Die zehn Geschäfts-Prinzipien des Leo Kirch

Die Nachrufe sind geschrieben. In fast allen deutschen Zeitungen wird dem "Medienmogul" Leo Kirch noch einmal viel Platz eingeräumt. Er war einer der Gründerväter des deutschen Privatfernsehens, er steuerte über viele Jahre den Springer-Konzern mit, er hat früh verstanden, welches Potenzial im Handel mit Filmrechten lag. Vergleichbare Persönlichkeiten hatte es in der deutschen Medienlandschaft weder zuvor noch danach gegeben. MEEDIA hat zehn Prinzipien zusammengefasst, nach denen Kirch handelte.

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In den vergangenen Jahren war Kirch immer dann ein Thema, wenn es um die berühmte Aussage von Rolf Breuer über die Kreditwürdigkeit Kirchs vom Frühjahr 2002 ging: "Alles, was man darüber hören und lesen kann, ist, dass der Finanzsektor nicht bereit ist, auf unveränderter Basis noch weitere Fremd- oder gar Eigenmittel zur Verfügung zu stellen." Das Kirch-Reich fiel bald darauf in sich zusammen, dafür sollte der Banker nach dem Willen von Kirch auch büßen. Breuer habe ihn vor der laufenden Kamera von Bloomberg "erschossen", davon war Kirch überzeugt. Kirch wurde in der öffentlichen Wahrnehmung von einem Pionier zum Pleitier zu einem Prozessierer.

Erfolg und Misserfolg liegen in Kirchs Lebensgeschichte sehr nah beieinander. Leo Kirch war Unternehmer, und zwar ein knallharter. Er entsprach aber keineswegs dem heute weit verbreiteten Ideal des stromlinienförmigen Managers, der morgen nicht mehr weiß, was er gestern mal gesagt hat. Der weiterzieht, wenn es ihm in der Küche zu heiß wird. Kirch hatte Prinzipien. Sie mögen ihn am Ende nicht zum Triumph gebracht haben, aber Prinzipien sind auch keine Rezepte, sondern Leitlinien. Zehn Prinzipien, nach denen Leo Kirch gehandelt hat, haben wir hier zusammengestellt:
1. Sei risikofreudig und scheue dich nicht, Entscheidungen aus dem Bauch heraus zu treffen, wenn es sein muss.

Angst habe er nie verspürt, sagte Kirch einmal der FAS: "Ich habe Gelegenheiten wahrgenommen, die ich für richtig gehalten habe. Und wenn ich Ziele hatte und wollte etwas durchsetzen, ist es mir meistens misslungen." Der Gründungsmythos von Kirchs Karriere als Filmrechtehändler, als er sich mit 25.000 von seiner Frau geliehenen Mark "La Strada" sicherte, ist legendär. Kirch litt unter einem Augenleiden und sagte von sich, er müsse sich auf sein "Gespür" verlassen. Aber er sagte auch: "Ich war nie ein Spieler, sondern allenfalls ein Unternehmer mit Sportsgeist."

2. Verschwiegenheit ist Trumpf.

Über deine Geschäfte verrate nur so viel wie nötig, so wenig wie möglich. Bleibe ein Geheimnis für deine Mitmenschen, bleibe dabei aber charmant im Umgang. Erzähle Geschichten, lass dir aber dabei nicht zu sehr in die Karten schauen. Lass dich hin und wieder in der Öffentlichkeit blicken, meide aber Parties und überflüssige Branchenevents, soweit es eben geht. Dem Spiegel sagte Kirch: "Ich wollte mit einer wachsenden Zahl von Mitstreitern aus einem kleinen Kern organisch etwas entwickeln, statt mein Geld für Frauen, Jachten oder Immobilien zu verpulvern."

3. Umgebe dich mit Menschen, denen du vertraust.

Für Kirch war das vor allem Dieter Hahn, der für ihn die Geschäfte führte. Der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung sagte Kirch 2001 vor dem damals geplanten Börsengang von Kirch Media: "Die Revolution führe ich nicht durch, ich lasse sie zu, weil Dieter mich davon überzeugt hat. Ist das nicht genug?" Auch Hahn war freilich nicht unfehlbar. Trotzdem war er bis zuletzt sein Vertrauter.

4. Sieh Geld nur als Mittel zum Zweck, ein großes Werk zu vollbringen.

Schulden sind keine Schande, sondern Normalität. "Ich habe kein Geld, ich habe Schulden", sagte Kirch. Oder: "Dieter weiß, wie man Schulden bezahlt. Ich wusste nur immer, dass ich sie bezahlen muss." Was Kirch persönlich verdienen könnte, habe ihn "nie interessiert", sagte er dem Spiegel. Dennoch wusste auch Kirchs langjähriger Freund Gerd Bacher, der ehemalige Generalintendant des ORF,  einmal zu berichten: "Ihn interessiert nur, was er alleine hat. Er will Herr im Hause sein." Unbestritten ist: Die anhaltend hohen Schulden seiner Firmen haben letztlich den Untergang seines Reichs ausgelöst.

5. Nutze die Technik für deine Zwecke.

"Meine Krankheit war, ein Leben lang etwas zu früh anzufangen", sagte Kirch der FAS. Früher als andere hatte er die Verwertungsketten zwischen Produzenten, Sendern und Endverbrauchern gesehen und besetzt. Was ihm nicht gelingen sollte, so gut er die Mechanismen der Medienlandschaft auch durchschaute, war die Durchsetzung des Bezahlfernsehens in Deutschland. Auf dem Papier und in der Praxis im Ausland funktionierte das Geschäftsmodell. Nur in Deutschland wollte und will es nicht recht klappen.

6. Halte an Deinem Glauben fest.

Einmal wollte Kirch, ein sehr religiöser Mann, den damaligen "Welt"-Chefredakteur Thomas Löffelholz absetzen lassen. Der hatte einen zustimmenden Kommentar zum Kruzifix-Urteil verfasst, das Kreuze aus Schulzimmern verbannte. Kirch war Mitgesellschafter des Springer-Konzerns, aber sein Wille geschah in diesem Fall nicht. Seinem Ruf tat dieser Fall nicht gut. Doch für Kirch ging es um seine Überzeugung, die auch mal mit der Pressefreiheit in Konflikt geraten konnte.

7. Gib deinen Mitarbeitern eine Chance.

Georg Kofler, Fred Kogel, Jan Mojto – sie und viele weitere Medienmanager haben Kirch viel zu verdanken. Er hat sie zu Beginn ihrer Karrieren für sich und seine Ideen gewonnen. Die Süddeutsche hat auf diesen Aspekt am Freitag noch einmal in einem Artikel hingewiesen.

8. Baue belastbare Kontakte zur Politik auf.

Die Politik war im Fall von Kirch die CDU und CSU: Helmut Kohl, Franz Josef Strauß, Edmund Stoiber. Stoiber ging nach der Kirch-Insolvenz auf Distanz, mit Kohl blieb Kirch befreundet. Der Altkanzler schrieb am Freitag in Bild einen Nachruf auf den Weggefährten. Michael Spreng, der ehemalige Chefredakteur der Bild am Sonntag berichtet am Freitag in seinem Blog eindrucksvoll, wie er einmal von der Allianz Kohl-Kirch herausgeschmissen werden sollte. Mit den Allianzen zur Wirtschaft war es etwas komplizierter. Andere sogenannte Medienmogule wie Silvio Berlusconi und Rupert Murdoch waren keine Freunde, sondern höchstens Geschäftspartner auf Zeit. Nach der Kirch-Pleite warteten sie nur auf eine Gelegenheit, im großen Stil in Deutschland einzusteigen.

9. Sei unnachgiebig mit deinen Gegnern.

"Der Rolf hat mich erschossen", sagte Kirch über den ehemaligen Chef der Deutschen Bank Rolf Breuer. Vielleicht hätte er diese Niederlage abhaken sollen, doch Kirch wollte die Genugtuung, die große Deutsche Bank in die Knie zu zwingen, unbedingt auf juristischem Wege erzwingen. Noch im vergangenen März sagte er vor Gericht aus, eine Vorleserin musste Kirch helfen, sich zu artikulieren. Dieses Prinzip hat etwas Alttestamentarisches – Auge um Auge, Zahn um Zahn. Einen vom Richter vorgeschlagenen Vergleich über 775 Millionen Euro lehnte die Bank zuletzt ab. Den Prozess gegen die Bank sollen nun seine Familie und Dieter Hahn weiterführen.

10. Im Angesicht des Schicksals übe dich in Demut.

Dem Spiegel sagte Kirch den legendären Satz: "Der Herr hat´s gegeben, der Herr hat´s genommen."

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