NR: Verschlossene Auster für Atomindustrie

Der diesjährige Negativpreis der Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche, die Verschlossene Auster, geht an die vier Atomkonzerne E.ON, RWE, Vattenfall und EnBW. Zur Begründung der Jury hieß es: "Sie haben beschönigt, beeinflusst und verheimlicht. Sie haben einen massiven Lobbydruck ausgeübt, auch dann noch, als viele Bürger öffentlich protestierten." Heribert Prantl hielt die Laudatio auf die Informationsverweigerer und -blockierer, die ihre Vertreter zur Gegenrede nach Hamburg geschickt hatten.

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"Der Lobbyeinfluss der Atomkraftbefürworter war beispielhaft. Die Atomkonzerne haben Jahrzehnte lang die Wahrheit in ihrem Sinne verdreht, Politik massiv unter Druck gesetzt und die Gefahr von Atomkraft gegenüber der Öffentlichkeit unter dem Deckmäntelchen des Klimaschutzes heruntergespielt", so die Jurybegründung. Wichtig für die Entscheidung sei vor allem der Stellenwert der gesellschaftlichen Debatte zum Thema Atomkraft gewesen.
Prantl sagte in seiner Laudatio, der er den Titel "Ich scheiß dich sowas von zu mit meinem Geld, da hast du keine Chance" gab: "Die Erkenntnis lautet: Die Zeit der Atomenergie ist abgelaufen. Die Atomverstromung hat ihre gesellschaftliche Akzeptanz verloren. Nur unsere Preisträger, die Atomenergiekonzerne E.ON, EnBW, RWE und Vattenfall, wehren sich dagegen."
Alle vier Konzerne hätten Jahrzehnte lang Atomkraft als sichere und saubere Chance zur Energieversorgung angepriesen. Das belege beispielsweise das Strategiepapier "Kommunikationskonzept Kernenergie – Strategie, Argumente und Maßnahmen" der Unternehmensberatung PRGS für Politik und Krisenmanagement aus dem Jahr 2009. Darin schlägt die Agentur dem Energiekonzern E.ON Argumente für die öffentliche Kommunikation vor – die fast 1 zu 1 von den Konzernen und später auch von Politikern aufgegriffen wurden.
Obgleich E.ON das Strategiepapier als Akquiseversuch der Agentur herunterspielte, seien die Übereinstimmungen zwischen vorgeschlagenem Kommunikationskonzept und verwendeter Kommunikationslinie frappierend. Kernkraft werde positiv als Brücken-Technologie bezeichnet, die den Weg in das Zeitalter der Erneuerbaren Energien ebnen solle und somit die Laufzeitverlängerung quasi schon moralisch notwendig mache.
Kritische Fragen von Journalisten beantworteten die Kommunikationsexperten der Energiekonzerne mit beschönigenden, weichgespülten Phrasen. Fakten seien umgedeutet und verdreht worden, es wurde versucht, öffentliche Meinung zu manipulieren. Dazu kassierten die vier Atomkonzerne mit überhöhten Strompreisen bei den Bürgern ab, während sie gleichzeitig Milliardensubventionen in Anspruch nähmen.
"Der Preis wurde bisher immer verliehen dafür, dass der Öffentlichkeit nichts oder wenig gesagt wurde. Das kann man von der Atomindustrie wirklich nicht sagen. Die Atomindustrie kommuniziert wie der Teufel" sagte Prantl. "Die Atomindustrie schreibt mehr Pressemitteilungen als ein Birkenbaum Blätter hat. Ihre Manager und Lobbyisten drängen in jeder Talkshow. Und wenn die Atomindustrie der Meinung ist, dass das nicht reicht, dann veröffentlicht sie ganzseitige Anzeigen mit potenten Unterschriften, in denen sie die Kanzlerin zum Diktat bittet und der Politik erklärt, was sie zu tun hat."
So bewiesen die vier Atomkonzerne mit ihrem "Energiepolitischen Appell" im Sommer 2010 eine bis dahin nie da gewesene organisierte Lobbyfront, die ihre beschönigenden Argumente mit Macht in die Öffentlichkeit bringen sollte. Die vier Energiechefs Johannes Teyssen (E.on), Jürgen Großmann (RWE), Hans-Peter Villis (EnbW) und Tuomo Hatakka (Vattenfall) hatten zahlreiche Dax-Vorstände überzeugt, sich dem Appell an die Bundesregierung für eine Laufzeitverlängerunganzuschließen. Josef Ackermann (Deutsche Bank) war mit dabei, Werner Wenning (Bayer) oder Ekkehard Schulz (Thyssen-Krupp).
"Die Atomkonzerne werden ausgezeichnet für gefährlich einseitige, marktmächtige Information, sie werden ausgezeichnet für die Verharmlosung von Gefahren, für exzessiven Lobbyismus", sagt Prantl in seiner Laudatio.
Gemäß der Tradition von Netzwerk Recherche wurde den Preisträgern die Gelegenheit zur Gegenrede eingeräumt. Stellvertretend für die vier Atomkonzerne, die alle mit ihren Kommunikationsleitern vertreten waren, betrat Guido Knott, Sprecher des Energiekonzerns E.ON, das Podium. "Sie können sich vorstellen, dass es bessere Zeiten oder auch schönere Jobs für einen Kommunikationschef gibt, als insbesondere in den vergangenen vier Monaten für eines der vier Betreiberunternehmen zu arbeiten", gab er zu. Er kritisierte, dass die Vergabekriterien der Verschlossenen Auster aus politischen Motiven geändert wurden. Der Preis verkomme so zum Spielball der politischen Interessen einiger Verlage und Meinungsmacher.
Dass die Konzerne mit ihrer Kommunikation nichts erreicht hätten, sei leider Tatsache. "Dass wir uns bemüht haben, sprechen Sie uns nicht ab. Dass dieses bemühen ein Kritikpunkt ist, der die Preisverleihung rechtfertigt, haben Sie entschieden", richtete sich Knott an die Jury. "Daher bleibt für mich unterm Strich ein Preis, den es zu verleihen galt für ein Thema, an dem kein Medienvertreter vorbeigehen konnte – mit einer Begründung, die nur dann nachvollziehbar ist, wenn man das Vertreten von Positionen, die aus Sicht der Jury politisch falsch sind, als preiswürdiges Verhalten betrachtet. Daher nehme ich die Verschlossene Auster entgegen, aber nicht an." Dass die Kommunikationsleiter bei der Journalistenkonferenz anwesend waren, solle als Zeichen gedeutet werden, dass man nicht wegtauche, sondern dass man die kritisierte Offenheit und Transparenz ernst nehme.
Die Verschlossene Auster wird in diesem Jahr zum zehnten Mal verliehen. Der Preis steht als mahnendes Symbol für mangelnde Offenheit und Behinderung der Pressefreiheit durch Personen oder Organisationen. Die Preisträger erhalten zur Erinnerung und als Mahnung zur Besserung eine Skulptur. Preisträger der vergangenen Jahre waren die katholische Kirche, der Bundesverband der Banken, der ehemalige Bundesinnenminister Otto Schily, der Lebensmittelkonzern ALDI, die Hypo-Vereinsbank (stellv. für die DAX-Unternehmen), der damalige DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder, der ehemalige Chef der Deutschen Bahn AG, Hartmut Mehdorn, der ehemalige russische Präsident Wladimir Putin, das Internationale Olympische Komitee und stellvertretend IOC-Vizepräsident Thomas Bach.

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