Reporterforum nimmt Pfister in Schutz

Im Mai war dem Spiegel-Redakteur René Pfister der Henri Nannen Preis für die beste Reportage zugesprochen und kurze Zeit später aberkannt worden. Nun hat das Reporterforum eine fast hundert Seiten umfassende Dokumentation zum Sachverhalt vorgelegt. Mit neuen Erkenntnissen: Darunter zwei Gespräche mit dem Schweizer Journalisten Georg Brunold und Nora Berning, Expertin für Erzähltheorie. Beide kommen zu dem Schluss, dass die Diskussion um Objektivität richtig ist, Pfister sei allerdings das falsche Opfer.

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So stellt Brunold schon die Zusammensetzung der Jury in Frage: “Nun, es mag Ausnahmen geben, aber in der Regel führt die Karriere eines Chefredakteurs nicht über eine intensive Auseinandersetzung mit dem Handwerk oder der Kunst der Reportage. Es gibt Meister, und sie sind bekannt. Ich weiß nicht, ob Ilija Trojanow, Raoul Schrott, Christoph Ransmayr, Wolfgang Büscher usw. Zeit für so etwas hätten.” Die amtierende Jury sei ohnehin nicht über jeden Zweifel erhaben: “Um welcher Art von Gerechtigkeit willen sollte sie aus lauter Chefs bestehen?”, fragt der Schweizer Journalist.

Brunold sieht die Ursache des Problems nicht in Pfisters “Kunstfehler”, sondern im “engen Korsett”, in das sich das deutsche Reportageformat zwängen müsse. An Journalistenschulen und in einschlägigen Redaktionen halte man sich an eine klare Doktrin, die den Reportageschreiber zu sehr einenge: “Nicht wahr, diese neue Häkelschule, die landauf, landab auf Fortbildungsseminaren dem Nachwuchs eingetrichtert wird, diese elf oder siebzehn Regeln, ein Bild am Anfang, dann abwechslungsweise x und y, ein visuell starker Absatz, dann einer mit zwei oder drei Hintergrundinformationen und womöglich einem Gedankenfetzen, keinesfalls mehr als n Protagonisten, etc. etc. Ich mag das gar nicht herbeten. Es sind die Redaktionen (und ihre «Textpflegeinstanzen»), die diese vermeintliche Ästhetik vorgeben, nicht die Autoren, die dann halt mit weniger gegängelten Arbeiten in Buchpublikationen ausweichen müssen (und mit müdem Lächeln als «Literaten» beiseite geschoben werden).”

Und auch Berning, die bereits die 25 Reportagen untersuchte, die für den Henri Nannen Preis 2009 nominiert waren, sieht den Fehler im System. Sie begründet ihre These konstruktivistisch. Ihrer Ansicht nach sei es nicht möglich, innerhalb einer Reportage nicht zu gestalten. Alles Wahrgenommene sei wiederum bereits subjektiv gefiltert durch die Sozialisiation, Bildung und die Erlebnisse des Schreibers.

Aus diesem Grund könne eine Reportage nicht die reine “Addition von nur objektiv Recherchiertem oder nur subjektiv Erlebtem” sein: “Die Gestaltungsarbeit des Reporters beginnt dort, wo er die recherchierten Fakten auswählt, sie gewichtet, neu zusammenstellt und verdichtet. Das, was hinter den Menschen, Dingen und Ereignissen liegt, soll zum Vorschein kommen. Erst durch diese Kontextualisierung, die über bloße Abbildung von Fakten weit hinausgeht, erst durch das besondere Zusammenspiel von Inhalt und Form, vermittelt sich dem Leser die allgemeine Bedeutung des Reportierten.”

Medienprofessor Bernhard Pörksen sieht im Vorwort des Readers in der breit geführten Debatte zwar eine Notwendigkeit. Allerdings diffamiere sie aber einen Reporter, "der dies nicht verdient" habe: "Sie kreist um einen Skandal, der nicht stattgefunden hat. Und doch braucht der Journalismus (und eben hier beginnen die Fragen von allgemeiner Relevanz) das wache Bewusstsein fü̈r Grenzen und eigene Grenzüberschreitungen, für die stets bedrohte Unterscheidung von Fakt und Fiktion, Sein und Schein." Das gesamte Manuskript lässt sich auf der Webseite des Reporterforums herunterladen.

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