Weimer: vom Messias zum Problemfall

Nach gerade einem Jahr wird die ungleiche Ehe Weimer/Focus unsanft geschieden. Es steht zu befürchten, dass mit dem jähen Aus der Beziehung keine Seite glücklich wird. Der Cicero-Gründer, der im vergangenen Sommer mit hochfliegenden Plänen als Chefredakteur an der Isar aufschlug, ist den Nachweis schuldig geblieben, dass er als Blattmacher einer Publikumszeitschrift taugt. Und das über Jahre vom Markt und reihenweise Relaunches gebeutelte Magazin ringt mehr denn je um seine Zukunftsfähigkeit.

Anzeige

Eine Überraschung war es sicher nicht, dass Burda-Vorstand Philipp Welte zu diesem Zeitpunkt die Notbremse zog und den Mann aus Berlin stoppte, von dem es im Hause zuletzt hieß, er sei "als Tiger gestartet und als Bettvorleger gelandet". Der dürre Dank des Managements für die geleisteten konzeptuellen Dienste wird Weimer kaum über die größte Niederlage seiner Karriere hinwegtrösten. Der Zusatz, dass er der Geschäftsführung weiter als Berater willkommen sei, wirkt angesichts der frostigen Trennung wie ein mühselig austariertes Wording, damit alle Beteiligten ihr Gesicht wahren können. Nur Tage zuvor hatte die Süddeutsche Zeitung enthüllt, dass in der Chefredaktion die Fetzen flogen und zwischen den gleichberechtigten Focus-Lenkern Weimer und Baur "Krieg" herrsche. Wer da glaubte, der Machtkampf sei offen oder Weimer werde sich dank des Rückhalts beim Verleger durchsetzen, sieht sich getäuscht.

Die Faszination Hubert Burdas für den eloquenten Salon-Journalisten Weimer war längst der Besorgnis gewichen, dass dessen Blattkonzept – in der Theorie vielleicht schlüssig – in der Praxis am Leser vorbei gehen und die Zeitschrift ins Trudeln bringen könnte. Diesen Zustand wollte und konnte der Verleger nicht hinnehmen. In diesen Fällen gilt an der Arabellastraße ein Gesetz, für das der sinngemäße Spruch des Springer-Vorstandschefs Mathias Döpfner über die Bild-Zeitung wohl die treffendste Analogie ist: Mit Burda fährst du im Fahrstuhl nach oben, mit Burda fährst du auch wieder herunter. Christiane zu Salm, längst verdrängte Vorstandsfrau bei Burda, hat diese Erfahrung zuletzt machen müssen. Nach wenigen Monaten in der Machtzentrale des Konzerns war Schluss, und wie sie schien Weimer auf seiner Position wie ein Exot. Nun hat es ihn getroffen, und nur wenige im Hause werden das Ende der Ära Weimer beim Focus bedauern. Es braucht kaum Phantasie zur Annahme, dass Wolfram Weimer, 46, in den vergangenen Wochen in seinem Chefbüro ein ziemlich einsamer Mensch gewesen ist.

Das Medienhaus Burda wäre nicht Burda und München nicht München, wenn jetzt nicht reihenweise Details über das Wirken und Scheitern Weimers beim Focus enthüllt würden, fein ausgesteuert nach der Interessenslage derjenigen, die sie "durchstecken" und allesamt geeignet, Legenden zu stricken. Es wird für jeden Bedarf etwas dabei sein, von grandiosen Titel-Flops, kruden Personalentscheidungen und beruflichen wie halbprivaten Anekdoten, die überaus skurril klingen und seit Wochen bereits die Runde machen: Wir halten Sie auf dem Laufenden, stay tuned!

Genauso gut kann man das alles vergessen, denn in Wahrheit geht es um mehr und Wichtigeres. Zuallererst stellt sich die Frage, wo der Focus nach Weimer steht, und dann, viel entscheidender, wo er denn hin will. So wenig es Philipp Welte schwer gefallen sein dürfte, als verantwortlicher Vorstand die Trennung vom einstigen Hoffnungsträger zu exekutieren, so sehr muss er sich Ungereimtheiten beim Vollzug vorwerfen lassen. Vor wenigen Tagen hatte er angesichts der SZ-Enthüllungen noch verlauten lassen, beim Focus stelle sich die Frage nach einer Personalentscheidung in der Chefetage nicht. Nun wirft er Weimer, der gerade auf einer Roadshow durch die Republik tingelte und bei Agenturen für den "neuen" Focus warb, wie Ballast über Bord. Das kommt nicht gut und könnte Welte & Co. in Erklärungsnot bringen: Welche Erfolgsstory und Zukunftsperspektive haben die Münchner denn künftig im Gepäck, wenn es darum geht, bei Anzeigenkunden für den Focus zu werben und wieso sollte man ihnen diesmal glauben?

Den klassischen Focus der "Fakten, Fakten, Fakten!"-Jahre hat nicht zuletzt der Verleger selbst vor dem Hintergrund der digitalen Umwälzung für nicht zukunftsfähig befunden. Das Debatten-Magazin nach Lesart Weimers, der ohne Frage im harten Magazinalltag blattmacherische Blößen gezeigt hat, ist im Rudimentären stecken geblieben und wird in dieser Form vermutlich vom nun alleinigen Chef Uli Baur, 56, nicht weiter entwickelt. Im Nachhinein wirkt Weimer auf der ungewohnten Position des Focus-Machers wie ein Zauberlehrling, dessen magische Tricks aus der Nischen-Kiste im großen Saal wirkungslos verpufften. Focus ist nicht Cicero, Weimer kein Magazin-Magier. Stresstest nicht bestanden, Ende der Vorstellung, aber was nun? Der Focus als Junior-Spiegel? Oder als Info-Illustrierte 2.0? Keines der beiden Konzepte hat Charme, keines scheint tauglich, die Aura des 90er Jahre-Focus am Anzeigenmarkt wieder zu beleben. Vielmehr tut sich mit dem Abgang Weimers ein strategisches Vakuum auf. Das hat weniger mit dessen effektiver Leistung zu tun als mit Projektion: Der Neue verkörperte für Verlag und Verleger Aufbruchstimmung beim eingefahrenen Titel. Weimer stand für das Prinzip Hoffnung. Nun ist auch dies in die Brüche gegangen.

Vielleicht hat man Uli Baur, der dem Gründer Helmut Markwort über beinahe zwei Jahrzehnte treu zur Seite stand, Unrecht getan, wenn man ihm nicht wirklich zutraute, dessen Nachfolge anzutreten (wie es immer Markworts Wunsch war). Vielleicht ist Baur einer der am meisten unterschätzten Blattmacher im Magazingeschäft. Mag alles sein, aber es hilft ja nichts: Die Entscheidung für den langjährigen Vize als Alleinherrscher und Strategen wirkt auf die Branche wie ein Rückschritt. Der Schatten Markworts, dessen Abschied vor Jahresfrist viele als quälend und überlang empfanden, ist beim Focus größer denn je. Das Scheitern Weimers gerät für den 74-jährigen Altmeister zum späten Triumph, sein Rat wird wieder gefragt sein.

Was also ist vom Focus jetzt zu erwarten? Die Zeitschrift wird berechenbarer werden, das von Weimer so vehement geforderte und geförderte Feuilleton wird an Einfluss verlieren, die umstrittene Kulturchefin wird wohl ebenfalls gehen müssen. Man kann davon ausgehen, dass die konservative Bodenständigkeit, die das Faktenmagazin stets prägte, im Heft wieder stärker sichtbar wird. Der aktuelle Titel "Die beste Medizin der Welt" mit aufgeklebtem Bundesliga-Planer plus Logo-Sticker fürs "sky Saisonticket" weist den Weg.

Ganz sicher tut man bei Burda gut daran, nun den Ball erst einmal flach zu halten. Nach drei oder vier Relaunch-Projekten innerhalb von zwei Jahren ist der Branche ein weiterer harter Ruderschlag kaum zuzumuten. Die Selbstdarstellungs-Optionen des gewandelten Magazins sind ausgeschöpft, der Markt scheint satt von immer neuen, kommunizierten Erfolgstories der Münchner. Hier ist nach dem lauten Getrommel der vergangenen Monate Fingerspitzengefühl gefragt.

Denn während viel über die tatsächlichen oder mit viel Marketing-Aufwand erzielten Auflagenerfolge 2011 geredet wurde, ist unübersehbar, dass der Focus vom konjunkturellen Aufschwung weniger profitierte als seine Konkurrenten. Hier gilt es, verlorenes Vertrauen wiederzugewinnen. Das Signal dazu hat der Verlag mit der Trennung von Wolfram Weimer gegeben. Es lautet unmissverständlich back to the roots und konterkariert damit vieles, was hohe Entscheider in der Vergangenheit über die strategische Neuausrichtung des Magazins geäußert haben. Zurück in die Zukunft ist beim Focus die Option der Stunde. Das ist mit Bezug auf die vorangegangene und jetzt über Bord geworfene Strategie der Neu-Erfindung eigentlich paradox. Aber es ist die einzig verbliebene Chance.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige