Hü- und Hott bei der Murdoch-Aussage

Rupert Murdoch und sein Sohn James wurden am Donnerstag offiziell vorgeladen, vor dem Medienausschus des britischen Parlaments zum Abhörskandal der News of the World auszusagen. Zunächst weigerten sich die Murdochs, dann willigten sie doch ein, zu erscheinen. Unterdessen hat die Metropolitan Police in London hat über 3.800 potentielle Opfer der illegalen Abhöraktionen von Murdoch-Zeitungen identifiziert und kritisiert das Unternehmen, die Polizeiarbeit behindert zu haben.

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Die Metropolitan Police in London hat über 3.800 potentielle Opfer der illegalen Abhöraktionen von Murdoch-Zeitungen identifiziert und kritisiert das Unternehmen, die Polizeiarbeit behindert zu haben. Der Medienausschuss hat James und Rupert Murdoch formell vorgeladen. Vater und Sohn weigern sich aber, der Vorladung zu folgen. Zudem wird vom US-Kongress eine Untersuchung über die Affäre gefordert, denn Angehörige der Nine-Eleven-Opfer wurden offenbar auch abgehört.

Der Rückzug von der geplanten Übernahme des britischen Bezahlsenders BSkyB war die größte Niederlage für Murdoch. Nachdem alle drei großen Parteien in seltener Einstimmigkeit News International dazu aufforderten, die angestrebte Akquisition der restlichen 61% von BSkyB zu unterlassen, gab Murdoch endlich klein bei. Einfach kann das nicht gewesen sein, denn auch wenn Murdoch immer seine Liebe zu Zeitungen klar gemacht hat, ist BSkyB extrem profitabel. News Corp. machte im vergangenen Jahr einen Profit von 2,5 Milliarden Dollar, Sky 1,6 Milliarden Dollar (1 Milliarde Pfund) – Tendenz steigend. Kein Wunder, dass er diese Geldmaschine ganz besitzen wollte. Medienfachleute vermuten daher auch, dass Murdoch es noch mal versuchen wird, wenn sich der Rummel um den Abhör-Skandal gelegt hat.

Ohnehin ziehen einige News Corp.-Investoren einen Ausbau des Fernsehgeschäfts dem Printbereich vor. Auch wenn Murdochs Sun die größte Zeitung in Großbritannien ist – er lehnte erst in 2009 ein Kauf-Angebot für eine Milliarde Pfund ab – verlieren Times und Sunday Times Millionen. Die Übernahme von Dow Jones, und damit dem Wall Street Journal, war umstritten aufgrund des heftigen Kaufpreises von 5 Milliarden Dollar. Damals waren die Verkäufer, die Familie Bancroft, besorgt, dass sich Murdoch in die redaktionelle Linie des Journals einmischen würde. Diese Woche sagte Christopher Bancroft, sie hätten nicht an Murdoch verkauft, wenn sie von den Machenschaften bei der News of the World gewusst hätten. Murdoch soll bereits informell über den Verkauf zumindest seiner britischen Publikationen nachdenken, hat aber noch keinen Interessenten gefunden. Der Skandal ist inzwischen auch auf den Titelseiten in den USA angekommen, und schlägt ähnliche Wogen wie in Großbritannien. So fordert der demokratische Senator Jay Rockefeller in Washington eine Untersuchung der Vermutung, dass Angehörige der Opfer der Terroranschläge auf New York und Washington a, 11. September 2001 ebenfalls bespitzelt wurden. Zudem herrschen in den USA harte Gesetze in Sachen Bestechung ausländischer Beamte. Sollte sich herausstellen, dass man in der Chefetage von News Corp. von den angeblichen Bestechungsgeldern an britische Polizisten wusste, wird sich auch die SEC (Securities and Exchange Commission, die US-Finanzaufsicht) einschalten. Die Demokraten, die besonders von Murdochs konservativem Nachrichtensender Fox News ständig niedergemacht werden, haben Blut geleckt.

Im Vereinigten Königreich währenddessen sind die Weichen nun gelegt, um den Medienskandal zu klären und die Verantwortlichen zu bestrafen. Ofcom, die unabhängige Regulierungsbehörde für die Kommunikationsindustrie, ermittelt. Premierminister David Cameron hat den Richter Lord Justice Leveson zum Leiter des offiziellen Untersuchungsausschusses erklärt. In seiner ersten Stellungnahme sprach Leveson von der Balance zwischen Pressefreiheit und der kritischen Beziehung zwischen Parlament, Regierung und der Polizei. „Die Presse führt lebenswichtige Kontrollen aller Aspekte des öffentlichen Lebens durch. Deshalb betrifft jegliches Versagen in den Medien uns alle. Im Kern dieser Untersuchung muss daher die einfache Frage stehen: Wer kontrolliert die Kontrolleure?” Damit ist klar, dass die gesamte Journalismuskultur unter die Lupe genommen wird.

Und dann ist da noch die Metropolitan Police. Am Dienstag wurden leitende Beamte reihenweise vom dem zuständigen parlamentarischen Untersuchungsausschuss abgekanzelt. Andy Hayman, der ehemalige Assistant Commissioner und verantwortlich für die nutzlosen Ermittlungen in 2006, wurde ohne Umwege gefragt, ob er auch von News International bezahlt wurde. Seine Nachfolgerin Sue Akers dagegen kam besser weg. Guardian-Journalist Nick Davies, der den Abhör-Skandal aufdeckte, nannte sie beeindruckend. Alle Anzeichen sprechen dafür, dass der Fall unter ihrer Leitung gründlich und direkt aufgeklärt wird. Akers hat gut zu tun. Zuerst einmal wurden 11.000 Seiten von Notizen des inzwischen berüchtigten Privatdetektivs Glen Mulclaire und anderes Material digitalisiert – und zwar so, dass man danach auch in der Datenbank suchen kann (nein, bisher war das noch nicht geschehen). Seitdem hat die Met 3.870 Namen, etwa 5.000 Festnetznummern und 4.000 Handynummern identifiziert, die potentiell von Mulclaire avisiert wurden. Bislang wurden 170 Personen von der Polizei kontaktiert.

Bei dieser Masse an Daten kann man verstehen, warum so viele Beobachter erwarten, dass es noch schlimmer kommen wird. Akers Vorgänger nutzten ihren Auftritt vor dem Ausschuss dafür, News International vorzuwerfen, die Polizeiermittlungen zuvor bewusst gestört und Beweismaterial zurückgehalten zu haben, schließlich kann sich der Konzern die besten Anwälte leisten. Zudem spekuliert Nick Davies, dass einzelne Polizisten Angst hatten, ihre eigenen dunklen Geheimnisse würden von der Murdoch-Presse publiziert. Auch vom Abhören von Telefongesprächen (einem strafrechtlich größeren Verbrechen als das Abhören von Voicemails) sowie von koordinierten Einbrüchen wird inzwischen in der Gerüchteküche geredet. Der Ärger für Murdoch geht erst richtig los.

Akers Team macht artig weiter, und so wurde heute Morgen die neunte Person im Zusammenhang mit dem Skandal verhaftet. Neil Wallis war Executive Editor der News of the World, und damit Stellvertreter von Andy Coulson. Der ehemalige Chefredakteur und spätere Pressesprecher von David Cameron wurde vergangene Woche von der Polizei verhört und ist derzeit auf Kaution frei. In Westminster bereitet man sich auf den Besuch von Rebekah Brooks vor. Die umstrittene Chefin von News International wird nächsten Dienstag vor den Medienausschuss treten. Auch Murdoch Senior und Junior wurden heute formell vorgeladen, weigern sich laut New York Times aber, der Vorladung zu folgen. Und News Corp. versucht, mittels Aktienrückkaufs den taumelnden Kurs an der New Yorker Börse aufzufangen und Murdochs Lebenswerk zu retten. Fünf Milliarden Dollar sollen helfen, die Talfahrt um 14% seit dem 4. Juli zu bremsen.

Bei all den Enthüllungen kommt irgendwann auch die Frage auf, wie man sich hätte schützen können. Die Antwort hat vielleicht Tony Blair. Der ehemalige Premier und heutige EU-Sondergesandter für das Nahost-Quartett, bezweifelt, dass er ebenfalls zu den Abhör-Opfern gehört. Wie er gegenüber Bloomberg erklärte, besaß weder Handy noch Blackberry, als er in No. 10 Downing Street wohnte… So geht’s auch.

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