Glauben in den Zeiten des Internets

Der Bundesverband der Zeitungsverleger BDZV hat am Dienstag eine Pressemitteilung veröffentlicht, deren Schlagzeile so lautet: "Jugendliche glauben an die Zukunft der Zeitung". Die Meldung basiert auf einer Befragung von Schülern durch das Fachinstitut Promedia. Das führt im Auftrag von vielen deutschen Zeitungsverlagen Projekte in der Schule durch. Genauer betrachtet, haben die Ergebnisse eine gute Botschaft für Print – und bergen trotzdem Ärgernisse.

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Der Bundesverband der Zeitungsverleger BDZV hat am Dienstag eine Pressemitteilung veröffentlicht, deren Schlagzeile so lautet: "Jugendliche glauben an die Zukunft der Zeitung". Die Meldung basiert auf einer Befragung von Schülern durch das Fachinstitut Promedia. Das führt im Auftrag von vielen deutschen Zeitungsverlagen Projekte in der Schule durch. Genauer betrachtet, haben die Ergebnisse eine gute Botschaft für Print – und bergen trotzdem Ärgernisse.

Die gute Nachricht lautet in etwa so: Wenn Kinder und Jugendliche in der Schule mit der Zeitung in Kontakt kommen, dann gibt es eine gute Chance, dass sie Berührungsängste ablegen und sich mit dem Papierformat anfreunden. Promedia und der BDZV berichten über "Begeisterung" über die Zeitung bei der jungen Zielgruppe. Aber das klingt zumindest in meinen Ohren etwas über-euphorisch.

Gefragt wurde beispielsweise: "Liest du Nachrichten lieber in einer gedruckten Zeitung oder im Internet?" 54,9 Prozent der befragten 8- bis 19-Jährigen entschieden sich demnach für die Zeitung, 39,8 Prozent für das Internet, 5,3 Prozent blieben unentschieden. 64 Prozent der Mädchen zwischen 8 und 13 Jahren entschieden sich für die Zeitung, bei den Jungen zwischen 14 und 19 Jahren wählten dagegen 50,8 Prozent das Internet als bevorzugte Informationsquelle.

Eine weitere Frage lautete: "Glaubst du, dass es in Zukunft noch eine gedruckte Zeitung geben wird?" 68,2 Prozent aller befragten Schüler äußerten sich zustimmend, 31 Prozent glauben nicht an eine Zukunft mit gedruckten Nachrichten. Besonders hoch fielen die Zustimmungsquoten unter 14- bis 19-jährigen Mädchen aus (74,8 Prozent), niedriger dagegen bei 8- bis 13-jährigen Jungen (55 Prozent).

Der Haken: Es wurden nur Schüler befragt, insgesamt 2.123, die bereits an Promedia-Projekten teilgenommen hatten. Keine Elite vielleicht, aber doch in diesem Kontext Privilegierte. Ein Vergleich mit Kindern und Jugendlichen, die keine Projektteilnehmer waren, hat offenbar nicht stattgefunden. Der BDZV teilt auf Anfrage mit, es sei bei der Befragung explizit darum gegangen, die Auswirkungen von Leseförderprojekten zu testen. Die Befragung, das sind jetzt meine Worte, war daher wohl auch so etwas wie eine Überprüfung der Existenzberechtigung von Instituten wie Promedia.

Auf die Frage "Liest du seit dem Zeitungsprojekt auch zu Hause die Tageszeitung?" fielen die Antworten positiv aus. 65,3 aller Befragten antworteten mit "Sehr regelmäßig", "Häufig" oder "Gelegentlich". Eine mögliche Vergleichzahl: In der Reichweitenanalyse MA 2010 wurde eine zumindest gelegentliche Zeitungsnutzung nur bei 49 Prozent der befragten Jugendlichen im Alter von 14 bis 19 Jahren festgestellt.

Von der Hand zu weisen sind die positiven Effekte des Zeitungslesens auf Kinder und Jugendliche natürlich nicht. Ärgerlich aber ist die Tatsache, dass hier eine repräsentative Aussage gemacht wird ("Jugendliche glauben an die Zukunft der Zeitung"), die in ihrer Pauschalität zumindest durch diese Befragung nicht gerechtfertigt wird. Denn bereits 2003 wies Günther Rager, Universitätsprofessor und Berater, in einem Aufsatz darauf hin: "Für Teens und Twens rangiert die Tageszeitung nach dem Fernsehen sowie Radio und CD unter ‚ferner liefen’ mit guten Aussichten, auch vom Boommedium Internet dauerhaft abgehängt zu werden. Darin sind sich alle empirischen Untersuchungen einig."

Zum Vergleich bietet sich beispielsweise die Langzeitstudie Massenkommunikation von ARD und ZDF an. Die letzte Untersuchungswelle fand 2010 statt, befragt wurden 4.503 zufällig ausgewählte Personen per Telefon ab 14 Jahren. 42 Prozent aller Befragten ab 14 Jahren sagten, sie würden die Tageszeitung "sehr stark" oder „stark" vermissen, wenn es sie nicht mehr gäbe. Das Internet würden 38 Prozent aller Befragten vermissen. Wenn die Befragten sich für ein einziges Medium entscheiden müssten, würden dem gegenüber aber nur 11 Prozent die Tageszeitung wählen, 33 Prozent das Internet.

Unter den 14- bis 29-Jährigen fiel das Ergebnis noch deutlicher aus. 24 Prozent von ihnen würden die Zeitung „stark" oder „sehr stark" vermissen, 72 Prozent dagegen das Internet. Für die Tageszeitung als exklusives Medium entscheiden würden sich aber nur ein Prozent aller Befragten, 70 dagegen für das Internet.

Es ist ohne Frage unfair, die Zeitung mit dem Internet zu vergleichen. Das Netz ist nicht nur ein weiteres Medium, es nimmt alle anderen bekannten Medien – Zeitung, Radio, TV – in sich auf. Logisch, dass sich ein Großteil der Befragten bei der sogenannten Inselfrage für das World Wide Web entscheidet. Im richtigen Leben geht es nur selten um Alles oder Nicht. Aber: Die Präferenzen werden bei einer solchen Fragestellung deutlich.

Trotzdem: Genau hier liegt für mich ein weiteres gravierendes Ärgernis der Befragung. In einer Studie, deren Ergebnisse von Verlegern verbreitet werden, wird immer noch das gedruckte Medium mit dem Internet in Konkurrenz gesetzt und gegeneinander ausgespielt. Es ist unbestritten: Das Internet kannibalisiert die täglich erscheinende Zeitung. Aber: Verleger müssen, so abgegriffen dieser Satz auch ist, die Stärken aller unterschiedlichen Formate nutzen.

Es ist weltfremd, Schüler in einer offiziellen Befragung vor die Wahl zu stellen: Papier oder Netz? Die Antwort lautet: Es kommt darauf an. Auf die Nutzungssituation, auf den Ort, an dem man sich gerade befindet, auf die Dringlichkeit des Informationsbedürfnisses. Medienkompetenz ist ja gerade, die Info-Kanäle gemäß der jeweiligen Bedürfnisse erfolgreich einsetzen zu können. Pragmatismus ist König. Entweder-Oder-Fragen wie die von Promedia sind dagegen Unfug und stehen für ein überkommenes Festhalten an scheinbar gegensätzlichen Informationsbeschaffungskonzepten.

Auch gegenüber ihren Redaktionen setzen die Verleger aus meiner Sicht ein völlig falsches Zeichen, wenn sie Befragungen wie diese für ihre Zwecke vermarkten wollen. Es geht nicht allein um die Rettung von Print. Es geht um die Weiterentwicklung des Konzepts Zeitung – gedruckt und digital.       

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