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„Der größte Verlierer ist Focus“

Für die SZ ist es "ein Ende mit Schrecken": Am Dienstag teilte der Burda-Verlag mit, dass man sich von Focus-Chefredakteur Wolfram Weimer trennt. Künftig wird das Fakten-Magazin allein von Uli Baur geführt. "Und egal, wie man Weimers Arbeit bewertet: Der größte Verlierer ist der Focus", resümiert die SZ die Entscheidung. Die FAZ sieht hingegen die Chance für Baur: "Er ist der last man standing." Er habe sich von der Rolle des Prätorianers längst emanzipiert. MEEDIA dokumentiert die Pressestimmen.

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Süddeutsche Zeitung:
"Ein Jahr lang hat Wolfram Weimer versucht, den ‚Focus‘ neu zu erfinden. Nun ist er gescheitert: am Heft, am Herausgeber und an sich selbst. (…) Es ist ein Ende mit Schrecken – nach monatelangen, zuletzt offen geführten Machtkämpfen. Und egal, wie man Weimers Arbeit bewertet: Der größte Verlierer ist Focus."
Frankfurter Allgemeine Zeitung:
"Feststellen darf man aber wohl, dass man bei Burda vielleicht erst jetzt und also reichlich spät erkennt, was man an Uli Baur hat. Er hat sich von der Rolle des Prätorianers unter dem Magazingründer und Herausgeber Helmut Markwort längst emanzipiert. (…) Seit November 2004 ist er Chefredakteur, zunächst unter Markwort, dann neben Weimer, jetzt ist er es allein. Er ist der last man standing. Der Verleger Hubert Burda soll indes nach wie vor der Überzeugung sein, der ‚Focus‘ brauche eine redaktionelle Doppelspitze. Dabei sollte ihm das vergangene Jahr doch vielleicht eine Lehre sein."
Tagesspiegel:
"Doch Weimer scheiterte nicht allein an dem eingeschworenen Männer-Duo Markwort und Baur, sondern wohl auch ein Stück weit an sich selbst. Sein Hang, sich in Talkshows und Interviews darzustellen, sei in der Redaktion nicht gut angekommen. Weimer redet, Baur macht, heißt es. Zudem soll Weimer gleich mehreren Redakteuren in einer Woche jeweils denselben Job versprochen haben – was nicht gerade als vertrauensbildende Maßnahme bezeichnet werden kann. Am Ende soll ein Großteil der Redaktion nicht mehr hinter Weimer gestanden haben. Doch ein Blatt zu erneuern geht nur, wenn die Mannschaft mitzieht. (…) ‚Das Wunder der Selbstheilung‘, titelt der ‚Focus‘ in dieser Woche – ein solches Wunder kann das Magazin selbst gut gebrauchen."
Hamburger Abendblatt:
"Was der ‚Focus‘ künftig sein wird, ist wieder völlig unklar. Bis zuletzt hatte Weimer bei den Anzeigenkunden für den ’neuen Focus‘ geworben. Dass er jetzt weg ist, ist ein Rückschritt für den Burda-Verlag. Weimer stand für den Neuanfang. Markwort, 74, und Baur verkörperten die Vergangenheit. Ob der zweite Chefposten wieder besetzt wird, will der Verlag nicht kommentieren.
Der aktuelle ‚Focus‘-Titel könnte auch aus den 90er-Jahren stammen: ‚Ich – Die beste Medizin der Welt. Das Wunder Selbstheilung.‘ Wie ein Triumph liest sich das Editorial, das der jetzt alleinige Chefredakteur Uli Baur mit folgendem Satz beginnt: ‚So, jetzt können wir alle beruhigt in den verdienten Urlaub fahren.‘
Welt:
"Dank der vom Vorstand nun eilig sanierten Redaktionsleitung darf angenommen werden, dass es ab sofort wieder mehr heitere Titelgeschichten wie ‚Die hundert tollsten Ideen‘ geben wird. Ohne Weimer steht dem Ziel, das Magazin in Zukunft wieder ganz auf den Verbraucher zuzuschneiden, nichts mehr im Wege. Dem auf durchaus respektable Art Gescheiterten bleibt, sich die jüngste Ausgabe des ‚Spiegel‘ zu besorgen. Die gibt nach bester ‚Focus‘-Manier Tipps für den beruflichen ‚Neustart‘."
WAZ:
Weimer musste den ‚Focus‘ neu erfinden. Für seine Mission sprach, dass er das exakte Gegenteil von Markwort war, der gern auf dem schmalen Grat zwischen populär und populistisch balancierte: Der 46-jährige Lehrer-Sohn wollte weg von kurzen Texten und großen Grafiken, Politik statt Platitüden. Der ‚Focus‘ sollte Bayerns Antwort auf den Hamburger ‚Spiegel‘ werden, der nach wie vor als Leitmedium gilt. Doch Burdas Flagschiff geriet ins Schlingern, weil sich die beiden Kapitäne Weimer und Baur um den richtigen Kurs des Blattes stritten. Mal trieb der ‚Focus‘ die Debatte um Energie und Euro voran, mal präsentierte er sich mit Urlaubstipps und Diätberatung als ‚Brigitte‘ für Männer.
FTD:
"Um zu sehen, wie wenig Wolfram Weimer zum ‚Focus‘ passt, reichte schon ein Besuch in seinem Chefredakteursbüro. Dort stapelten sich Kunstbildbände. Hinter dem Schreibtisch standen wuchtige Biografien über Kleist, Nietzsche und Bismarck. Es wirkte eher wie das Studienzimmer eines Kulturkritikers als wie die Schaltzentrale eines modernen Nachrichtenmagazins. Hier plante Weimer vor einem Jahr den Umbau des bodenständigen Anti-‚Spiegels‘ zum intellektuellen Beiblatt deutscher Bürgerlichkeit. Der Burda-Verlag wagte ein Experiment – und beendete es am Dienstag spektakulär. (…) Das Ende der Weimer-Episode bedeutet für Burda einen Rückschlag beim Versuch, sein rückläufiges Printgeschäft in Deutschland zu stärken."

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