Bild und Niggemeier gegen das ZDF

Es geschieht nicht oft, dass sich die Bild-Zeitung und ihr Kritiker Stefan Niggemeier in der Bewertung einer Sache einig sind. Bei der Berichterstattung rund um Experten-Schnellschüsse zu den Anschlägen in Norwegen ist dies der Fall. Bild machte den ZDF-Terrorismus-Experten Elmar Theveßen wegen seiner Instant-Islamismus-Analysen zum “Verlierer des Tages” und war damit auf einer Linie mit Niggemeier, der Theveßen aus demselben Grund kritisierte. Mittlerweile hat sich Theveßen gegen die Kritik gewehrt.

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Kurz zusammengefasst zielt die Kritik von Bild und Stefan Niggemeier in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung an den ersten Analysen von Elmar Theveßen in den ZDF-Nachrichtensendungen “heute” und “heute journal” vom vergangenen Freitag darauf, dass Theveßen vorschnell radikale Islamisten als Haupt-Verdächtige für die schrecklichen Anschläge von Norwegen verantwortlich machte. Transkripte und Mitschnitte der Sendungen im Internet belegen dies recht eindrücklich.

Theveßen wollte die Kritik nicht auf sich sitzen lassen und reagiert im Blog “Kennzeichen Digital” des ZDF. In seiner Replik “Expertise oder Spekulation” wies Theveßen die Kritik weit von sich. Nach seiner Wahrnehmung hat er alles richtig gemacht. Fakten und Spekulationen fein abgewogen. Auf Unstimmigkeiten hingewiesen. Schließlich, brüstet er sich mit Quellen in Regierungs- und Sicherheitskreisen und attestiert sich und dem ZDF, “journalistisch sauber” gearbeitet zu haben. Die “selbsternannten Kritiker”, die er namentlich nicht nennt, bekommen ihr Fett weg, indem Theveßen ihnen unterstellt, dass sie sich “Gesagtes für einen flockigen Artikel gern ein wenig zurechtbiegen”. Diese Art der Argumentation erinnert fatal an den “Tagesschau”-Co-Chefredakteur Kai Gniffke, der im Blog der “Tagesschau” auch gerne Kritik pauschal abbürstet, sie mit einem Schwall Eigenlob zukleistert um sich und seiner Redaktion am Ende selbst das allerbeste Zeugnis auszustellen. In Sachen sauberer Journalismus verdienen ARD und ZDF nach  eigener Lesart immer nur die Eins mit Sternchen.

Allerdings sprechen im Fall Theveßen die Sendungen selbst und die Transkripte eine ganz andere Sprache als seine Rechtfertigungs-Arie, wie Stefan Niggemeier in einer Replik auf die Replik im FAZ-Fernsehblog nachweist. Theveßen ist dabei nur einer von vielen Analyse-Pistoleros im Umfeld der Oslo-Anschläge. Auch der ARD-Terrorexperte Rainald Becker lag in einem “Tagesthemen Extra” reichlich daneben – vielleicht ein Fall für Kai Gniffke und sein Blog? Und N24 schoss mit dem telefonisch zugeschalteten “Experten” Berndt Georg Thamm, der minutenlang frei improvisierend offensichtlichen Unsinn on air redete, vermutlich den Vogel ab.

Die trotzige Replik von Elmar Theveßen zeigt aber, dass die Experten-Kaste und ihre Sender die Kritik am Terror-Expertentum offenbar falsch verstanden haben. Es ging nicht darum, dass kritisiert wurde, dass die Experten daneben lagen. Es ging darum, dass die Experten viel zu schnell vorgestanzte 08/15-Analysen aus dem Ärmel zogen. Eine voreilige Islamismus-These kann sich jeder TV-Zuschauer im Zweifel selbst zusammenreimen. Die Experten sollten ja gerade dafür da sein, dass sie nicht hastig jene Vorurteile wiederkäuen, die in der Klischee-Schublade ganz oben liegen. Dass dabei die Experten bei den öffentlich-rechtlichen Sendern genauso versagt haben, wie beim Flugzeugträger-Doku-Kanal N24 ist freilich ein ganz besonderes Armuts-Zeugnis.

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