Das Murdoch-Festival im Unterhaus

Wer hätte gedacht, dass der Star des gestrigen Murdoch-Schauspiels vor dem britischen Medienausschuss in der zweiten Reihe saß: Während Rupert Murdoch zu alt schien, um sich an irgendwas zu erinnern, und James zu jung, erwies sich Wendi Murdoch als eleganter Bodyguard. Ruperts Ehefrau verteidigte ihn gegen den Tortenangriff mit einem saftigen Schlag. Leider sah der Medienmogul dadurch noch älter aus – und weder die Parlamentsausschüsse noch die Investoren an der Wall Street waren beeindruckt.

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Wer hätte gedacht, dass der Star des gestrigen Murdoch-Schauspiels vor dem britischen Medienausschuss in der zweiten Reihe saß: Während Rupert Murdoch zu alt schien, um sich an irgendwas zu erinnern, und James zu jung, erwies sich Wendi Murdoch als eleganter Bodyguard. Ruperts Ehefrau verteidigte ihn gegen den Tortenangriff mit einem saftigen Schlag. Leider sah der Medienmogul dadurch noch älter aus – und weder die Parlamentsausschüsse noch die Investoren an der Wall Street waren beeindruckt.
Gestern war Murdoch-Festival im britischen Unterhaus. Einen Tag vor der parlamentarischen Sommerpause wurden in zwei separaten Ausschüssen die leitenden Polizisten, die inzwischen gekündigt haben, sowie das Team Murdoch zu dem Abhör-Skandal befragt. Der beliebteste Satz im Innenausschuss, der sich mit der Metropolitan Police beschäftigte, war „Fragen Sie John Yates“. Im Medienausschuss wurden die Worte „Darüber habe ich kein Wissen“ von James Murdoch eindeutig überstrapaziert.
Bevor wir zu den Murdochs kommen, kurz der Innenausschuss. Sir Paul Stephenson, der bis Sonntag Chef der Metropolitan Police war, verteidigte sich damit, nicht direkt involviert gewesen zu sein – sein Stellvertreter John Yates war für die Ermittlungen des illegalen Abhörens zuständig.
Auch der Kommunikationschef der Met, Dick Fedorcio, der in die Kritik riet, weil er den ehemaligen stellvertretenden Chefredakteur der News of the World Neil Wallis als freien Medienberater einstellte, verwies auf Yates. Schließlich war der mit der Due Diligence von Wallis betraut. Yates hatte seinen alten Freund Wallis gefragt, ob irgendetwas Peinliches für ihn oder die Polizei rauskommen könnte. Die negative Antwort stellt sich nun als etwas unwahr heraus, und als Due Diligence kann man das auch nicht wirklich bezeichnen. Yates selbst musste sich zudem vor den Abgeordneten dafür verteidigen, dass er im Juli 2009 die Ermittlungen nicht neu eröffnet hat – eine Entscheidung, die zu seiner Kündigung am Montag führte.
Der Innenausschuss hat sein Urteil bereits abgegeben: News International hat vorsätzlich die Polizeiermittlungen in 2005/6 behindert. Zu der Zeit war Andy Coulson Chefredakteur, der Anfang 2007 seinen Posten räumte und kurz darauf zum Pressesprecher von David Cameron wurde. Yates wird ‚schwere Fehleinschätzung’ des Falls vorgeworfen. Der Beauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit soll weitere Befugnisse bekommen, um illegales Abhören sowie Identitätsdiebstahl zu verhindern.
Und damit zur Murdoch-Show. Rupert wirkte alt und vergesslich, James etwas grün hinter den Ohren, aber mit einem erstklassigen Abschluss der Schule für Managerfloskeln. Im Vorfeld wurde von nervösen Anwälten und PR-Beratern gesprochen, die den gern als ‚bekloppt’ bezeichneten 80-jährigen Konzernchef auf seinen öffentlichen Auftritt vorbereiten mussten. Innerhalb von Minuten war klar, warum. Rupert brauchte lange, um Fragen zu beantworten, verstand vieles nur schwer, und verwies zu oft an seinen Sohn, weil er keine Ahnung hatte. Zumindest konnte er seinen gut vorbereiteten Satz „Dies ist der demütigste Tag meines Lebens“ tadellos – und sicherheitshalber zweimal – vortragen.
Wenn er antwortete, dann meistens einsilbig oder ruppig. Ob er von den Abhör-Praktiken wusste – nein. Ob er von den Kompensationszahlungen an Abhör-Opfer in 2008 wusste – nein. Ob er wusste, dass der News of the World-Chefreporter Neville Thurlbeck verhaftet wurde, weil er zwei Frauen im Zusammenhang mit der Max Moseley-Story erpresst hat – Rupert hatte weder von Thurlbeck noch dem Gerichtsverfahren gehört.
Rupert versuchte sein Unwissen über die Machenschaften bei der News of the World damit zu rechtfertigen, dass das Sonntagsblatt nur 1% seines gesamten Konzerns ausgemacht hatte, der weltweit 52.000 Angestellte hat. Das zeigt, wie groß News Corp. ist, denn NotW war die meistverkaufte Zeitung im englischsprachigen Raum. Er entschied sich, dass Revolverblatt einzustellen, weil es seine Leser bitter enttäuschte. Und auch Rupert selbst wurde bitter enttäuscht von den Leuten, denen er vertraute. Und deshalb werde er auch nicht kündigen. Stattdessen hält er sich für den besten Mann, um diese gigantische Sauerei aufzuräumen.
Wenn Rupert mehr als nur ein Wort oder einen kurzen Satz als Antwort gab, bot er kleine  Einblicke in seine Beziehung zu britischen Regierungschefs. So bezeichnete er seine Beziehung zu den Browns als freundschaftlich. Deren Ehefrauen kämen gut miteinander aus, und Ruperts junge Kinder (er hat zwei mit seiner dritten Frau Wendi) spielten mit den Kindern des ehemaligen Premierministers. Er bedauere, dass sie nicht mehr befreundet sind.
Auf die Frage, warum er zu einem Treffen mit David Cameron durch die Hintertür – und damit abseits der Kameras – die No. 10 Downing Street betrat, sagte er nur: „Weil die mich darum baten.“ Er trank mit Cameron kurz Tee, weil der sich für die Unterstützung von News International während des Wahlkampfs bedanken wollte. Warum Rupert sich so oft mit einem Premier nach dem anderen trifft? „Ich wünsche mit, die würden mich in Ruhe lassen.“ Nach dieser Geschichte werden die das wohl auch machen, Rupert.
Und so war es an seinem Sohn James, den Großteil der dreistündigen Befragung zu füllen. Auch wenn seine Managersprache grausam langweilig war, kamen zwischen den endlosen Aussagen, dass er kein Wissen von Details hatte, PR-freundliches Bedauern des Skandals und ein paar konkrete Zugeständnisse heraus. So gab er zu, dass News International zumindest teilweise etwas zu den Anwaltskosten des in 2007 verurteilen NotW-Privatdetektivs Glen Mulcaire beigesteuert hat. James erfuhr davon erst sehr spät, allerdings ist nicht sicher, ob Unwissen ihn schützen kann. Die Frage wurde oft gestellt, schließlich muss sich Mulcaire weiterhin verantworten und hat erstaunlich teuren Rechtsbeistand.
James verteidigte die heftige Kompensationszahlung an das Abhör-Opfer Gordon Taylor von 700.000 Pfund damit, dass seine Anwälte einen langwierigen Rechtstreit für aussichtslos hielten. Die 60.000 Pfund an Max Mosley dagegen wurden von einem Richter veranschlagt. Beobachter unterstrichen, dass im Fall Taylor die Veröffentlichung einer Email an den Reporter Thurlbeck unausweichlich gewesen wäre, die Protokolle von 35 Abhör-Angriffen beinhaltete. Das klingt nach einem guten Grund, sich außergerichtlich zu einigen. Ob sich die Murdochs ‚vorsätzlich blind’ gestellt haben, wollte ein Abgeordneter wissen, der diesen Ausdruck aus dem Fall Enron geliehen hatte. Ganz bestimmt nicht, so beide Murdochs. Mit Enron will niemand verglichen werden.
Das Fazit: Rupert Murdoch ist zu alt und weit entfernt, um sich an Details zu erinnern – oder sie jemals gewusst zu haben. Und James zu jung und offensichtlich ebenfalls weit entfernt. Während Senior und Junior vor dem Ausschuss schwitzten, machte sich an der Wall Street eine schöne Lektion im Kapitalismus breit: Das Unwissen des alten Ruperts bedeutet, der Aufsichtsrat kann ihn möglicherweise bald rauswerfen. Die Aktie von News Corp. stieg, je mehr sich Rupert blamierte.
Zum Tageshoch kam es für die Aktie dann auch, als ein Unbekannter den Mogul mit einer Schaumtorte attackierte. Weit kam Jonathan May-Bowles aber nicht, denn Ruperts Ehefrau Wendi, die bis dahin dekorativ in pinkfarbenem Jackett hinter ihrem Mann saß, mutierte zum furchtlosen Bodyguard und verpasste dem Täter einen heftigen Haken. Damit schlug sie auch die Saalpolizei, die geradezu komödiantisch spät eingriff und den Mann verhaftete. May-Bowles, der sich unter dem Namen Jonnie Marbles als Stand-Up Comedian verdingt, tweetete kurz nach seinem Angriff: „das ist das Beste, was ich je getan habe #splat“. Mit Wendi hatte er aber nicht gerechnet. #Piegate und Wendi wurden innerhalb von Minuten zu Toptrends auf Twitter. Der Labour-Abgeordnete Tom Watson, der aufgrund seiner jahrelangen Kampagne in Sachen Hacking gern als Ruperts Peiniger bezeichnet wird, beendete sein Verhör dann auch mit den Worten: „Herr Murdoch, Ihre Frau hat einen sehr guten linken Haken.“ War zwar der rechte, aber imposant war es allemal.
Nach der Familie Murdoch musste auch die ehemalige News International-Chefin Rebekah Brooks vor den Ausschuss treten. Ihr Auftritt wurde aber von ihren hochkarätigen Vorgängern überschattet. Brooks erfuhr erst vor zwei Wochen von dem Abhören des Voicemails des ermordeten Schulmädchens Milly Dowler. Auch wenn die News of the World jahrelang die Nachrichtenagenda aus den richtigen Gründen beeinflusst hat dank ‚großartiger Exklusiv-Geschichten’, stand die Zeitung in den letzten Monaten im negativen Rampenlicht. Deshalb entschloss man sich, dass Blatt einzustellen. Brooks erklärte zudem, dass Zahlungen an Privatdetektive vom Managing Editor abgezeichnet wurde, und sie Detektive nur für ‚legitime’ Zwecke eingesetzt hatte. Ihre Aussagen waren von Vorsicht gezeichnet, schließlich ermittelt die Polizei weiterhin gegen sie, nachdem sie am Sonntag kurz verhaftet und dann auf Kaution freigelassen wurde.
Heute wird David Cameron sich den Fragen stellen. Er verschob die Sommerpause des Parlaments um einen Tag, damit er sich heute im Unterhaus mit dem Thema beschäftigen kann. Dabei wird er sich erneut für die Einstellung von Andy Coulson als Pressesprecher verantworten müssen und dafür, Warnungen in Bezug auf Coulson ignoriert zu haben. Offenbar hat Camerons Chief of Staff Ed Llewellyn den Polizeichef Sir Paul Stephenson davon abgehalten, die Abhör-Anschuldigungen mit Cameron zu besprechen. Ob der Premier davon wusste oder ob Llewellyn ihn damit schützen wollte, ist derzeit nicht klar. Auch wenn die Abgeordneten ab morgen Sandburgen bauen können, wird der Skandal weitere Opfer fordern und das Murdoch-Reich weiter zerstören.

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