NR-Eklat: „Ein Putsch war es sicher nicht“

Bei der Jahrestagung des Netzwerks Recherche am Wochenende kam es zum Eklat im Vorstand. Der Gründer und Vorsitzende, SWR Chefreporter Thomas Leif, wurde dazu gedrängt, seinen Posten aufzugeben. Grund waren Fördergelder, die der Verein vermutlich unberechtigt von der Bundeszentrale für politische Bildung erhalten hatte. MEEDIA sprach mit dem zweiten Netzwerk-Vorstand Hans Leyendecker über das Zerwürfnis im Vorstand, die Finanzierung und die Zukunft des Vereins.

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Ich selbst war nicht bei der Tagung des Netzwerks Recherche am Wochenende anwesend. Können Sie mir erklären, ob Thomas Leif derzeit eigentlich noch Vorstandschef ist?

Nein, ist er nicht.

Was war dann am Freitagabend? Ein Rücktritt, ein Putsch, ein Abgang durch die Hintertür? All dies war zu lesen.

Also, ein Putsch war es ganz sicher nicht. Bei der Tagung standen turnusgemäß Wiederwahlen des Vorstandes an. Die konnten aber nicht stattfinden, weil es wegen unklarer Finanzen keine Entlastung geben konnte. Jetzt haben wir einen geschäftsführenden Vorstand ohne Thomas Leif. Dieser Vorstand wird bis zu einer nächsten Mitgliederversammlung im Amt sein. Wann diese Versammlung stattfindet, muss noch geklärt werden. Das hängt auch davon ab, wie lange die Untersuchung der Vorgänge dauert. Aber das wird sicher innerhalb der nächsten fünf bis sechs Monate der Fall sein.

Bei den, wie Sie es nennen "unklaren Finanzen" , handelt es sich um Fördergelder der Bundeszentrale für politische Bildung, die offenbar auf Basis von fehlerhaften Abrechnungen des Netzwerks erfolgten. Können den Sachverhalt noch einmal kurz schildern?

Es ist so, dass die Bundeszentrale die Arbeit des Netzwerks seit Jahren prinzipiell für förderungswürdig hält. Die finden vermutlich gut, was wir machen und da sind sie nicht die einzigen. Diese Förderung fand aber nicht als normale Projektförderung, sondern im Zuge einer so genannten Fehlbedarfsfinanzierung im Zusammenhang mit der Jahreskonferenz statt. Einnahmen und Ausgaben im Zusammenhang mit der Konferenz werden bei einer solchen Förderung angegeben. Wenn ein Defizit bestand, zahlte die Bundeszentrale bis zu einer Höhe von 20 000 Euro. Jetzt hat sich bei einer von uns beauftragten Wirtschaftsprüfung gezeigt, dass bei einigen Jahrestagungen offenbar nicht alle Einnahmen angegeben worden waren oder falsch gebucht wurden. So konnte es dazu kommen, das möglicherweise zuviel an Fördergeldern ausgezahlt wurde. Wir haben, nachdem uns dies bekannt wurde, sofort die Bundeszentrale informiert und die größtmöglich zuviel gezahlte Summe in Höhe von rund 75.000 Euro zurücküberwiesen. Ob tatsächlich Gelder in dieser Höhe zuviel gezahlt wurden oder viel weniger, muss erst die abschließende Prüfung zeigen.

Warum hat das Netzwerk überhaupt Geld bei der Bundeszentrale beantragt? Der Verein verfügt ja offenbar selbst über ausreichende Finanzmittel.

Was ist ausreichend? Hier geht es nicht um Gier oder Größenwahn. Wir hatten und haben vor, das Netzwerk in eine Stiftung umzuwandeln, dazu brauchen wir erhebliche Mittel. Außerdem war ja gerade bei den Tagungen nicht von Beginn an klar, wie die wirtschaftliche Bilanz am Ende aussehen würde. Die Gelder wurden immer im voraus beantragt. Ich sehe nichts ehrenrühriges darin, wenn man als gemeinnütziger Verein öffentliche Fördergelder beantragt. Im Gegenteil. Das Problem tritt erst dann auf, wenn man am Ende des Weges feststellt, man hätte möglicherweise gar keine oder weniger Fördergelder bekommen dürfen. Dann muss man das Resultat der Prüfung der Behörde mitteilen.

Halten Sie eigentlich die Kommunikationsarbeit des Netzwerks Recherche in dieser Sache für gelungen?
Ich habe die Kommunikationsarbeit selbst gemacht und unterscheide zwei Bereiche: Da ist der Bereich der Behörden und da haben wir, wie ich meine, lehrbuchmäßig reagiert. Wir haben als Verein die Unregelmäßigkeit selbst entdeckt, selbst Wirtschaftsprüfer und Anwälte eingeschaltet, alles zurückgezahlt und sofort die Behörden informiert. Das war in Ordnung. Und dann gibt es den zweiten Bereich: Wir wollten, so weit das möglich ist, Thomas Leif vor Reputationsschaden bewahren. Ohne ihn würde es den Verein so nicht geben. Vieles, was im Vorfeld getan und gesagt wurde, wurde ja gemacht um Thomas Leif zu schonen. Aber das gute Ende hing davon ab, dass jemand die Verantwortung übernehmen muss und einen einzigen Satz sagt: "Ich trete zurück." Als dieser Satz dann auf der Mitgliederversammlung nicht fiel, hatten wir plötzlich ein ziemliches Problem. Zwischen der aus meiner Sicht Herrn Leif schonenden Darstellung des Sacherhalts und unserer eigenen Wahrnehmung des Desasters klaffte ein riesiges Loch.

Und wie geht es jetzt weiter?

Die ganze Finanzgeschichte muss zunächst aufgeklärt werden. Dann müssen wir unsere Satzung ändern, strukturelle Probleme und Transparenzgeschichten lösen. Der ganze Verein war zu sehr auf eine charismatische Figur hin zugeschnitten. Thomas Leif hat irgendwann alles organisiert, alles gemacht und wir anderen haben ihn damit auch alleine gelassen und keine Fragen gestellt. Aber wie das oft so ist, wenn ein neuer Verein oder eine Organisation zu sehr von einer einzigen, charismatischen Figur abhängt: Irgendwann schafft der vermeintlich Omnipotente nicht nur die Lösung, sondern auch das Problem,. Dann gibt es einen Reinigungsprozess und man stellt sich neu auf.

Wäre es nicht eine gute Idee im Sinne der Transparenz die gesamten Finanzen des Netzwerks Recherche im Internet öffentlich zu machen?

Das geschieht derzeit, wir wollen eine vorbildliche Transparenz schaffen. Die hatten wir bislang nicht; ein Umstand, der im Nachhinein kaum noch nachzuvollziehen ist. Dazu wird gehören, dass am Ende nicht nur unsere Finanzen veröffentlicht werden, wir werden auch, in welcher Form auch immer, das Ergebnis des Berichts der Wirtschaftsprüfer online veröffentlichen, die noch einen Abschlussbericht erstellen werden. Parallel dazu werden Prüfungen durch die Bundeszentrale stattfinden. Auch das Ergebnis dieser Prüfungen wollen wir selbstverständlich veröffentlichen.

In einigen Artikeln zum Thema konnte man eine gewisse Schadenfreude herauslesen. Saß das Netzwerk in der Vergangenheit bisweilen auf einem zu hohen Ross?

Wer hoch sitzt, kann tief fallen oder er muss wirklich sattelfest sein. Wenn sie als Journalistenvereinigung gewisse Forderungen stellen, wenn sie beispielsweise gegen Presserabatte sind und gegen eine Vermischung von PR und Journalismus, dann machen sie sich nicht nur Freunde. Aber man muss sich immer an den eigenen Forderungen messen lassen und danach handeln. Die Forderungen des Netzwerks sind nicht falsch oder elitär. Aber wir müssen sauber sein. Das ist die Mindestforderung, die andere an einen solchen Verein stellen können. Die Schadenfreude der anderen gehört dazu. Jeder, der das meint, darf sich kritisch über uns äußern oder sagen wir seien arrogant oder was auch immer. Damit habe ich kein Problem.

Was haben Sie persönlich aus dem Vorfall gelernt?
Man darf den anderen nicht überschätzen. Alles was da gelaufen ist, alles was jetzt dazu gesagt und geschrieben wurde und auch das meiste , was Sie mich jetzt fragen, gäbe es nicht, wenn ein einzelner Mensch vernehmlich einen einfachen Satz ausgesprochen hätte wie: "Ich trete zurück", oder "Ich höre mit dem heutigen Tag auf". Dass keiner dieser Sätze vernehmlich ausgesprochen wurde, führte auf der Veranstaltung regelrecht zu einer Explosion. Die Lehre ist: Eine Käßmann-Lösung kann man nur mit Persönlichkeiten wie Frau Käßmann schaffen. Die ist ein paar Hundert Meter mit 1,54 Promille gefahren – aber danach konnte sie nicht mehr glaubwürdig als EKD-Ratsvorsitzende über Moral sprechen. Und wenn es in einem Verein wie dem unseren unklare Zahlungen gibt, dann muss auch der dafür Verantwortliche die Verantwortung übernehmen, ganz egal ob hinterher vielleicht bei der Untersuchung herauskommt, dass das doch alles nicht ganz so schlimm war. Ein Verein wie das Netzwerk muss in solchen Dingen absolut rein sein. Deshalb auch unser offensives Vorgehen bei der Aufklärung. Aber es ging bei allem auch um den Versuch, einem Menschen, der große Verdienste hat, den Abgang zu erleichtern. Das war zwischen uns abgesprochen und ich war mir sicher, dass er das auch genauso verstanden hat. Dass das letztlich nicht geklappt hat und der andere das alles offenkundig für einen Putsch hielt, ist tragisch. Was habe ich also gelernt? Vielleicht, dass man sich auf Absprachen nicht unbedingt verlassen kann und dass wir Menschen noch komplizierter sind als ich ohnehin gemeint habe.

Hatten Sie seit der Tagung Kontakt zu Thomas Leif?

Nein. Ich habe, momentan jedenfalls, auch nicht das Bedürfnis danach.

Ist das Netzwerk Recherche nun in seiner Existenz bedroht?

Nein, das ist es ganz sicher nicht. Im Gegenteil. Der Verein hat jetzt eine große Chance. Wir müssen von den Leistungen der Vergangenheit profitieren und da hat Leif große Verdienste. Fehler müssen korrigiert werden. Der Vorfall zeigt, was geschehen kann, wenn eine Organisation zu sehr auf eine Person hin zugeschnitten ist. Aus diesem Fehler und anderen Fehlern werden wir lernen. Das, was die Vereinsleute ehrenamtlich machen, ist prinzipiell eine gute Sache. Wir gehen an Universitäten, wir fördern Stipendiaten, wir veranstalten Werkstätten, wir machen einen kirchentagsähnlichen Kongress mit 90 Veranstaltungen und reden immerzu übers Handwerk. Wir vergeben beispielsweise den Negativ-PR-Preis "verschlossene Auster" und setzen uns für Recherche und guten Journalismus ein. In diesem Scheitern jetzt steckt die Verpflichtung, den Verein neu auszurichten. Das kriegen wir hin. Auch mit neuen Leuten.

Und wenn das nicht klappt, können Sie sich im nächsten Jahr selbst mit der "verschlossenen Auster" auszeichnen…

Wenn wir das nicht hinbekommen, hätten wir sie auch wirklich verdient.

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