Wie seriös sind Focus Money, Aktionär & Co?

Nach der Weltfinanzkrise 2008 und 2009 gab es viel Kritik für Wirtschaftsmedien. Medien hätten den Crash nicht kommen sehen, die Anlegerpresse habe die Euphorie für riskante Finanzgeschäfte sogar angeheizt. MEEDIA nimmt die Verwerfungen rund um den Euro zum Anlass, vier Titel genauer unter die Lupe zu nehmen. Hat sich die Finanzpresse verändert? Sind Jubel-Arien passé? Teils teils. Eine vergleichende Bestandsaufnahme zu Euro, Focus Money, Börse online und Der Aktionär.

Anzeige

Börse Online

Das Magazin aus der Gruner + Jahr Wirtschaftspresse hat eine wechselvolle und nicht sehr ruhmreiche Geschichte hinter sich. Zur Zeit der New Economy zu echten Höhenflügen gestartet, später ordentlich gerupft und manchmal schon totgesagt, gibt es die wöchentliche Anlegerzeitschrift immer noch. “Das unabhängige Anlegermagazin” nennt sich Börse Online im Untertitel und das nicht ganz ohne Grund. Im Gegensatz zu dem einen oder anderen Mitbewerber finden sich hier tatsächlich keine offensichtlich bezahlten Beilagen mit Jubel-Artikeln für die Kundschaft. Auf Anzeigen in redaktioneller Aufmachung mit Verwechslungsgefahr ganz zu verzichten, können sich aber auch die Hamburger nicht leisten.

Ein bisschen überrascht bei Börse Online die Themenwahl. Nicht etwa die allgegenwärtige Euro- und Griechenland-Krise ist Top-Thema, sondern die “Lokomotive Deutschland”, die Rest-Europa mit sich zieht. Manche Länder zumindest…. Börse Online ist eher ein Blatt für den Hardcore-Börsen-Junkie. Es wimmelt von Fachbegriffen, die nicht weiter erläutert werden und Charts und Zahlen bestimmen das Bild. So wird in einem Artikel verraten, wie Anleger mit Bonuszertifikaten “vom aktuellen Seitwärtstrend” profitieren können. Das ist Stoff für Halb-Profis. Mindestens.

Ein wenig fragt man sich, warum jemand, der sich ohnehin schon gut mit Aktien auskennt, noch so ein Magazin wie Börse Online braucht. Echte Profis informieren sich in der Regel online, via TV oder mit Spezial-Publikationen. Hier könnte auch das Problem der Zeitschrift liegen. Zwar ist das Heft mittlerweile in die große, gemeinsame G+J Wirtschaftsredaktion mit FTD, Capital und Impulse eingegliedert und wird wohl entsprechend günstig produziert – die Zahlen sehen trotzdem noch immer nicht gut aus. Im Fünf-Jahres-Trend verlor Börse Online 50 Prozent im Einzelverkauf und 32 Prozent bei den Abos. Derzeit werden noch etwas über 10.000 Hefte am Kiosk abgesetzt, die Gesamt-Auflage von etwas über 84.000 Exemplaren wird mit fast 44.000 sonstigen Verkäufen massiv künstlich beatmet. Und auch kurzfristig geht es, langsamer zwar, weiter nach unten.

Der Aktionär

Der Aktionär ist ein Börsenblatt aus dem Medienreich des umtriebigen Finanzmenschen Bernd Förtsch aus Kulmbach. Zu seinem weitverzweigten Reich gehören u.a. auch der Online-Broker Flatex, das Deutsche Anleger Fernsehen und der Börsenbuch Verlag. Dank hoch spekulativer, manche würden auch sagen: windiger, Anlagetipps wurde der früher “Mister Dausend Prozent” genannte Förtsch (wegen seinem fränkischen Akzent) nach dem Platzen der New-Economy-Blase als “einer der größten Geldvernichter der Fondsindustrie“ in die Hall of Shame des Manager Magazins gewählt. Einen wirklichen Gesinnungswandel scheint es im Hause Förtsch nicht gegeben zu haben. Sein Aktionär-Magazin tönt auf dem Titel auch heute von “Super-Aktien” und “bis zu 20.000 % Rendite in 25 Jahren”. “Investieren Sie in Top-Werte, die immer steigen”, heißt es da in bester Marktschreier-Manier. Im Innenteil wird freilich noch ein “quasi” vor “immer steigen” eingefügt. Man wird wissen, warum. Auch ansonsten wimmelt es im Heft von “spottbilligen Aktien”, “ewigen Gewinnern” und “Top-Zukunftsmärkten”.

Die Börsenmedien aus Kulmbach waren auch schon immer groß in der Cross-Promotion. So wird ein Börsen-Roman aus dem hauseigenen Börsenbuchverlag via Eigenanzeige groß beworben: “Die Jagd auf den Wolf der Wall Street”. Das Buch landet auch gleich auch Platz eins der Aktionär-Bestseller-Liste. Im Einzelverkauf setzt Der Aktionär immerhin 15.232 Exemplare ab, an Abos hatte das Magazin im 1. Quartal 2011 13.693. Der Gesamtverkauf lag bei 29.536. Immerhin die Auflagenstruktur der Zeitschrift kann man getrost als sehr konservativ bezeichnen.

Focus Money
Focus Money hat, ähnlich wie Börse Online, auch schon die eine oder andere Nahtod-Erfahrung hinter sich. Allerdings ist das Finanzblatt aus dem Hause Burda vergleichsweise gut durch die Krisen gekommen. Die Auflagenstruktur ist nicht gerade spitzenklasse aber gesünder als bei der Hamburger Konkurrenz. Der Gesamtverkauf liegt bei knapp 140.000 Exemplaren, wovon etwa über 13.000 am Kiosk weggehen. Aber auch bei Focus Money ist der Anteil der sonstigen Verkäufe mit über 82.000 extrem hoch. Im Auflagentrend der vergangenen fünf Jahre hat Focus Money im Einzelverkauf neun Prozent eingebüßt und bei den Abos sogar drei Prozent gewonnen.

Inhaltlich macht das das Heft aber einen überwiegend sehr soliden Eindruck. “Risiko Währungsreform” steht auf dem Titel. Und weiter: “Was passiert mit unserem Geld, wenn der Euro zerbricht?” Im Innenteil gibt es dazu eine sehr ausführliche, verständliche und detaillierte Geschichte. Auch historische Bezüge zu früheren Staats-Bankrotts werden hergestellt. Ansonsten gibt es auch hier viel so genannten Nutzwert, der freilich bescheidener daherkommt als beim aufdringlichen Kollegen Aktionär. Focus Money hantiert auf dem Titel mit Immobilien-Fonds, die 6 Prozent Rendite “sicher” versprechen. Das ist für so ein Anlegerblatt schon sehr konservativ.

Nicht fehlen darf die übliche Focus-Money-Werbebeilage. Diesmal mit Jubel-Artikeln für die Techniker-Krankenkasse. Focus Money hat diese spezielle Form der Vermischung von redaktionellen Inhalten und Werbung in Form von beigelegten Zusatz-Heftchen zur Meisterschaft getrieben. Dadurch, dass das in einer Beilage stattfindet, ist es nicht ganz so pfui und der Kunde darf auch ordentlich nachordern, um die Heftchen mit Focus-Money-Aufdruck in seinen Filialen auszulegen. Mittlerweile hat man sich als Leser fast schon daran gewöhnt und legt die Beileger gewohnheitsmäßig beiseite.

Euro

Euro ist ein Monatsmagazin, das die früher getrennten Titel Finanzen und Euro in sich vereint. Im vergangenen Jahr hat der Finanzen-Gründer Frank B. Werner die Euro und Euro am Sonntag im Rahmen eines Management Buy Outs von der Axel Springer AG übernommen. Werner ist übrigens auch Gesellschafter von Jörg Kachelmanns Wetterfirma Meteomedia. Von den hier angeschauten Heften ist Euro das mit Abstand magazinigste und das, das sich am ehesten an Einsteiger richtet. Das liegt sicher auch am vergleichsweise langsamen Erscheinungsrhythmus. Von Focus Money haben sie sich bei Euro auch den Trick mit den Werbe-Beilegern abgeschaut. Hier dürfen sich die Firmen Invesco und Bayern Invest im Heft “Der stabile Depot Baustein” über freundliche Artikel freuen. Auch im Hauptblatt muss man das eine oder andere mal genau hinschauen, ob nicht doch irgendwo “Anzeige” oder “Ein Service von….” über redaktionell aufgemachten Nutzwert-Seiten prangt.

Generell widmet sich Euro wesentlich weniger dem kurzatmigen Börsen-Geschehen und beackert eher allgemeine Finanz- und Wirtschaftsthemen. Hier wird z.B. auch erklärt, welche Bankgebühren verlangt werden dürfen und welche nicht. Für Börse Online oder den Aktionär wäre das wohl kein Thema. Die Eurokrise ist auch hier der Aufmacher: “Wo ihr Geld noch sicher ist” wird die Titelstory über die “härtesten Währungen der Welt” überschrieben. Eine eher ungewöhnliche Wahl als Interviewpartner in so einer Zeitschrift ist der Schlager-Sänger Udo Jürgens, der lang und breit über Gott, die Welt, Geld und (natürlich) Frauen erzählt. Eine echte Erfolgsgeschichte schreibt aber Euro mit diesem Mix nicht. Die Auflage fiel in den vergangenen fünf Jahren um 41 Prozent. Das liegt freilich auch daran, dass die sonstigen Verkäufe um 53 Prozent zurückgefahren wurden. Trotzdem ist der sonstige Verkauf mit fast 41.000 Exemplaren immer noch sehr üppig vertreten. Am Kiosk verkauft das Blatt sehr bescheidene 9.590 Exemplare, die Abos liegen bei 52.140. Insgesamt kommt Euro so auf eine verkaufte Auflage von 102.457. Im Zwölf-Monats-Trend ist der Einzelverkauf um 19 Prozent angestiegen. Freilich auf dem beschriebenen, sehr niedrigen Niveau. Immerhin ein kleiner Lichtblick für diesen Print-Euro.
Update: In einer früheren Version dieses Artikels stand, dass die Euro-Krise dem Aktionär in der betrachteten Ausgabe keine Zeile wert war. Tatsächlich hat die Ausgabe eine halbseitige Meldung zur Euro- und Griechenlandkrise in der Ausgabe gehabt.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige