Spiegel TV: Anonymus postet Chefgehälter

Eine anonyme Rundmail erschüttert Spiegel TV. Am Freitag vergangener Woche versandte ein Anonymus brisante News: detaillierte Zahlen zu Jahresgehältern von 17 Führungskräften, die demzufolge zwischen ca. 160.000 und 350.000 Euro liegen. In der E-Mail begründet der Verfasser den "Leak" mit der angespannten wirtschaftlichen Lage der Spiegel-Tochter und angeblich bevorstehenden Entlassungen. Das Haus spricht von einem "ungeheuerlichen und kriminellen Vorgang" und hat Strafanzeige erstattet.

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Spiegel TV kommt nicht zur Ruhe. Erst Ende vergangenen Jahres hatte die Geschäftsführung einen Stellenabbau angekündigt und dabei auf den reihenweisen Wegfall von Auftrags-Produktionen verwiesen. Rund 35 Jobs schienen damals betroffen. Wie viele Planstellen inzwischen abgebaut wurden, ist nicht ganz klar. Nach Angaben der Geschäftsführung ist der Personalabbau jedoch weitestgehend abgeschlossen. Ein Mitarbeiter setzte vor kurzem gerichtlich seine Weiterbeschäftigung und Rückkehr an den Arbeitsplatz trotz Kündigung, Freistellung und Hausverbot durch.
Der Abgang vom Personalchef der Spiegel-Gruppe, Klaus Eike Mahlstedt, sehen viele im Haus auch durch Unwuchten bei den arbeitsrechtlichen Schritten begründet. So hatten Versuche, Mitarbeitern trotz monatelangen Vorlaufs Kündigungen "auf den letzten Drücker" auszuhändigen, zu bizarren Szenen wie der Demontage von Klingelschildern geführt, die eine fristgerechte Zustellung verhindern sollte. Diese Vorgänge liegen allerdings Monate zurück.
Die Geschäftsführung von Spiegel TV geht davon aus, dass sie die fürs laufende Jahr vorgesehenen Planzahlen erreichen wird. Die anonyme Mail, die die "Lieben Kolleginnen und Kollegen" adressiert und am Freitagmorgen gegen 9.30 Uhr in den Postfächern landete, stellt das anders dar. Dort heißt es u.a.: "Weil sich schon jetzt abzeichnet, dass der der Etat 2011 in sich zusammenfällt und trotz aller Dementis die nächste Entlassungswelle vorbereitet wird, haben wir folgenden Vorschlag: Schmeißt endlich diejenigen raus, die Spiegel TV in die Grütze reiten."
Absender ist nach MEEDIA-Informationen "Otto Bauer" der Mailaccount ist eine Freemailadresse mit der Kennung "2011leaks". Durch die Wahl dieses Absenders soll offensichtlich eine inhaltliche Nähe zur Plattform Wikileaks hergestellt werden, mit deren Enthüllungen die Spiegel-Gruppe im vergangenen Jahr große publizistische Scoops landete. Nun trifft es das Unternehmen selbst, und der gezielte und allem Anschein nach aus den eigenen Reihen gestartete Versuch der Destabilisierung entsetzt Geschäftsführung wie Betriebsrat, der wie das Management in einer Mail an die Mitarbeiter den Akt verurteilte.
Unklar ist, woher die Informationen über die Einkommen des Führungspersonals stammen. Während die Justiz in alle Richtungen ermittelt, macht im Unternehmen das Gerücht die Runde, dass ein inzwischen ausgeschiedener kaufmännischer Mitarbeiter die Dateien mit den für 2010 budgetierten Personalkosten in seinem Büro ungeschützt hinterlassen haben könnte. Die eingescannten Dokumente lassen jedenfalls kaum Zweifel daran, dass die Angaben über die Jahresgehälter den Tatsachen entsprechen.
Die Geschäftsführung ist außer sich und spricht von einem "ungeheuerlichen Vorgang", den man "aufklären" werde: "Wir sind uns mit dem Betriebsrat einig, Schaden vom Unternehmen abzuwenden." Bereits am Freitag wurde die Staatsanwaltschaft eingeschaltet, die nun wegen des Verrats von Geschäfts- und Dienstgeheimnissen ermittelt. Der Schaden indes scheint nur zum Teil reparabel – die streng gehüteten Gehälter der Vorgesetzten wurden durch die Mail zum Allgemeingut auf den Fluren, und die Spekulationen, wer der Urheber der Mail ist, gehen in viele Richtungen – eine Indiskretion mit dem Potenzial zur Zerreißprobe, zumal schon kolportiert wird, dass eine weitere Enthüllung noch bevorstehen soll.

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