Mit voller Kraft gegen zu hohe Erwartungen

Eines war sehr auffällig, als RTL am Dienstagabend in der Kölner Zentrale das neue Programm für die TV-Saison 2011/12 vorstellte. Zwar nannte Geschäftsführerin Anke Schäferkordt die starken Erfolgszahlen des vergangenen Fernsehjahres, doch im gleichen Atemzug sagte sie, man könne den Vorsprung kaum weiter ausbauen und werde sicher auf dem einen oder anderen Sendeplatz Marktanteile verlieren. So als wolle sie die hohen Erwartungen der Gesellschafter und Presse gleichzeitig bremsen.

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Natürlich wird RTL in der neuen Saison trotzdem einige neue Serien und Shows ins Programm nehmen, Stillstand kann sich auch ein souveräner Marktführer nicht leisten. Doch es war schon auffällig, wie plakativ Schäferkordt eine Doku-Soap wie "Helena Fürst – Die Anwältin der Armen" als großen Erfolg verbuchte, obwohl sie in den vergangenen Wochen mit einem durchschnittlichen Marktanteil von 16,2% klar unter dem 12-Monats-Durchschnitt des Senders (derzeit 18,6%) geblieben war. Die Aussage ist klar: Auch wenn ein Format unter diesem Normalniveau bleibt, ist es nicht automatisch ein Misserfolg für den Sender, so lang es klar vor der Konkurrenz bleibt. Weder die RTL-Gesellschafter, noch die Presse sollten nun erwarten, dass ein Durchschnitt von 20% und mehr das nächste Ziel wird.

Gleichzeitig nimmt Schäferkordt den Neustarts etwas Druck, was den neuen Formaten nur gut tun kann. Besonders beim Thema eigenproduzierte Fiction schaltet RTL in der kommenden TV-Saison einen Gang hoch. Neue Serien wie "Die Draufgänger", "Transporter" und die Sitcom "Sekretärinnen – Überleben von neun bis fünf" starten. Dazu werden drei Backdoor-Piloten gesendet: "IK 1 – Touristen in Gefahr", "Die Trixxer" und "World Express – Atemlos durch Mexiko", deren Trailer durchaus so aussahen, als könnten sie mit großem Erfolg laufen und anschließend in Serie gehen.

In den restlichen Genres fehlen die ganz großen Innovationen, allerdings hat RTL als klare Nummer 1 der Branche nunmal auch nicht den Druck, alles in Frage zu stellen und Sensationen aufzubieten. Oliver Pocher bekommt eine neue Spielshow, Daniel Hartwig ein witzig aussehendes eigenes Format und Promis machen sich erneut zum Deppen, indem sie sich in "Total Blackout" in kompletter Dunkelheit Spielchen stellen und dabei panische Reaktionen zeigen. Die Doku-Soaps gehen weiträumig in neue Staffeln, die beiden noch recht frischen Formate "Rachs Restaurantschule" und "Undercover Boss" ebenso wie "Bauer sucht Frau", "Rach, der Restauranttester", "Raus aus den Schulden", etc. Dazu kommt "Der Bachelor" zurück.

Auf einem Sendeplatz hat RTL dann aber doch Nachholbedarf: Auf dem am Sonntagabend, dem laut einem Sender-Schaubild einzigen, auf dem man derzeit nicht Marktführer im jungen Publikum ist. Die meisten großen Blockbuster laufen inzwischen bei ProSieben – und das wird trotz des potenziellen RTL-Hits "Avatar" wohl auch in der Saison 2011/12 so bleiben. Auch wenn Anke Schäferkordt ein klar verbessertes Spielfilm-Line-Up ankündigte, in den darauf folgenden Trailern war das aber nicht wirklich zu erkennen.

Wie auch immer RTL in der neuen Saison auf diesem und den anderen Sendeplätzen abschneiden wird: Gemessen wird der Sender natürlich auch an den Erfolgen des Vorjahres. Trotz Schäferkordtscher Bremse.

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