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NotW-Skandal wird Medien-Schlammschlacht

Ein Kommentar im Wall Street Journal (WSJ), das den Skandal-geschüttelten Medienkonzern News Corp. in Schutz nimmt, sorgt für Aufruhr. Der Leitartikel beschuldigt andere Zeitungen, den Skandal um News of the World (NotW) in Großbritannien aufzubauschen, um dem Journal zu schaden. Das Wall Street Journal gehört seit 2007 zu Rupert Murdochs News Corp. Im Netz mehren sich Aufrufe zur Abo-Kündigung und zum Protest gegen das WSJ. Laut New York Times wurde das Journal “Fox-ifiziert”.

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Vergangenen Freitag ist der CEO des WSJ-Verlags Dow Jones, Les Hinton, zurückgetreten, weil er zur Zeit, als Murdochs News of the World in großem Stil Handys abgehört hat, die Geschäfte seiner britischen Zeitungs-Tochter News International geführt hat. Hinton gilt als einer der engsten und wichtigsten Vertrauten Murdochs.

Besonders ihm werden im Wall Street Journal nun verbal Kränze geflochten: “Mr. Hinton sagte, er wusste nichts über das groß angelegte Hacking. Er sagte wahrheitsgemäß gegenüber dem Parlament 2007 und 2009 aus. Wir haben keinen Grund, an ihm zu zweifeln.” Hinton habe die Rückkehr des WSJ in die Profitabilität gemanagt und in Journalisten investiert, als andere Publikationen Hunderte entlassen haben, trauert die Zeitung ihrem Geschäftsführer nach.

Es folgt ein längerer Abschnitt, in dem das WSJ sich und seine Berichterstattung ausführlich selbst lobt, um dann der Konkurrenz eins mitzugeben: “Wir vertrauen darauf, dass unsere Leser die kommerziellen und ideologischen Motive der Wettbewerber-Kritik durchschauen. Die Schadenfreude ist so dick, man käme nicht einmal mit einer Kettensäge durch.” Besonders anrüchig seien Lektionen über journalistische Standards von Publikationen, die Julian Assange und Wikileaks ihren moralischen Segen gegeben hätten. Ein klarer Seitenhieb gegen die New York Times und den Guardian. Beide Zeitungen berichten ausführlich über den Skandal bei News Corp. und haben in der Vergangenheit mit Assange und Wikileaks kooperiert.

Bei Twitter hat sich unterdessen großflächig Protest gegen den Artikel im WSJ formiert. Es gibt zahlreiche Ankündigungen von Leuten, die ihre Abos kündigen wollen. Ein Anführer der Protestwelle ist Web-Guru Jeff Jarvis, der schrieb: “Journalisten beim WSJ, die noch ein wenig Selbstachtung haben, sollten aufstehen und gegen den Artikel protestieren.” Der angesehene Journalistikprofessor Jay Rosen schrieb bei Twitter: “Unehrliche, irreführende Opferforschung in Form eines Wall-Street-Journal-Leitartikels.”

Der New-York-Times-Kolumnist Joe Nocera stellte dem WSJ schon vor dem aktuellen Artikel ein vernichtendes Zeugnis über die Berichterstattung zum News-Corp-Skandal aus: “Das alte Wall Street Journal wäre in führender Rolle dabei gewesen, um diese Story zu verfolgen. Und jetzt? Zuerst hat das Journal den Skandal ignoriert. Dann, als man um den Skandal nicht mehr herumkam, hat das Journal gerade genug gebracht, damit man es nicht beschuldigen konnte, dass sie wegschauen.” Den Tiefpunkt habe das WSJ laut Nocera mit einem Interview mit Rupert Murdoch erreicht, der sich in PR-Manier in seiner eigenen Zeitung rechtfertigen durfte. Noceras böses Urteil: “Das Journal wurde Fox-ifiziert”.

Fox ist der ultra-konservative Nachrichtensender von Rupert Murdoch in den USA, der als ein Hort einseitiger Stimmungsmache im Sinne seines Eigentümers gilt. Auch der Guardian hat auf den WSJ-Artikel reagiert und nennt das Stück "zornig". Ansonsten beschränkt sich der Guardian darauf, den Inhalt des namentlich nicht gezeichneten Artikel zu referieren und verkneift sich eine Wertung.

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