„Brauche keinen, der mir auf die Finger klopft“

Bernd Kundrun führte lange Europas größtes Zeitschriftenhaus. Mittlerweile engagiert sich der Ex-G+J-CEO als Web-Investor beim Inkubator Hanse Venture – mit großem Erfolg: "Die Wertsteigerung meiner Beteiligungen ist – gemessen an den aktuellen Finanzierungsrunden – so hoch, dass sie meine früheren Gehälter als angestellter Manager deutlich übersteigt." Im MEEDIA-Interview spricht Kundrun über seine neue Unabhängigkeit, den Reiz Start-ups zu gründen und die zu "konservative" junge Journalisten-Generation.

Anzeige

Herr Kundrun, bei Gruner + Jahr verfolgten Sie den Ansatz "expand your brand", Sie haben also Printmarken ins Netz gebracht. Als Startup-Investor stecken Sie Ihr Geld aber in junge, gänzlich unbekannte Unternehmen. Woher kommt der Sinneswandel?
Bei mir gab es keinen grundsätzlichen Sinneswandel. Mit Chefkoch.de, Ligatus und weiteren Unternehmen haben wir auch schon zu meiner G+J-Zeit in aufstrebende Unternehmen investiert, die heute zu den Marktführern in ihrem Bereich gehören. In den vergangenen Jahren hat sich die Internetwirtschaft aber weiter professionalisiert. Wir sprechen nicht mehr von der New Economy, sondern von der Real Economy. Es gibt viele Unternehmen, die Werte schaffen, die solide geplant und mit einem realistischen Businessplan ausgestattet sind. An solchen Startups beteilige ich mich im Wesentlichen über die Gründerschmiede Hanse Ventures.
 
Sie haben sich bei Gruner + Jahr mehrfach beschwert, dass Ihnen ihr Mutterkonzern Bertelsmann nicht genug Freiraum für Online-Expansionen gewähren würde.
Anders als andere Verlagshäuser hat Gruner + Jahr eine Konzernmutter, die die erwirtschafteten Mittel selbst reinvestiert – auch in Online-Aktivitäten. Das ist bei Burda, Springer und Co. nicht der Fall. Dabei lassen sich im Internet angestammte Märkte neu aufteilen. Klar, dass man da gerne mitmachen will. Nun kann ich selbst bestimmen, wo und wie viel ich investiere. Nach meinem Ausscheiden bei Gruner + Jahr habe ich zuerst eine Million Euro meines Privatvermögens in die Spendenplattform Betterplace.org investiert. Dort bin ich heute noch als Aufsichtsratsvorsitzender aktiv. Mir wurde aber schnell klar, dass ich nicht ausschließlich gemeinnützig arbeiten wollte.
 
Was ist das Reizvolle an Internet-Startups?
Selbst Unternehmer zu sein, geht nur auf zwei Arten: Entweder man investiert mit viel Geld in ein bestehendes Unternehmen und bleibt trotzdem erst mal Juniorpartner. Oder man versucht, selbst zu gründen. Internet-Startups liegen da am nächsten.
 
Sie sind an zwölf Unternehmen beteiligt. Wie behalten Sie da die Übersicht?
Ich lasse mich nicht zu sehr ins Tagesgeschäft verhaften. Ich sehe mich als helfende Hand, als Sparringspartner, aber auch als aktiver Gesellschafter. Mir ermöglicht das, mich mal zurückzuziehen, aber mich bei Gelegenheit auch wieder stärker einzuschalten.
 
Bei Ihren Kontakten dürften Sie ein gern gesehener Sparringspartner sein. Netzwerke sind in dieser Branche extrem wichtig. Sie ermöglichen Gedankenaustausch mit interessanten Gesprächspartnern. Den Erfolg machen aber in erster Linie die Gründer aus.
 
Sie sind an sehr unterschiedlichen Startups beteiligt. Was muss eine Idee mitbringen, damit sie Sie überzeugt?

Das Konzept muss ein Leistungsversprechen beinhalten, das für viele Menschen von Nutzen ist. Und zwar in einem Maße, dass die Menschen auch dafür bezahlen. So funktioniert es bei unserem Crowdsourcing-Übersetzungsdienst Toptranslation genau wie bei Hochzeitsplaza oder Pflege.de.
 
Ist das der Grund, weshalb Sie an keinem journalistischen Startup beteiligt sind?
Ich will mich gegenüber meiner alten Branche zurückhalten und nicht als Wettbewerber wahrgenommen werden. Aber es ist auch sehr schwierig, Geschäftsmodelle zu entdecken, die auf Basis journalistischer Kompetenz im Internet kommerziell reüssieren. Das macht nach wie vor das Problem dieser Branche aus, die nach der iPad-Euphorie schon wieder in der Ernüchterungsphase steckt. Die Monetarisierung von gutem Journalismus ist die Milliarden-Dollar-Frage. Sie ist von niemandem so gut gelöst, dass sie als Blueprint für die ganze Branche gelten kann.
 
Wie kann der Journalismus aus dieser Misere herauskommen?
Verlage müssen innovativ sein. Es bleibt nichts anderes übrig, als es mit Trial and Error zu probieren. Ich bin aber nicht derjenige, der vom Spielfeldrand gute Ratschläge zuruft. Um ehrlich zu sein, kenne ich die richtige Antwort auch gar nicht.
 
General-Interest-Portale wie Bild.de oder Spiegel Online schreiben mit Werbeeinblendungen angeblich schwarze Zahlen. Nehmen Sie Bannerwerbung überhaupt noch wahr?

Nur wenn sie nah am Kontext ist. Lese ich Faz.net und bekomme Versicherungswerbung eingeblendet, interessiert mich das nicht. Tummele ich mich auf einer Reise-Website und sehe passende Anzeigen, ist es etwas anderes. Für General-Interest-Portale ist es im Internet wirklich schwierig, die richtige Werbung zu finden. Auch General-Interest-Titel im Printmarkt funktionieren im Wesentlichen als Werbeträger für Produkte, die jeden ansprechen, beispielsweise Autos. In der Online-Werbung fehlt für dieses Segment eindeutig der Durchbruch.
 
Sie sind auch an Teveo, einem Anbieter für Hybrid-Fernsehen, beteiligt. Da fehlt ebenfalls der Durchbruch.

Hybrid-TV wird erst in den nächsten Jahren massenkompatibel, kommt dann aber gewaltig! Die HbbTV-Technologie wurde gerade als europäischer Standard festgelegt, dementsprechend steigt die Verfügbarkeit der Fernsehgeräte mit Online-Verbindung rapide an. Die Prognose lautet, dass bis 2015 mehr als 20 Millionen Geräte in deutschen Haushalten stehen werden. Das sind mehr als alle iPads und iPhones zusammen genommen.
 
Was versprechen Sie sich vom Hybrid-Fernsehen?
Immer noch ist das Fernsehen das lodernde Lagerfeuer, das die Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt gemeinsam versammelt. Die Stärke unseres Services ist es, aus dem laufenden Programm heraus Impulse zu setzen. So können die Zuschauer beispielsweise direkt Produkte, Filme und CDs bestellen oder eine Probefahrt mit einem Auto buchen. Wir schaffen quasi ein iTunes fürs Fernsehen.
 
Wie haben sich Ihre Beteiligungen in den rund zwei Jahren, die Sie dabei sind, entwickelt?
Die Wertsteigerung meiner Beteiligungen ist – gemessen an den aktuellen Finanzierungsrunden – so hoch, dass sie meine früheren Gehälter als angestellter Manager deutlich übersteigt. Allerdings habe ich noch keines meiner Ventures verkauft und daher noch keinen Cash gesehen.
 
Wann wollen Sie denn zum ersten Mal Cash sehen?
Für einen Exit aus meinen Beteiligungen ist es noch zu früh. Da bin ich vielleicht auch kein typischer Internet-Investor, denn es fällt mir äußerst schwer, mich von meinen Beteiligungen zu trennen. Ich bin eher ein Mit-Gründer, kein Trader.
 
Vergleichen Sie den deutschen Startup-Markt manchmal wehmütig mit dem amerikanischen?
Ich sehe bei der Bewertung von Firmen wie Groupon, Zynga oder Facebook Elemente eines Hypes. Aber es gibt eben auch eine unterschiedliche Risikokultur in den USA. Amerikanische Investoren gehen häufiger das Risiko ein, in einer frühen Phase zu investieren. In Deutschland gibt es hingegen wenig Business Angels oder
Gründerschmieden wie Hanse Ventures. Deutschland braucht mehr mutige Investoren.
 
Ist es für Verlage sinnvoll, Geld in Startups zu stecken, wie es Burda oder Holtzbrinck tun?

Für Verlagsmanager, die erkennen, dass sie mit dem reinen Verlagsgeschäft kein Wachstum mehr erzielen, kann das Sinn machen. Das kann dann auch unabhängig davon sein, ob die Investments Synergien zum bestehenden Geschäft schaffen. Aber weder der Focus noch die Saarbrücker Zeitung würden dadurch gerettet werden, dass ein Verleger ein glückliches Händchen im Online-Business hat. Sie schlagen zwei unterschiedliche Schlachten.
 
Manche Zeitschriften sind sehr wertvolle Marken für Ihre Verleger. Da wäre doch eine Quersubventionierung vorstellbar.
An Quersubventionierung glaube ich überhaupt nicht. Jeder Verleger betrachtet seine Profitcenter getrennt. Eine Zeitung oder Zeitschrift, die wirtschaftlich nicht mehr funktioniert, wird dadurch keine Überlebenschance bekommen.
 
Vermissen Sie das klassische Mediengeschäft?
Auch wenn ich viele tolle Erfahrungen gemacht habe, fehlt es mir nicht. Ich genieße die Unabhängigkeit und brauche niemanden mehr, der mir auf die Finger klopft. Das heißt aber nicht, dass ich meine Zeit bei Bertelsmann und Gruner + Jahr nicht in vollen Zügen genossen hätte. Das sind nach wie vor exzellente und spannende Unternehmen. Ich drücke meinen Nachfolgern, die vor noch größeren Herausforderungen stehen als ich damals, stets die Daumen.

Haben Sie noch Kontakt zu Ihren alten Kollegen, zu Hartmut Ostrowski?
Natürlich haben wir noch das eine oder andere Bier zusammen getrunken und uns über gute, alte Zeiten und neue Herausforderungen unterhalten.
 
Wenn Sie nun doch noch einmal einen Blick vom Spielfeldrand auf den Journalismus werfen: Welchen Rat können Sie Nachwuchsredakteuren geben?
Junge Journalisten brauchen eine klassische Journalistentugend mehr als je zuvor: Neugier. Ich habe oft junge Journalisten erlebt, die in ihrer Haltung zu konservativ waren.

Was meinen Sie mit konservativ?
Sie wollten Printredakteure werden und waren der Meinung, dass der Verlag dafür sorgen müsse, dass das auch klappt – und entsprechend gut entlohnt. Wer sich als junger Journalist so aufstellt, wird in seinem Leben viele Enttäuschungen erfahren. Denn Journalismus muss sich neu definieren. Ein Nachwuchsredakteur ist gut damit beraten, sich ständig weiter zu entwickeln. Er muss alle Tasten des Klaviers der Medienkommunikation bedienen können – und das Klavier hat jetzt deutlich mehr Tasten als noch vor einigen Jahren.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige