Warum Kai Diekmann die Leser-Reporter liebt

Keine Blatt-Offensive ist schon im Vorfeld auf so viel Widerspruch und Kritik gestoßen wie die Leserreporter-Initiative von Springers Boulevardriesen Bild. Bei der Idee, dass praktisch jeder unter der schnellen Nummer 1414 Schnappschüsse hochladen und auf den ganz großen Verteiler legen konnte, grauste es vielen, die das "Ende der Privatheit" prophezeiten. Fünf Jahre nach dem Start zieht Chefredakteur Kai Diekmann gegenüber MEEDIA Bilanz: "Ich hätte nie gedacht, dass es ein solcher Erfolg wird."

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"Die Einsendungen der Leserreporter haben in Menge und Qualität unsere kühnsten Erwartungen übertroffen", so der 47-Jährige, "an guten Tagen gehen bis zu 4.000 Fotos ein. Das Material wird bei uns gesichtet, die Geschichte nachrecherchiert." Skeptikern, die einen Abbau von Stellen befürchtet hatten, hält er entgegen: "Die Leserreporter haben bei Bild Arbeitsplätze geschaffen." Die Ausbeute an nutzbarem Material sei hoch: "Bild und Bild.de publizieren rund 3.000 Fotos pro Jahr. Jeden Tag haben wir mindestens eines davon im Blatt."
Genau das hatten Medienanwälte, Kulturkritiker und Gewerkschafter der Journalistenverbände befürchtet, als die Leserreporter am 12. Juli 2006 an den Start gingen. Im Nachhinein ist der Bild-Chef für die Debatte in den Feuilletons dankbar, denn so hatte die Aktion auch in der Branche von Anfang an die volle Aufmerksamkeit. Bewahrheitet haben sich die düsteren Szenarien nicht. "Die Kritiker haben uns – mal wieder – eine massenhafte Verletzung der Privatsphäre prophezeit", sagt Diekmann, "das Gegenteil ist eingetreten. Über einen Zeitraum von nunmehr fünf Jahren gibt es keine relevante Zunahme an Rechtsfällen in Zusammenhang mit den Leserreportern.“
Angesichts der Masse an Einreichungen ist es kaum möglich, auf einen Nenner zu bringen, was ein typisches Leserreporter-Foto ausmacht. Ins Blatt schaffen es neben den üblichen exklusiven Bildern von Unfällen oder Bränden oft Fotos, die anrührende, überraschende, lustige oder traurige Begebenheiten dokumentieren. Und natürlich jede Menge Schnappschüsse von Prominenten. Der klassische Boulevard-Mix halt. Bisweilen fangen die Leserreporter auch historische Momente ein; den letzten Spaziergang eines Spitzenpolitikers vor dem Rücktritt oder den Beinahe-Crash eines Lufthansa-Airbus bei der Landung. Oder den schwedischen König nebst Gattin im Ferrari im Stau auf der Autobahn. Diekmann ist überzeugt: "Durch die Fotos und Videos der Leser-Reporter schaffen wir einen journalistischen Mehrwert. Die Bilder bescheren uns manchmal sogar Schlagzeilen."
In der Nutzung eines Potenzials, das durch auch eine noch so große Redaktion nicht erschlossen werden kann, lag für den Bild-Chefredakteur von Anfang an der Kern der Idee: "Es ging mir darum, die weißen Flecken auf der Landkarte der Berichterstattung zu schließen und damit die großen Momente und Ereignisse einzufangen, die sich nicht ankündigen." Inzwischen sei die Mitmach-Aktion "gelernt", was sich schon an der Zahl der Einsendungen ablesen lasse: "Die Leserfotos haben für uns die Qualität einer zusätzlichen Agentur und werden beim Blattmachen wie normale Pressefotos behandelt."
Das stellte die Redaktion aber auch vor Probleme, denn neben der aufwändigen Sichtung von täglich tausenden Fotos und Videos gilt bei Bild das strikte Gebot, dass jedes Foto vor der Veröffentlichung auf Authentizität geprüft wird. Für Diekmann grenzt dies die Leserreporter auch den vielen Bilder-Börsen im Internet ab: "Der Unterschied zu Online-Bilderbörsen wie Flickr ist, dass bei den Leser-Reportern jedes Foto professionell geprüft und nachrecherchiert wird. Nur das, was wahrhaftig ist, wird auch veröffentlicht." Den Leserreportern stellt der Chefredakteur dabei ein freundliches Zeugnis aus: "Der Anteil an Fake-Bildern unter den Einreichungen ist verschwindend gering."
Und dass es im Zuge der Veröffentlichungen nicht eine Zunahme von juristischen Klagen gegeben habe, erklärt er mit der Mentalität der Hobby-Zulieferer: "Die Leser-Reporter sind nicht die Typen Mensch, die als klassische Gaffer auf den Auslöser drücken." Bei Bild hat man sogar bei der TU Dresden eine Studie über das Wesen der Mitmach-Journalisten in Auftrag gegeben, die den typischen Leser-Reporter so beschreibt: "39 Jahre alter Mann, ist seit über 10 Jahren Bild-Leser, hat mehr als 7 Fotos eingereicht, von denen 2 veröffentlicht wurden, respektiert die Privatsphäre und achtet ethische Standards."
Den nachhaltigen Erfolg dieser für das Boulevardblatt ertragreichen Leser-Blatt-Bindung sieht Diekmann in mehreren Faktoren begründet. Der wichtigste: Einfachheit. "Die kurze, schnelle Nummer 1414 war enorm wichtig für den Erfolg unserer Offensive", so der Chefredakteur, "und für die Leser-Reporter ist auch entscheidend, dass wir die kritische Masse haben. Bild bringt die erforderlichen PS mit einer täglichen Reichweite von 12 Millionen Menschen auch auf die Straße."
Was heute so eingeschliffen funktioniert, startete mit Verzögerung. Diekmann hatte seine Idee schon früher realisieren wollen. Anders als viele Zeitungsmacher, die den technischen Gadgets der Internet-Generation skeptisch gegenüberstanden und konsequent auf Print setzten, war der Bild-Chef von den Chancen überzeugt: "Ich bin seit jeher der Ansicht, dass wir die neuen technischen Möglichkeiten nicht als Bedrohung empfinden sollten." Und eigentlich sei eine Leser-Beteiligung im Prinzip ja nicht neu gewesen, nur dass man hier auf wesentlich Ergiebigeres hoffen durfte als in Zeiten, wo der Audience-Input sich auf Leserbriefe und Gedichte beschränkt hatte. Nach etlichen Meetings von Projektteams hatte der Chefredakteur irgendwann genug und entschied: "Morgen legen wir los." Das war am Ende der Fußball-WM 2006.
Fünf Jahre später ist die Aktion so erfolgreich, dass man es sich leisten konnte, die Honorare für die Leser-Reporter zu halbieren: Zwischen 50 und 250 Euro gibt es heute für die Veröffentlichung. "Das gezahlte Honorar ist nicht entscheidend", sagt Diekmann, "wichtiger ist die Freude am Mitmachen." Dass der Boom der Einsendungen irgendwann enden könnte, glaubt der Bild-Chefredakteur nicht. Im September kommt ein neues iPhone auf den Markt, angeblich ausgestattet mit einer 8 Megapixel-Cam. Für Diekmann eine tolle Nachricht: "Die technische Entwicklung ist mit uns."

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