„Das Messie Team“: RTL II startet Ekel-TV

Es ist schon traurig mit anzusehen, wie manch ein Fernsehsender einen Menschen vorführt. Mit seinem neuen Format "Das Messie Team – Start in ein neues Leben" schlägt RTL II erneut voll in die Prekariatskerbe. Hier übernehmen Käfer, Maden und Kakerlaken die Hauptrollen. Die "fette, faule Sau" namens Mensch dient neben meterhohen Müllbergen nur als Beiwerk. Von der angekündigten Qualitätsoffensive keine Spur: Der Münchner Sender macht da weiter, wo "Tatort Internet" aufgehört hat: im Trash-TV.

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Während beim heftig umstrittenen "Tatort Internet" Kinderschänder verfolgt wurden, geht "Das Messie Team" Käfern und Kakerlaken auf die Spur. Erster Fall für die Entrümpeler war Marcus Thrun, bei dem sich der Müll nur so stapelte, in den Ecken Katzenkot türmte und die Küche bei all dem Schimmel schon ein Eigenleben entwickelt zu haben schien. Als ob das noch nicht schlimm genug wäre, musste sich der 32-jährige Messie von der Moderatorin und frisch gebackenen RTL-II-Psychotherapeutin Sabina Hankel-Hirtz in aller Öffentlichkeit als "fette, faule Sau" beschimpfen lassen.
Katzenverbot für den Mega-Messie
Offiziell sollen Hankel-Hirtz und ihr Kompagnon, der Entrümpelungsprofi Dennis Karl, in dem sechsteiligen Help-Format jedes Wohnungschaos beseitigen und den Menschen mit viel Psycho-Tamtam eine Rückkehr in ein gesellschaftliches Leben ermöglichen. Die TV-Profis setzen den übergewichtigen Frührentner unter Druck, wo sie nur können. Den Gipfel der Blamage bildet eine Szene, in der Karl ein verwestes Katzenbaby in der Messie-Wohnung findet. RTL II zeigt dabei immer wieder in einer Totalen auf den Kadaver. "So lange du die Verantwortung nicht tragen kannst, bekommst du keine Katzen mehr!", verbietet die Heilpraktikerin dem 32-Jährigen in bester Muttermanier die Tierhaltung und bevormundet den erwachsenen Mann. Sie hackt so lange auf ihm herum, bis wenig später sein Kreislauf kollabiert – natürlich vor laufender Kamera. Wäre das nicht genug, muss Marcus auch noch mit einem Schwertransport ins Krankenhaus gebracht werden. Im Ganzen also ein schwerer Fall für die Trash-Psychotherapeutin.
Noch ekliger geht es zu, wenn die Entrümpelungs-Teams in Marcus‘ Haus kommen. Unter all den Eistee-Verpackungen, Pizzaschachteln und Erbsensuppendosen tummelt sich das krabbelnde Horrorkabinett. Auch wie die Arbeiter die Toilette ausbauen und das angesammelte braune Wasser in die Badewanne kippen, zeigt RTL II ohne Scheu, obwohl das wirklich niemand sehen will. Jeder Helfer darf dann auch noch seinen Senf zur Situation geben, egal ob schwäbischer Renovierer oder polnische Putzfrau. "Hirrr schtinkt es bestialisch!", "So was haben ich noch nie erlebt!" oder "Wie kann ma‘ hirrr nur wohnen?" sind Sprüche, die der Hausbesitzer über sich im Fernsehen hören darf. "Selbst für die Profis ist der Zustand schockierend", erklärt eine Off-Stimme für die Zuschauer, die es immer noch nicht begriffen haben.
Familientherapie mit Playmobil-Figuren
Rund zwei Millionen Messies sollen in Deutschland leben. Und dass sie bemitleidenswerte Menschen sind, steht außer Frage. Der Hilfsansatz von RTL II ist löblich, das Ergebnis – Marcus‘ aufgeräumtes, klinisch reines Haus – sogar äußerst ansehnlich. Doch ob er auch langfristig etwas davon hat, bleibt fraglich. Denn von Therapie ist in der Sendung nicht viel zu sehen, einzig wenn Hankel-Hirtz sich von Marcus seien Familiensituation anhand von Playmobil-Figuren erklären lässt. In dieser lächerlich anmutenden Situation erfährt sie vom Tod der Mutter, der den Frührentner schwer getroffen hat, und leitet ab, was der Zuschauer längst weiß: "Dieser Mann ist krank."
Woher kommt der Scharfsinn der Therapeutin? Ein Blick auf ihre Vita lüftet das Geheimnis. Die ist nicht nur ellenlang, sondern auch mit Qualifikationen wie "beste Tante der Welt (‚Auszeichnung durch meine Nichte‘)", "Hypnosetherapie bei unerfülltem Kinderwunsch" oder "Fruchtbarkeitsmassage" gespickt. Hankel-Hirtz ist zudem kein Neuling im Mediengeschäft. Sie arbeitete bereits von 1978 bis 1989 als Radio- und TV-Moderatorin für RTL und moderierte einen Internet-Radio- sowie diverse Internet-Fernsehsender mit dem Schwerpunkt Rockmusik.
Die gescheiterte Qualitätsoffensive
Die Qualitätsoffensive, die RTL-II-Chef Jochen Starke vor einigen Monaten angekündigt hatte, lässt also weiter auf sich warten. Obwohl bereits "Tatort Internet" mit Schirmherrin Stephanie zu Guttenberg den ersten Schritt in diese Richtung markieren sollte, scheitert der Sender mit dem "Messie Team" erneut. Eine Journalistenweisheit besagt, dass Qualität von Quälen kommt. Damit dürften aber weder Protagonisten noch Zuschauer gemeint sein. RTL II scheint hier etwas falsch verstanden zu haben.

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