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„Wir sind unbestritten die Nummer eins“

Seit 2008 ist Michael Cremer (41) Chef des Sport-Informations-Dienstes (SID). Im Gespräch mit Christopher Lesko beschreibt der Teilzeitvater Stationen seines Lebensweges: Sohn einer Apothekerfamilie und Zirkusschüler, Student, DJ und Taxifahrer, Volontär und Redakteur. Cremer spricht über Kraft, Kompetenz und Wandel des SID und begründet die Notwendigkeit von Diversifikation. DAPD als möglichen Wettbewerber betrachtet der SID-Chef sehr gelassen: “Da ist viel Aufregung, aber es bewegt sich wenig.“

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Herr Cremer, Sie waren als Kind an einer Zirkusschule. Haben Sie dort etwas gelernt, was Ihnen heute in der Manege der Sport-Nachrichten-Dienstleister hilft, da mit DAPD ein neuer Akrobat auftritt?
Wie im Unternehmen geht es auch beim Zirkus darum, dass Menschen mit unterschiedlichen Stärken und Schwächen gemeinsam an einer tollen Sache arbeiten und trotz aller Verschiedenheit gemeinsam ein buntes Programm auf die Beine stellen. Etwas zu tun, wovon ich anfangs keinerlei Ahnung hatte und es dann innerhalb weniger Wochen zur Aufführungsreife zu bringen war toll. Und Applaus gab es auch noch. Das hat mir gefallen. Es gibt da durchaus Parallelen zur Arbeit in einer Nachrichten-Agentur: Sich kopfüber in ein komplexes Thema stürzen und in nullkommanichts verständliche Texte schreiben, die am nächsten Tag in vielen Zeitungen stehen, das ist eine tolle Sache und ich bin mir sicher, dass der SID das im Sport perfekt beherrscht. Den Applaus dafür holt sich die SID-Redaktion seit über 65 Jahren immer wieder neu ab; Nachwuchs-Darsteller in der Manege müssen dagegen erst einmal zeigen, was sie können.
Welche Werte und Erfahrungen Ihrer Kindheit und Jugend helfen Ihnen heute denn noch im beruflichen Alltag?
Ich bin in einer Unternehmerfamilie groß geworden – meine Eltern waren selbständige Apotheker. Den Unternehmergeist und das Dienstleistungs-Gen habe ich von ihnen geerbt. Für Apotheker ist es wichtig, ihre Kunden zu verstehen und zufrieden zu stellen: Zuhören und helfen, über den reinen Umsatz hinaus. Als kleiner Junge habe ich den alten Menschen ihre Medikamente mit dem Fahrrad nachhause gebracht. Kundenorientierung ist auch im Agenturgeschäft das A und O.
Sie sprechen ja durchaus empathisch über die Rolle von Pharmazeuten. Sie hätten die Apotheke Ihrer Eltern übernehmen können.
Ich wollte mein eigenes Ding verwirklichen und mich nicht in das gemachte Nest meiner Eltern setzen. Der schönste Tag in meiner Studienzeit war, als ich meinem Vater sagen konnte, ich verdiene genug Geld und brauche kein Geld mehr von Dir. Das Problem war, dass ich mein Studium vernachlässigte, weil die Studentenjobs für mich interessanter waren als das Studium selbst. Eine Nacht lang Musik für Menschen zu machen oder einen erfolgreichen Tag auf dem Fahrersitz eines Taxis zu verbringen hat mich zeitweise mehr befriedigt als sechswöchige, langweilige Hausarbeiten über das BGB fürs Studium zu schreiben. Wie dem auch sei: Die Kombination aus Wirtschaftsunternehmen und sozialer Verantwortung, so wie ich sie in der Apotheke meiner Eltern kennengelernt habe, ist dem SID nicht fremd. Der Sport-Informations-Dienst ist ein Garant für die mediale Präsenz nicht oder kaum kommerzialisierter Sportarten und bietet als Fachagentur fachlich kompetente Berichterstattung aus allen Disziplinen – nicht nur Fußball. Das ist auch ein persönlicher Antrieb für mich, keine Frage.
Heute sind Sie Geschäftsführer des Sport-Informations-Dienstes. Können Sie mir in einigen Sätzen beschreiben, wer genau hier vor mir sitzt?
Michael Cremer, 41 Jahre alt, geschieden, ein achtjähriger Sohn, seit 2008 Geschäftsführer des Sport-Informations-Dienstes (SID) mit Sitz in Köln und Büros in Hamburg, Berlin, Frankfurt am Main und München. Der SID ist als Sportnachrichten-Dienstleister seit Jahrzehnten eine feste Größe für deutsche Medien und zuverlässige Brücke zwischen Sport und Publikum, mit zusammengenommen beeindruckender Reichweite. Ob als Zeitungsleser, Radiohörer, TV-Zuschauer oder Internet-Nutzer, jeder Sportinteressierte ist schon einmal mit dem SID in Berührung gekommen, meist ohne es zu merken – wahrgenommen wird ja in der Regel die Publikumsmarke, nicht der Lieferant der originären Nachricht. Ich bin stolz darauf, die einzige deutsche Sportnachrichtenagentur an der Spitze eines ehrgeizigen Teams von rund 75 festen und unzähligen freien Mitarbeitern in die Zukunft führen zu können. Sportsgeist und Mannschaftsdenken sind eine gute Voraussetzung dafür, dass die Arbeit Spaß macht, auch wenn der notwendige Modernisierungsprozess gerade für ein traditionsreiches Unternehmen kein Spaziergang ist.
Arbeitet gerne heißt auch: arbeitet viel?
Klar. Wir treffen uns ja auch nicht zufällig am Wochenende.

Haben Sie denn eine eher gute oder schwierige Balance zwischen Beruf und Privatleben?
Eine Balance, an der ich ständig arbeite. Jeder, der einmal auf einer Wippe gesessen hat, weiß: da gibt es keine Feststellschraube. In der Zirkusschule war eine meiner Lieblingsdisziplinen  Rola-Rola: Dabei steht man freihändig auf einem Brett, das frei beweglich auf einer Rolle liegt, und es erfordert volle Körperbeherrschung, das Gleichgewicht zu halten und nicht in hohem Bogen auf die Nase zu fallen – vor allem, wenn man die Nummer auf einem zwei Meter hohen Tisch vorführt und nach und nach immer weitere Etagen oben auf dem Brett aufbaut. Mit jeder neuen Etage wachsen Schwierigkeitsgrad und Risiko, aber eben auch Kaltblütigkeit und Konzentration. Ich glaube, ich kann in meinem Leben die Balance ganz gut halten. Ich kenne die Zeiten, in denen ich rund um die Uhr da sein muss, und ich weiß, wann ich mir Zeit für mich nehmen kann. Dabei hilft mir übrigens mein Sohn sehr. Ich bin ja Teilzeitvater und konzentriere mich gerne auf die Beziehung zu meinem Sohn, wenn wir uns dafür Zeit nehmen.
Über ein Volontariat sind Sie Redakteur bei der Nachrichtenagentur AFP geworden, die heute Eigentümer des SID ist. Wie entstand dieser Weg?
Während des Jura-Studiums begann ich ein Praktikum bei AFP, weil ich die Arbeit für den universitären Papierkorb leid war und mir spätestens an meinem 25. Geburtstag klar wurde, dass das Leben nicht dauerhaft aus Studieren, Platten auflegen und Taxi fahren bestehen kann. Nach kurzer Zeit bot man mir dort ein Volontariat an und schnell war ich als Redakteur übernommen. AFP hatte mit mir einen jungen Typen, der sich reinarbeiten wollte und hochmotiviert war. Ich hatte die Heimat einer tollen Marke, durfte viel lernen und ausprobieren. Ich konnte die Online-Produktion in den 90ern starten und dann den Schritt zur Vermarktung machen. Ich habe berufsbegleitend BWL an der Fernuni Hagen gemacht, erhielt zur Belohnung für den Abschluss bei AFP den Titel „Geschäftsführender Redakteur“ und wurde später Leiter Marketing und Vertrieb.
Ihre aktuelle Funktion als Geschäftsführer des SID ist ja auch ein Ritt auf der Rasierklinge zwischen Tradition und Veränderungsfähigkeit. Welche der alten Routinen und Werte schätzen Sie, und welche empfinden Sie eher als hinderlich für die Zukunft?
Ich schätze zunächst die große Fachkompetenz im SID. Mit der Abfrage von Sportwissen geht übrigens noch heute jedes Bewerbungsgespräch los. Die Eingangsfrage“ Wie schätzen Sie Ihr Sportwissen ein?“ beantworten viele Bewerber mit außerordentlich großem Selbstbewusstsein. Dann stellen wir drei weiterführende Fragen und die Spreu trennt sich vom Weizen.
Stellen Sie doch mal eine.
Wer war der erste Deutsche Fußballmeister? Und wann?
Um Gotteswillen. Ich tippe auf Dresden. Wenn es früh war 1896, wenn es spät war 1905.
Sehr gut. 1903 war es und zwar der VfB Leipzig. Dicht dran.
Vielen Dank. Dicht dran, aber falsch. Wie ist denn Ihr Sportwissen?
Bestenfalls Mittelfeld. Das ist auch gar nicht meine Aufgabe. Ich versuche, ein ausgewogenes Team zusammenzustellen und Kompetenzen so zu bündeln, dass für den Kunden ein optimales Produkt entstehen kann. Die Bewerberfragen sind ein schönes Beispiel: Unsere Reaktionsleiterin Angela Bern beispielsweise weiß alles über Sport. Ich kam 2008 neu zum SID, hatte kaum Ahnung von Sport und meine erste Amtshandlung war, ihr zum 25-jährigen Dienstjubiläum zu gratulieren. Wir haben uns über alle Unterschiede kennen und schätzen gelernt und sind ein hervorragendes Team geworden. Ein Teil der Antwort heißt: Gründungsidee und Rolle des SID haben sich nicht verändert. Was wir tun ist: Wir interpretieren sie zeitgemäß und diversifizieren deshalb das Leistungsangebot des SID.
Lebensfähige Diversifikations-Strategie bedeutet ja, sich vom reinen Text-Dienstleister zum Multimedia Partner entwickeln. Erzählen Sie doch bitte über Inhalte und Ihre Motive.
Eine reine Wortagentur kann alleine nicht überleben. Am Anfang des Internets ging es darum, Texte zu übermitteln, heute betrachtet man beliebig Videos auf Youtube. Das Beispiel dieser Entwicklung beschreibt Zukunft und zentrale Rolle des SID: Der SID ist vor Ort, ganz nah dran, spricht mit den Akteuren und bereitet dies für alle Kanäle auf. Früher war ich stolz, meine Interviews in zwanzig Regionalzeitungen gedruckt zu finden. Heute freue ich mich, ein Magath-Interview von uns auf Youtube zu finden, es außerdem im Fernsehen zu sehen und zusätzlich den Text des Exklusivgespräches auf der Sportschau-App zu wissen. Im Grunde genommen hat sich an Haltung und Auftrag nichts verändert. Die Zeit hat sich verändert und mit ihr Nutzerverhalten und Kanäle. Darum unsere Bestrebungen in Richtung Diversifikation.
Verbreiterung von Strategie und Portfolio sind das Eine. So leicht ist das ja nicht. Es ist ja nicht so, als könne man einfach einen Schalter umlegen.
Nein, ist es auch nicht. Ganz im Gegenteil. Wir sind unbestritten die Nummer eins-Quelle für Sportnachrichten in Deutschland und haben natürlich über Jahre Arbeitsweisen und Prozesse in diesem Bereich perfektioniert. Aber wir mussten zur Kenntnis nehmen, dass wir mit Textlizenzen alleine das Reporternetzwerk nicht werden aufrecht erhalten können. Wir wissen, wie viel Auflage die Regionalzeitungen in Deutschland jährlich verlieren. Die Erlösverluste dort sind ähnlich oder schlimmer. Insofern muss ich andere Refinanzierungsquellen für das SID-Reporternetzwerk finden. Also nutzen wir die fachliche und regionale Auffächerung, um auch auf anderen Kanälen Inhalte zu produzieren. Ich saß letztens im Café in Köln und las den Kölner Stadtanzeiger. Minuten später setzte sich jemand an meinen Tisch, klappte sein iPad auf und las ebenfalls den Kölner Stadtanzeiger, mit dem Podolski-Interview als Videoclip statt als Text. Das ist die Realität auf Nutzerseite, und das muss ich in meine Produktionsprozesse integrieren. Bei der Nordischen Ski-WM hatten wir drei Journalisten vor Ort. Zwei davon haben Text produziert und einer hat Video-Content erstellt. Früher hätten drei Menschen geschrieben, jetzt arbeiten sie als Team und lernen voneinander. Die Mischung von Kamera und Text öffnet auch Türen: mit Maria Riesch hatten wir zum Auftakt der alpinen Ski-WM ein ausführliches 20-Minuten-Exklusivinterview. Das hätten wir als reiner Textanbieter SID so vermutlich nicht bekommen. Integration und Team heißen die Zauberworte – auch, wenn man erste Fremdheit überwinden muss.

Wie weit sind SIe denn aktuell vom gedachten Optimum entfernt?
Wir sind als Sportnachrichten-Dienstleister auf dem Weg zu einem Anbieter schlüsselfertiger Gesamtlösungen: statt bloß Ziegelsteine zu produzieren, können wir heute auch das bezugsfertige Haus liefern. Um ein Beispiel zu nennen: Wir haben für Sat.1 im Rahmen der Wiederbelebung der Marke “ran“ 2009 das ran-Datencenter neu gestaltet und damit das zu dieser Zeit schnellste und hochwertigste Fußball-Datencenter abgeliefert. Das war ein tolles Projekt.  Diversifikation bedeutet auch neue Wege im Rahmen der Gestaltung von Partnerschaften und fordert Make-or-Buy – Entscheidungen: Früher saßen unsere Reporter  im Stadion und haben zusätzlich zu ihrem Spielbericht auch Ecken und Auswechslungen gezählt.  Heute haben wir eine Partnerschaft mit dem weltbesten Anbieter von Fußball-Statistikdaten, Impire aus Ismaning, und können die dadurch freigewordenen Reporterkapazitäten für zusätzliche journalistische Leistungen nutzen – das hilft uns, den SID-Dienst weiter aufzuwerten. Sie sehen: Wir sind auf dem Weg, aber es gibt noch eine Menge zu tun.
Dem Kern von Agenturleistung als Content-Lieferant fehlt zwangsläufig per Geschäftsmodell so etwas wie ein spürbar persönlicher Charakter. Journalisten nutzen ihre Rolle, ohne als Person lebendig Urheberschaft reklamieren zu können. Was genau bedeutet dies für Sie als Company und die Mitarbeiter?
Das ist exakt der Spagat des Agenturjournalisten: Einerseits als Persönlichkeit hinter die drei Buchstaben zurückzutreten, sich in den einheitlichen Stil fügen, der über Jahrzehnte aus hunderten unterschiedlicher Kundenbedürfnisse destilliert worden ist und der die Nachrichtenmarke SID verdient. Andererseits mit Expertise und individuellen Autorenqualitäten einzigartige Geschichten liefern. Agenturkunden erwarten lineare Qualität, ein verlässliches, gestreamlinetes Produkt. Diese Qualität muss unabhängig von Personen durchgängig erbracht werden. Die Nachrichtenmaschine muss zuverlässig laufen. Trotzdem brauche ich darüber hinaus gute Autorenstücke und entsprechend Kollegen, die mit einem Magath oder van Gaal vernünftig auf Augenhöhe reden können. Das kann nicht jeder. Da sind wir wieder bei der Balance, diesmal zwischen tollen Individualfähigkeiten und der Einpassung in ein Produkt. Ziel ist, dass der Kunde bei uns das Nachrichtliche findet, das er beim SID erwartet, und wir ihn zusätzlich mit tollen Autorenstücken oder exklusiven Interviews überraschen.
Das setzt für Ihre Mitarbeiter ja ein hohes Maß an Bescheidenheit voraus.
Ja, Agenturjournalisten sind in der Regel bescheidene und fleißige Menschen. Eine wichtige Belohnung für die ständige Arbeit unter Zeitdruck ist die enorme kumulierte Reichweite über die Vielzahl an Kunden: Eine exklusive SID-Meldung wird überall zitiert, ein hervorragender Text auf den wichtigsten Portalen und in zig verschiedenen Zeitungen veröffentlicht – welcher Journalist hat solch’ einen Hebel, wenn er nicht bei einer Agentur arbeitet? Gleichzeitig hilft die Marke SID ja auch ungemein, um an Termine und Informationen zu gelangen. Wenn wir als SID anrufen, ist dem Gegenüber das publizistische Gewicht des Multiplikators Nachrichtenagentur in der Regel präsent und mit dieser Kraft lässt sich manche Tür öffnen.
Sie haben eine Journalistenschule gegründet? Warum?
Die Anforderungen an Agenturjournalisten sind deutlich gewachsen, die Rolle der Agenturen hat sich vom reinen Informationsverbreiter zu der eines spezialisierten Content-Dienstleisters gewandelt. Für den SID heißt das konkret, nicht die Tatsache des 1:0 zu transportieren ist der Wert der Eigenleistung, sondern die journalistische Aufbereitung in Nachricht, Reportage, Analyse und Interview. Widerstrebende Interessen von Tages- und Wochenpresse, Fachmagazinen, Radio, TV, Online-Portalen oder Mobile-Diensten müssen befriedigt werden. Und zwar in Text und Bild, als Videobeitrag oder Multimediapaket. Einem solch komplexen Anforderungsprofil kann nur genügen, wer entsprechend ausgebildet ist. Wir verlangen viel von unseren Mitarbeitern und müssen ihnen das nötige Handwerkszeug mitgeben. Da genügen Feigenblatt-Seminare nicht. Die Schüler der Sportjournalistenschule des SID lernen in den 24 Monaten ihrer Ausbildung Grundlagen wie Recherche und Presserecht, gezielt bezogen auf die Realität im Sportjournalismus, außerdem das Handwerk des schreibenden Journalisten ebenso wie die Arbeit als Videoreporter, in Theorie und Praxis. Ich möchte, dass unsere Abgänger optimal vorbereitet sind auf die crossmediale Wirklichkeit journalistischen Arbeitens. Das erreichen wir in der Kombination kompakter Seminare und praktischer Erfahrung, die es beim SID mit erfahrenen Mentoren zuhauf gibt.
Nun sind Sie ja nicht die einzigen Lebewesen der Agenturwelt. Wie sehen Sie denn Ihre Wettbewerber?
Im klassischen Medienumfeld gibt es für den Sport zwei wesentliche Anbieter. Einmal die DPA, die im Rahmen ihres Basisdienstes eine solide Grundabdeckung im Sport liefert. Annähernd 90 Prozent  der deutschsprachigen Nachrichten-Medien nutzen zusätzlich den SID als Fachagentur für Sport. Die aus ddp und AP Deutschland hervorgegangene Agentur dapd hat zum Saisonstart nun ebenfalls ein Sportressort angekündigt. Wie dieser zusätzliche Anbieter sich gegenüber DPA und SID differenzieren will, ist noch nicht erkennbar.
Sie nehmen DAPD nicht so ernst?
Wir betrachten das mit Interesse, aber ich sehe ehrlich gesagt momentan keine Notwendigkeit für einen dritten Anbieter. Ich bin kein Freund von Monopolen und dankbar für den freundschaftlichen inhaltlichen Wettbewerb mit der DPA. Bei DAPD weiß man noch nicht, was genau sie wollen: Vollagentur im Wettbewerb mit der DPA? Sport-Wettbewerber gegen den SID? Von null beginnend, werden sie es nicht leicht haben Fuß zu fassen.
Sie nehmen schon auch wahr, dass DAPD strategisch den Markteintritt nicht in jeder Sekunde des Tages völlig frei von Aggressivität gestaltet?
Sie haben in eine Kultur des freundschaftlichen und stilvollen Wettbewerbes der Nachrichtenagenturen anfangs eine neue Tonalität gebracht. Daran mussten sich alle Marktteilnehmer gewöhnen. Ich wundere mich über die große Resonanz, die das erzeugt hat. Da ist viel Aufregung, aber es bewegt sich wenig. Konzentrationen und Fusionen zweier kleinerer Anbieter sind normal und kosten die Beteiligten übrigens auch eine ganze Menge an Kraft. Der Anspruch, als Vollagentur gegen DPA zu gehen, ist mutig.

Sie machen sich keine Sorgen?
Ach, für den Titelträger ist es einfacher, als für den Herausforderer: die Kraft der Marke, das Renommee gerade auch bei Aktiven und Verbänden, eingespielte Prozesse, bereits bewiesene Zuverlässigkeit sind bei uns auf der Haben-Seite. Da müssen andere erst noch hin. Nein, ich mache mir keine Sorgen.
Dem steht gegenüber, dass Pioniergeist, Hunger, jemandem etwas streitig machen wollen, viel mehr Kräfte mobilisieren, als aus Gewohntem und Vollem zu schöpfen…
Das allein wird nicht reichen, Sport ist ein anspruchsvolles Themengebiet. Der SID ist phantastisch aufgestellt: Wir haben ein Team mit einer einzigartigen Mischung aus erfahrenen Elefantengehirnen und jungen Heißspornen. Kollegen, die nicht nur ein 1:0 melden, sondern die Geschichte über den Menschen erzählen können, der das Tor geschossen hat. Wir haben Energie, Kompetenz und Erfahrung. Ich bin in dieser Frage wirklich ganz gelassen.

Wenn ich Sie fragte, was Mitarbeiter, Kunden und Partner über Michael Cremers Führungsstil sagten, und wenn die Antwort „Da müssen sie andere fragen“ verboten wäre. Wie hieße Ihre Antwort?
Ich bin kein glattgeschliffener Konzern-Typ, sondern ein anpackender Manager mit Unternehmergeist. Ich betreibe ungerne Politik, sondern will den Dingen auf den Grund gehen, die inhaltlich richtige Entscheidung treffen. Das setzt voraus, dass ich überzeugt bin von Sinn oder Unsinn verschiedener Wege, und das gibt mir die nötige Authentizität und Wahrhaftigkeit im Umgang mit Kunden, Mitarbeitern und Gesellschaftern. Ich habe beim SID viel gelernt – Geduld und Demut zum Beispiel. Man würde vielleicht über mich sagen, Cremer ist ein Teamplayer, der Überzeugungen entwickelt und sich nicht davor scheut, Entscheidungen zu fällen. Und jemand, der anderen nicht von oben herab begegnet sondern mit Respekt. Wir haben hier eine sporttypische Konflikt- und Kommunikationskultur. Konflikte werden ausgetragen. Dann ist aber auch gut, weil man gemeinsam jeden Tag neu das nächste Spiel wieder gewinnen will – und das geht nur als Team. Das übrigens ist faszinierend an Nachrichten-Agenturen: jeden Tag aufs Neue bei 0:0 aufzulaufen und den Wettbewerb um die bessere Geschichte, den treffenden Leadabsatz, das richtige Timing anzunehmen.
Welche relativ größte Ungerechtigkeit haben Sie denn in Ihrem Leben selbst begangen?
Ich bin kein Bundesliga-Schiedsrichter. Da kann ich Ihnen keine Antwort geben, Was hatten Sie sich denn vorgestellt als Antwort?
Erst meine Frage, dann Ihre.
Ich war bestimmt schon ungerecht, aber mir fällt kein Beispiel ein. Vielleicht bin ich gut darin, wie die Franzosen es nennen, “die Seite umzublättern“ und habe einen guten Verdrängungsmechanismus.
Außer nun auf Ihre Frage nicht zu antworten: was müsste ich tun, um mir so schnell wie möglich Ihren größtmöglichen Ärger zuzuziehen?
Ich schätze gegenseitige Verbindlichkeit und hasse Unzuverlässigkeit. Das gilt übrigens auch für meinen Führungsstil und meine Erwartungen an Mitarbeiter und Partner.
Haben Sie jemals Angst gespürt in Ihrem Leben?
Ja, auf dem 10-Meter-Turm. Ich bin im Schwimmunterricht mal abgesoffen und muss mich seither überwinden, in tiefe Becken zu springen. Die Brandung des Atlantiks hingegen macht mir keine Angst.
Haben Sie für Ihr berufliches Leben einen Traum?
Im Nachrichtengeschäft ist die Halbwertszeit gering und das Tempo hoch. Mittelfristig würde ich manche Dinge gerne ruhiger angehen. 
Auch, wenn es noch ein bisschen “hin“ ist: Wie möchten Sie alt werden?
Haben Sie Louis de Funès’ außerirdische Kohlköpfe gesehen? Die beiden alten Männer, die Portwein trinken und Kohlsuppe essen? Mit Freunden in der Abendsonne sitzen, mehr oder minder kluge Gespräche führen. Vielleicht auch Anderen aus meiner Erfahrung etwas weitergeben. Das wäre schön.

Mehr über den Autor: leadership-academy.de


Anmerkung der Redaktion: Für alle, die hier eine Frage zum Umgang der Agentur mit dem angeblichen Rosberg-Zitat vermissen: Das Interview mit Michael Cremer wurde vor Beginn der Frauen-WM geführt.

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