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Bildblog-Links: fünf Jahre 6vor9

„Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien.“ Das klingt einfach und ist doch ein publizistisches Programm. Oder anders gesagt: Wenn Links Bälle sind, die man sich übers Internet zuspielt, dann gilt die Erkenntnis: Ab und zu gut werfen und fangen kann jeder. Tagtäglich eine Performance mit immer sechs Bällen abliefern, fünf Mal die Woche – das verlangt echte Jonglierkünste.

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Von Marc Reichwein

Ronnie Grob jongliert jetzt schon seit fünf Jahren. Seit dem 2. August 2006 bestückt der in Berlin lebende Schweizer die 6 vor 9. Mit der kommentierten Linkliste zum Themenschwerpunkt Medien hat sich ein Service etabliert, den niemand mehr missen möchte, der ihn erst mal schätzen gelernt hat. Das zeigte die Rettungsaktion vor zwei Jahren. Ursprünglich als Teil von Medienlese der Schweizer Blogwerk AG gestartet, stand das Format vor dem Aus: Medienlese musste wegen mangelnder Refinanzierung dichtmachen (MEEDIA berichtete). Doch für die Rubrik 6 vor 9 gab es Solidaritätsbekundungen und eine vorläufige Weiterfinanzierung durch Spenden, seit Herbst 2009 schließlich Asyl bei Bildblog. Hier ergänzt Grobs Netzlese das Angebot seither kongenial – und profitiert von den täglich 40.000 Besuchern des medienkritischen Watchblogs.

Ähnlich wie der Branchenaggregator Turi2, aber weniger fürs Nur-Fachpublikum bereitet Grob Inhalte aus dem ganzen Web auf, entscheidet täglich neu, was er empfiehlt und was nicht. Laut eigenen Angaben wertet er dafür sage und schreibe 400, 500 Feeds aus: „Davon sind aber längst nicht alle aktiv. Regelmäßig publizieren eher 200 bis 300. Ich konsultiere aber auch jeden Morgen Bookmarks, dazu kommen Social Networks, nur mit Feeds alleine ist die Arbeit nicht getan.“

Und wenn die anderen Medienschaffenden aufstehen, hat Grob schon ganze Arbeit geleistet: „Eine Stunde für Sichtung und Recherche, eine weitere fürs Schreiben und Posten.“ Die zwei Stunden seien aber nur Nettoarbeitszeit, was an Lesearbeit dazukommt, kann Grob nur grob schätzen: „Das sind jeden Tag 1, 2, 3 oder 4 Stunden.“ Das Sixpack aus dem Netz wird unter einen peppigen Dreiklang gepackt (à la „DDR-Journalisten, Frauenfußball, WWF“), und die kommentierenden Kurztexte sind meist so informativ formuliert, dass man selbst dann auf dem Laufenden bleibt, wenn man nicht jedem einzelnen Link hinterherklickt. Die auf den Positionen 1 und 6 platzierten werden übrigens am besten angenommen.

Varianz und Kontinuität, zwei klassische Nachrichtenfaktoren, stechen bei 6 vor 9 besonders hervor. Varianz wird vor allem durch die Quellen erzeugt: Grob verlinkt professionelle Medienkonzerne genauso wie kleinste, abgelegenste Blogs. Das zeitigt immer wieder einen schönen Effekt: Es beschert stillen Netznischen den Traffic ihres Lebens, ein Link von Bildblog spült schon mal 3.000 Besucher auf die Seite – Kommentar-Tsunami inklusive: „Mein Blog läuft heute heiß, denn der Artikel wurde im Bildblog verlinkt.“ Oder: „So viele Zugriffe wie heute gab´s hier noch nie. Vielen Dank!“ Erst in solchen Reaktionen zeigt sich die eigentliche Bedeutung, die Linkdienste wie 6 vor 9 eingenommen haben: Zwar kann im egalitären Netz jeder eine Meinung haben (und auch publizieren), doch am Ende braucht es Verstärker-Plattformen, die Aufmerksamkeit zuweisen. Und so kann ein Link-Posting auch Agenda Setting sein.

Kontinuität entsteht, wo Grob an bestimmten Großthemen dranbleibt, etwa wiederholt Kritik an der Fukushima-Berichterstattung verlinkt oder auch klassische Themen der Medienkritik. Zum Beispiel die stereotype Visualisierung von Muslimen. Oder die unersättliche Nachfrage deutscher Zeitungen nach nostalgischen Pferdefuhrwerken, wenn es um die Bebilderung von Geschichten aus Siebenbürgen geht. Überhaupt macht man unter den 6 vor 9 nicht selten auch unterhaltsam-skurrile Entdeckungen, die man dann selbstständig weiterverfolgt: das Graphitti-Blog, das Infografiken intelligent persifliert, wäre so ein Beispiel.

Befragt nach den Prinzipien seiner Linkpolitik, erklärt Grob: „Ich versuche, ungehörte oder zu wenig beachtete Stimmen zu verstärken. Als Ausgleich ignoriere ich Stimmen, die mir zu laut erscheinen und die alle nachkrähen.“ Selbstkritisch räumt er ein, dass das natürlich nur idealtypisch zu schaffen sei: „Die Linkauswahl, also warum jetzt das drin ist und das nicht, wird zurecht immer wieder kritisiert. Meine Auswahl ist, wie jede Auswahl, diktatorisch.“
Wichtig ist ihm, mit 6 vor 9 immer wieder über den Gartenzaun hinaus zu schauen. „Niemand entwickelt sich weiter, wenn er nur Positionen wahrnimmt, die er bereits kennt.“ Als Autodidakt weiß Grob, wovon er spricht. Der ehemals kaufmännische Angestellte ist übers Bloggen Journalist geworden. Heute arbeitet er neben 6 vor 9 auch fest für medienwoche.ch und den Zürcher Presseverein – kann also nicht zuletzt vom Verlinken leben: „Ich halte das für nicht selbstverständlich und freue mich, solange dieser Zustand anhält.“

Hintergrund: Medienlese als überzeitliche Medienfunktion

In den letzten Jahren ist Aggregation zum beliebten Netz-Schlagwort geworden. Auch vom „Kuratieren im Web“ ist gern die Rede, doch das Florilegium kannte im Grunde schon der Lateiner. Und wer die Idee von Dienstleistern, die schon existierende Medieninhalte für andere Zielgruppen neu aufbereiten, ausschließlich mit dem Internet in Verbindung bringt, der hat ein ganz grundsätzliches Moment von Medienkonsum nicht verstanden. Denn ob ein Ronnie Grob um 8:54 Uhr, ob eine Presseschau im Deutschlandfunk oder ein „Blick in die Zeitschriften“ seitens der FAZ – Abstract-Formate haben ja immer eines gemeinsam: Sie extrahieren, indem sie aus größeren Inhalten kleinteiligere, charakteristische Einheiten sezieren oder zitieren, kommentieren und präsentieren.

Esther-Beate Körber hat in einer Fachstudie gezeigt: Schon das 18. Jahrhundert kannte (und gebrauchte) so genannte „Zeitungsextrakte“, um den überbordenden Markt der frühneuzeitlichen Publizistik zu kompensieren. Zeitungsextrakte empfahlen sich weiland ausdrücklich als Ersatz von und/oder Hilfsmittel zur eigentlichen Zeitungslektüre. Als Schlüssel zur Welt der Nachrichten, mit dessen An- und Unordnung auf dem Papier der ungeübte Umblätterer genauso überfordert war wie der Netz-Laie heute.

So wenig Medienlese zum ganz großen Business-Modell taugt: Als Medienfunktion ist sie praktisch. So leisten Link-Tipps heute, was damals auch Extrakte realisierten: Auswahl, Ordnung und Erklärung des Nachrichtenstoffs, mit dem viele (noch) nicht eingeübte Nutzer des neuen Mediums einfach überfordert sind. Wo das Unverbürgte und Unwichtige boomt, wächst der Wunsch der Rezipienten, nur das „Merckwürdige“ zu bekommen. Extraktredakteure des 18. Jahrhunderts vollzogen das an Zeitungen genauso fruchtbar wie ein Ronnie Grob im Web heute.

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