„Bleiben Sie gelassen, Herr Herres“

Sie planten keine "Anti-Bild"-Kampagne, betonen die ARD-Granden. Aber sie nutzen Themenvorlagen: Im ARD-Presseclub sprach Programmdirektor Volker Herres am Sonntag mit vier Journalisten über Murdoch und "Macht, Moral und Machenschaften der Boulevard-Blätter". Um den Skandal in England ging es allerdings nur am Rande. "Warum und wann fährt die Bild-Zeitung Kampagnen?" wollte Herres wissen. Dauertalkgast Uli Jörges konnte beruhigen: "Bleiben Sie gelassen, Herr Herres."

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Für die Murdoch-Kompetenz hatte die Redaktion des Presseclubs Gina Thomas, die London-Korrespondentin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, ins Studio nach Köln geholt. Sie kam wie Spiegel-Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen aber allenfalls für gute Kommentare am Rande zum Zuge. So machte Thomas beispielsweise darauf aufmerksam, dass der Skandal um das Murdoch-Blatt News of the World erst zum Massenthema wuchs, als Abhöraktionen gegen ganz normale Briten publik wurden.

Ansonsten dominierten Stern-Journalist Jörges und Bild-Autor Hugo Müller-Vogg die von Herres geleitete Diskussion. Warum kein Mitglied der Bild-Chefredaktion zur Debatte gekommen war und Müller-Vogg die Springer-Presse quasi vertrat, fragte Herres nicht direkt. Er erklärte dafür, Zuschauer hätten diese Frage mehrfach im Online-Forum des Presseclubs gestellt. Eine Antwort darauf lieferte Müller-Vogg, ein ehemaliger Herausgeber der FAZ, aber auch nicht.  

Um es vorwegzunehmen: Springers Bild wurde auch in dieser Sendung nicht demontiert. Stattdessen gab Jörges, vermutlich geladen als Hauptkritiker des Boulevardblatts, eine Art von Entwarnung. Abgehört werde in Deutschland durch Medien bis zum Beweis des Gegenteils nicht, glaubt Jörges. Dennoch gebe es vermutlich in vielen Redaktion Dossiers über Politiker, die bei Bedarf geöffnet werden könnten. Details wolle er nicht nennen, sonst lande er "vor Gericht" Am Rande wurde auch die Beauftragung von Detekteien durch Redaktionen erwähnt. Eine Anspielung auf die Zeitschrift Bunte, die sich der Dienste einer Agentur bedient hatte, um Informationen über Politiker in Erfahrung zu bringen.

"Die Kampagnen von Bild sind alle gescheitert"

Doch dieser interessante Punkt wurde nicht weiter vertieft. Statt um unlautere Recherchemethoden ging es dann um Kampagnenjournalismus – was aber nicht unbedingt Thema des Talks war. Zumindest nicht das offiziell genannte Thema. "Die Kampagnen, die Bild versucht hat, sind alle gescheitert", sagte erneut Jörges. Neben dem missglückten Versuch, Karl-Theodor zu Guttenberg im Amt des Verteidigungsministers zu halten, verwies Jörges auch auf Bild-Artikel über sich. Zweimal habe Bild geschrieben, Jörges solle nicht mehr im TV auftreten, und dennoch sei er nun wieder im Presseclub auf Sendung. Ergo: Die ARD könne einer erwarteten kritischen Serie in Bild über die ARD entspannt entgegensehen, meinte der Stern-Journalist: "Bleiben Sie gelassen, Herr Herres."

Bild-Autor Müller-Vogg versuchte erst gar nicht, den Einsatz von Kampagnen durch Journalisten zu bestreiten. Alle Medien setzten schließlich Themen, beispielsweise auch der Spiegel. Als solche wertete er auch die Titelgeschichte "Brandstifter" vom Frühjahr über die Methoden der Bild-Zeitung. Dass es zwischen dem "Setzen" von Themen und Kampagnenjournalismus einen Unterschied gibt, fiel allerdings unter den Tisch und wurde auch von Moderator Herres nicht noch einmal herausgearbeitet.

"Journalisten sind im Prinzip korrupt"

Eine ganz bemerkenswerte Journalistenschelte gab es dann doch noch. Wieder von Jörges. Es gebe zurzeit "ein Wettrennen von Chefredakteuren, bei Peer Steinbrück zum Essen eingeladen zu werden". Eine ganze Reihe von Medien würde es darauf absehen, gute Kontakte zum potentiellen Kanzlerkandidaten der SPD aufzubauen. Jörges sieht darin einen "schwerwiegenden Verstoß gegen das Gebot der Distanz zur Politik". Jörges: "Journalisten sind eitel und im Prinzip auch korrupt."

Gegen die "Versippung" zwischen Medien und Politik wettert Jörges nicht zum ersten Mal. Dabei sollte allerdings nicht unterschlagen werden, dass der Stern, den er als Mitglied der Chefredaktion vertritt, auf Veranstaltungen wie das jährliche Sommerfest in Berlin Politiker im Dutzend einlädt. Wie das eben viele Medien tun, vom Öffentlich-Rechtlichen Sender über den Spiegel bis zur Bild. Müller-Vogg verwies darauf, Jörges sei einmal bei einer Zeitung angestellt gewesen, deren Chef "beim Kanzler ein- und ausging". Gemeint war vermutlich die eingestellte "Woche". Deren damaliger Chefredakteur Manfred Bissinger gilt als Intimus des ehemaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder. Jörges konterte, er persönlich duze sich nicht mit Politikern und habe noch niemals einen Politiker beispielsweise auf private Feste eingeladen.

"Wir können also ganz beruhigt sein – oder?" fragte Volker Herres zum Abschluss der Runde. Ob er sich ein anderes Fazit erhofft hatte, war nicht zu erkennen.      

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