Bernd Runge zieht Welt-Interview zurück

"Ich muss mich nicht mehr verbiegen, sondern bin frei, im Guten wie im Schlechten" - sagte Bernd Runge in einem Gespräch mit Dagmar von Taube, Chefreporterin der Welt am Sonntag. Doch offenbar war Runge, Ex-Chef von Condé Nast Deutschland und neuer Verleger des Magazins Interview Europa, auch so frei zu veranlassen, das bereits am Mittwoch auf Welt Online veröffentlichte Interview wieder zurückzuziehen. MEEDIA dokumentiert die spannenden Stellen.

Anzeige

Der Branchendienst werben&verkaufen griff den Runge-Rückzug als erstes Medium auf und hakte bei Springer nach.

"Mit wem hatten Sie zuletzt Sex?" lautet die Einstiegsfrage Taubes – eine Referenz an Andy Warhol, den Erfinder des Interview-Magazins, der diese Frage selber einmal in einem Gespräch gestellt hatte. Runge will Interview nach Deutschland und Russland bringen. Seine schlagfertige Antwort: "Mit Anja. Alles gut. Danke." In dem Stil geht es locker-flockig weiter.

Auf die Frage, ob für die Zeitschriftengründung auch "russisches Oligarchengeld" geflossen sei und nun Champagner und Kaviar aufgetischt würden, sagt der Chef des Auktionshauses Phillips de Pury: "Sie haben viel Fantasie." Und auf erneute Nachfrage: "Wir sind ein Kreativunternehmen, kein Partyveranstalter." Neulich habe er aber mal eine Flasche Wodka mit Mickey Rourke und David LaChapelle "erledigt". Die Öffentlichkeit gehe das aber eigentlich nichts an.

Später fragt die Reporterin, was Runge bei dem neuen Magazin besser machen wolle als bei der deutschen Ausgabe von Vanity Fair, die von Runge gegründet wurde und bald wieder eingestellt werden musste. "Natürlich haben wir bei einem Projekt dieser Größenordnung auch viele Fehler gemacht", gibt Runge zu. Nur: "Der größte Fehler war es jedoch, Vanity Fair zu beerdigen." Dies geht in Richtung des Condé Nast-Chefs Jonathan Newhouse, der zunächst eine Bestandsgarantie für das ambitionierte Magazin abgab, es aber dann doch entgegen der Versprechung Anfang 2009 einstellte.

Das Hochglanzmagazin, das vielleicht im kommenden Jahr eine Wiederbelebung in Deutschland erfahren könnte, sehe er nicht als Konkurrenz für Interview. Über sein neues Zeitschriftenprojekt sagt Runge, es werde nicht nur aus Interviews bestehen, auch Mode, Kunst, Film, Musik würden eine Rolle spielen: "Ein sehr visuelles Erlebnis, 200 Seiten etwa, glossy, Großformat." Die verkaufte Auflage sieht er zwischen 50.000 und 100.000 Exemplaren.

Chefredakteurin in Russland und Deutschland wird Aliona Doletskaya, eine ehemalige Chefin der russischen Vogue. Blattmacher in Berlin sind die Journalisten Jörg Rohleder und Adriano Sack. Runge selber ist "Executive Chairman" der europäischen Interview, bleibt aber auch CEO des Auktionshauses.

Was Runge nun dazu bewogen hat, das muntere Gespräch zurückzuziehen, nachdem es längst online gestanden hatte, ist unklar. Der Verlag der Welt am Sonntag, die Axel Springer AG, mag sich zu den Hintergründen nicht äußern: "Das Interview mit Herrn Runge wurde kurzfristig zurückgezogen und von den WELT ONLINE-Kollegen entsprechend offline genommen. Nähere Einzelheiten sind Redaktionsinterna."

Hier ist das Gespräch zum Nachlesen im Google-Cache.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige