auf den Presserat zugegangen und habe auf eine Änderung des Pressekodex hinwirken wollen.
Update: Ein Bild-Sprecher äußerte sich gegenüber MEEDIA folgendermaßen: "Mit dem Pressekodex sind wir zufrieden – unzufrieden sind wir mit der mangelhaften Auslegung." Es werde bei jeder Entscheidung behauptet, dass „zwischen dem Informationsinteresse der Öffentlichkeit und dem Persönlichkeitsrecht des Betroffenen abgewogen werden müsse.“ Die Abwägung unterbleibe aber regelmäßig. Der Bild-Sprecher weiter: "Wenn selbst über Straftaten wie diese nicht mehr identifizierend berichtet werden darf, kastriert der Presserat die Freiheit der Berichterstattung in Wort und Bild."

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