Die Tragik der Medienfigur Thomas Leif

Der Eklat um den unfreiwilligen Rückzug von Thomas Leif aus dem Netzwerk Recherche ist ein gefundenes Fressen für die Gegner des wortgewaltigen SWR-Chefreporters. Leif ist ein Typ, der polarisiert. Nicht wenige finden ihn toll, seine zupackende Art der Gesprächsführung, seine Unerschrockenheit, seine Energie. Mindestens genauso viele empfinden ihn als Nervensäge, als Wichtigtuer, als selbst ernannten “Sonnenkönig” oder “Godfather”. Die Wahrheit liegt vermutlich, wie so oft, dazwischen.

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Thomas Leif als eitlen Fatzke wahrzunehmen ist nicht besonders schwer. Dazu muss man sich nur den Vorspann seiner SWR-Talkshow “2 + Leif” anschauen. Thomas Leif wie er wichtig in einen Laptop schaut, Thomas Leif, wie er wichtig ein Handy ans Ohr führt, Thomas Leif wie er mit wichtiger Miene seinen Kopf Richtung Kamera dreht. In Einspielern lässt er sich selbst als Comicfigur mit Trenchcoat darstellen, die eine Lampe anknipst und so “ Licht ins Dunkel” bringt. Thomas Leif, der unerschrockene Aufklärer.

Leif führt sein öffentliches Leben in seiner Talkshow und auf Podien und Kongressen – vorzugsweise von ihm selbst veranstaltet, bei denen auch seine Bücher irgendwo im Foyer ausliegen. In seinem eigentlichen Job als Chefreporter tritt er dagegen selten in Erscheinung. In Erinnerung sind vor allem zwei Stücke: ein Porträt über das Springer-Schlachtross Franz-Josef Wagner und ein ärgerliches Stück namens “Quoten, Klicks und Kohle”. In dem Film machte Leif sehr einseitig und parteiisch Stimmung für seine Arbeitgeber beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk und stellte die private Medienwirtschaft nach allen Regeln der Propaganda-Kunst als eine Art Vorhölle der Kapitalismus-Schweine dar. Mit dem Film hat Leif so ziemlich alle Vorgaben und Richtlinien, die im von ihm gegründeten Netzwerk Recherche hochgehalten werden, mit Füßen getreten.

Es gab und gibt noch mehr Fragezeichen, die sich um die Person Thomas Leif ranken. Da ist zum Beispiel seine nie ganz aufgeklärte Nähe zu dem Berliner Event-Gastronomen Hans-Peter Wodarz, für dessen “Pomp, Duck and Circumstances” er in der Berliner Zeitung schon Jubel-Artikel verfasste. Thomas Leif – der Prototyp von einem, der Wasser Predigt und Wein trinkt. Einer, der über das selbst entworfene Bild von der eigenen Bedeutung gestolpert ist, ein arroganter Wichtigheimer. Er ähnelt in diesen Charakterzügen dem NDR-Chefreporter Christoph Lütgert, der sich bei seinem Feldzug gegen den AWD-Gründer Carsten Maschmeyer auch am liebsten selbst ins Bild setzt und erst kürzlich mit einigem Pomp und Circumstances aus dem Netzwerk Recherche ausgetreten ist. Zwei gewichtige Wortführer solchen Schlages sind für einen Verein eben doch zuviel.

Es gibt aber auch noch eine andere Seite von Thomas Leif. Er hat unbestrittene Verdienste und auch Qualitäten. Bei allem, was er tut, ist er mit ungeheurer Leidenschaft dabei und man nimmt ihm ab, dass er seinen Feldzug gegen die Verquickung von PR und Journalismus und Lobbyismus ernst meint. Er kann vor allem junge Leute motivieren und mitreißen. Außerdem ist Leif bei aller Selbstverliebtheit ein guter Talk-Moderator, er denkt und spricht schnell und ist vor allem nicht langweilig.

Und wie es schon sein Vorstandskollege beim Netzwerk, Hans Leyendecker, formuliert hat: Die Ziele des von Leif gegründeten Netzwerks sind nicht falsch. Das Netzwerk und seine hehren Ansprüche sind Prinzipien und prinzipiell eine gute Sache. Es steckt eine gewisse Tragik in der Figur Thomas Leif und in dem Umstand, dass jemand mit soviel Energie und Motivationsgabe am Ende nicht erkennen kann, wann er zurückstecken muss. Leifs erzwungener Abgang beim Netzwerk, die versuchte Flucht durch die Hintertür, die gemurmelten Rechtfertigungen von einem “Putsch”, das Abtauchen nach dem Eklat. Das alles war für ihn und das Netzwerk ein unwürdiges Schauspiel. Wahrscheinlich wäre es das beste für ihn, er würde sich eine Weile auf seine Arbeit als Chefreporter konzentrieren und ein, zwei gute TV-Reportagen machen. Sein Haussender SWR, hat ja bereits bekanntgegeben, dass er zu Leif steht. Die Frage ist nur, ob er das kann und will – sich zurücknehmen.

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