Die Woche der Krisen-Kommunikation

Wolfram Weimer wurde beim Focus entfernt, und es gab viel Kritisches zu lesen. In der offiziellen Verlagsmitteilung las sich aber selbst diese Schlappe noch wie ein Triumphzug. Weimer ist weg, aber Max soll wiederkommen. Man weiß nicht recht, ob man sich freuen soll. Vor allem wenn die Macher verkünden, Facebook sei ihr Konferenzraum. Ganz frisch ist die Idee vom “Open Source Magazin” nicht. Außerdem: Neues von Ergo, und der MDR hat mal wieder einen Skandal an der Backe.

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Jetzt ist er also weg, der Wolfram Weimer. Der Mann, der die Redaktion “wachküssen” wollte, der “Relevanz, Relevanz, Relevanz” predigte und den Focus schon auf Augenhöhe mit dem Spiegel sah. Es gab wenig Schmeichelhaftes zu lesen über den Vorgang von Weimers Demission Anfang der Woche. Wie aus einer anderen Welt wirkten dagegen die verbalen Kränze, die dem scheidenden Chefredakteur von Burda via Pressemitteilung gewunden wurden. “Klare Positionierung im Werbemarkt”, “deutlich wachsender Einzelverkauf”, “dankbar für die geleistete Arbeit und sein großes Engagement”, “der von ihm begonnene Weg der inhaltlichen Erneuerung wird mit aller Konsequenz weiter verfolgt” usw. Ja, warum geht er dann überhaupt, wenn alles so supertoll war? Gegen so eine Verlagsmitteilungen liest sich ein “Perry Rhodan”-Heftchen wie eine wissenschaftliche Fachpublikation.

A propos Wortgeklingel. Alexander Böker und Oliver Wurm tüfteln, ebenfalls für Burda, an einer Neuauflage der Lifestyle-Illu Max. Diesmal als “Redaktion 3.0”. Ihr “Konferenzraum heißt Facebook”, teilten sie mit und Oliver Wurm nennt “Weisheit der Freunde” statt “Weisheit der Masse” als weiteres Schlagwort. Das neue Max soll ein “Open-Source-Magazin” sein, denn: “Heute pulsiert das Leben in Social Networks.” Diese ganze, wie soll man es nennen, “Idee” von einem Magazin, das mit Input von außen gestaltet wird, ist eigentlich ein alter Hut. Alexander von Schönburg suchte weiland schon für die Park Avenue (kann sich irgendjemand erinnern?) Tipp-Geber in einem geschlossenen Social Network für Reiche (Small World). Damals erhielt von Schönburg dafür verbale Prügel von Thomas Knüwer. Der wiederum sucht nun schon seit einiger Zeit für sein deutsches Wired via Blog Ideen-Input  für die Redaktion (wofür er wiederum von Stefan Niggemeier eins übergebraten bekam). Und jetzt also suchen Wurm und Böker via Facebook Trends und Ideen für eine neue Max. Hoffen wir, dass mehr dabei herauskommt, als Wortgeklingel.

Den Begriff “Weisheit der Freunde” prägte übrigens Sascha Lobo bereits vor langer, langer Zeit, anno 2010 in einem Vortrag anlässlich der CeBit (die Passage kann man hier in geradezu atemberaubend schlechter, bzw. authentischer Tonqualität nachhören). Im selben Vortrag würdigte Lobo auch ausführlich das damals frisch gestartete Social Network Projekt Buzz von Google. Mit Buzz, so Lobo, sei Google in Sachen Social Network endlich vorangekommen. Lang, lang ist’s her.

Neues von meiner Lieblingsversicherung Ergo. Wie ich in der Fachpublikation wuv.de las, ist Ergo gegen einen Münchner Verlag vorgegangen, der die Firma u.a. als “Porno Versicherung” verunglimpfte. Zur Erinnerung: Vertreter der Ergo-Tochter HMI feierten in Budapest mit zahlreichen Prostituierten eine wilde Sex-Party. HMI setzte die Kosten hinterher beim Finanzamt ab. Konsequent: Es war ja schließlich eine Firmenfeier. Die Anwälte von Ergo schickten der Online-Publikation nun unverständlicherweise eine Unterlassungserklärung und sahen das “Unternehmenspersönlichkeitsrecht” verletzt. “Unternehmenspersönlichkeitsrecht” – irre, was es alles gibt! Das Medienangebot reagierte laut wuv.de, indem man Ergo drei noch derbere alternative Formulierungsvorschläge machte.

Bleiben wir beim schönen Thema Krisenkommunikation. Der MDR hat mal wieder einen Skandal an der Backe. Der Unterhaltungschef des Senders, Udo Foht, soll sich von Geschäftspartnern reihenweise Geld gepumpt haben, und zwar unter dem Vorwand, es handle sich um “Poduktionskostenvorschüsse”. Nach der Affäre Mohren und dem Kika-Skandal geht man beim MDR mit solchen Lappalien inzwischen erfrischend hemdsärmelig um. Im MDR-Pressenewsletter tauchte die Suspendierung des eigenen Unterhaltungschef unter einer flotten Meldung über eine Badeparty des MDR-Jugendsenders Jump auf. Falls Foht rausgeschmissen wird und es, mal wieder, zum Skandal-Prozess kommt, müssen wir das in der MDR-Hausmitteilung vermutlich zwischen den Meldungen über die nächste Folge Riverboat und dem aktuellen Line-up bei Flori Silbereisen suchen. Business as usual beim MDR.

Schönes Wochenende!

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