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Rückerts fragwürdige Kachelmann-Moral

Die Lage des Journalismus könnte besser sein - so lautet das Resümee der ersten Veranstaltung der Jahreskonferenz von Netzwerk Recherche. Das Who is Who des Qualitätsjournalismus diskutierte auf dem Panel "Haltung? Moral? Ethik?" über jene Tugenden im Berufsalltag und beschwerte sich über die zunehmende Konformität der Berichterstatter - eine perfekte Vorlage für das, was danach kommen sollte: Die Diskussion über den Kachelmann-Prozess, in der Zeit-Autorin Sabine Rückert jede Moraldebatte abschmetterte.

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Aber der Reihe nach: Moderator Tom Schimmeck ließ sich auf dem ersten Panel von Ines Pohl, Chefredakteurin der taz, Georg Mascolo, Spiegel-Chef, sowie Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo und Hans Leyendecker von der Süddeutschen Zeitung ihre Auffassung zu den "drei Fragezeichen des Journalismus" erklären. Eine endlos scheinende Diskussion, die über die Aberkennung des Henri Nannen-Preises, Theodor zu Guttenberg bis hin zur Verleger-Klage gegen die Tagesschau-App führte. Di Lorenzo bemängelte den zunehmenden Konformismus, der in den Medien herrsche und mahnte zur Gründlichkeit und Haltung: "Die interessanteste Erfahrung in der Recherche ist, dass die Menschen nie so sind, wie man sie sich vorgestellt hat. Die größten Arschlöcher können die nettesten Menschen sein – und manchmal auch umgekehrt."

Leyendecker pflichtete dem bei und sagte, dass die Leser häufig eine Botschaft erwarteten, auch wenn die Faktenlage anders sei, wie im Fall zu Guttenberg geschehen. Er sorge sich darüber, dass die Journalisten sich heute mehr Gedanken über die Finanzierung ihrer Produkte machten, als über die Haltung, die in ihren Blättern vertreten werde. Das Problem liege bei den Verlegern. "Es müsste mal die Anzeige geben: Wir suchen den wahren Verleger." Dass die Süddeutsche Zeitung auch in die Klage gegen die Tagesschau-App involviert sei, halte er für unglücklich.

Pohl und Mascolo wurden zu ihrer Meinung über den Skandal beim Henri Nannen-Preis gefragt. Die taz-Chefin und Jurorin hatte für die Aberkennung des Preises, der Spiegel-Autor René Pfister für ein Porträt über Horst Seehofer verliehen wurde, gestimmt und begründete dies auf dem Panel mit dem Anspruch an Authentizität. Die Entscheidung, die die Jury mehrheitlich getroffen habe, sei keine Nacht-und-Nebel-Aktion gewesen, sondern in mehreren Telefonaten über das Wochenende nach der Preisverleihung diskutiert worden. "Die Frage, ob Herr Pfister in dem Keller war oder nicht halte ich genauso für wichtig, wie ein Geschäftsmodell für das Internet zu entwickeln", rechtfertigte Pohl. Mascolo sagte, dass die Tugend der Wahrhaftigkeit die wichtigste im Journalismus sei. Die Debatte darüber sei längst überfällig. Dennoch kritisierte er das Vorgehen der Jury, den Preis seinem Autoren abzuerkennen. Er hätte sich eine öffentliche, transparente Diskussion gewünscht und nicht eine hinter verschlossenen Türen.

Eine öffentliche Auseinandersetzung darüber, wie die Medien im Fall Kachelmann berichtet haben, hätte sich auch Kuno Haberbusch gewünscht. Der Chefplaner der Konferenz moderierte im Anschluss an die Moraldebatte die Veranstaltung "Kachelmann & Co. – Wenn Journalisten zu Richtern werden", konnte aber nicht alle geladenen Gäste begrüßen. Bunte-Chefreporterin Tanja May hatte die Einladung ebenso ignoriert wie Alice Schwarzer. Für Springer sollte Bild-Textchefin Tanit Koch sprechen, ließ sich aber entschuldigen, dass sie wegen des derzeitigen juristischen Streits nicht mit Kachelmanns Medienanwalt Ralf Höcker auf einem Podium sitzen könne. Somit diskutierte Haberbusch nicht gerade zimperlich mit Höcker, Medienrecht-Professor Rudolf Gerhardt, NDR-Redakteur Robert Bongen, dem Autoren der Dokumentation "Der Kachelmann-Komplex", sowie Zeit-Autorin Sabine Rückert, die zur Hauptfigur der kleinen Runde anvancierte.

Anders als es eine von Gerhardt durchgeführte Studie belege, sagte Rückert, werde die Prozess-Berichterstattung überschätzt. "Ich glaube nicht, dass ich mit meinen Artikeln Druck auf die Gerichte ausübe", so Rückert. Reinhard Birkenstock, der erste Verteidiger Kachelmanns, habe sie kontaktiert und um Unterstützung gebeten (was der Jurist anders darstellt). Daraufhin habe sie den Anwalt gedrängt, den Strafverteidiger Johann Schwenn hinzuzuziehen, der Birkenstock später im Prozess ersetzte. Mit Schwenn, mit dem sie zuvor ein Buch geschrieben hatte, habe sie während des Verfahrens keinen Kontakt gehabt. Wozu auch: "Ich wusste ja schon alles."
Zu ihren Motiven sagte die Zeit-Autorin: "Wenn Sie sehen, dass jemand von der Öffentlichkeit fertig gemacht wird und droht zu ertrinken, stehen Sie dann auf der anderen Seite des Ufers und winken ihm zu?", rechtfertigte sie ihren Schritt, sich in die Berichterstattung über den Prozess einzuklinken. Das hätte weniger mit ihrem Beruf denn mit einer menschlichen Haltung zu tun. Auch wenn der Medienanwalt das Engagement von Rückert durchaus begrüßt haben muss, sagte er in Hamburg, dass Journalisten per se nichts im Gerichtsverfahren zu suchen hätten und sollten sich dort nicht als "vierte Gewalt" einmischen. "Sie sollen beobachten und Persönlichkeitsrechte schützen", so Höcker über die Aufgabe der Berichterstatter.
Dennoch gehe es manchmal nicht anders, dass Justiz und Medien doch zusammenarbeiten, gab der Anwalt, der auch durch die TV-Sendung "Einspruch" bekannt wurde, dann doch zu. Im Fall Kachelmann habe das "Gentleman Agreement" nicht funktioniert, die Medien zur Zurückhaltung zu ermahnen. Rund 100 einstweilige Verfügungen habe er rausgeschickt. Dabei halte er es nicht für abwegig, dass man in so einem Fall auch anonym hätte berichten können, Kachelmann sei auch nur ein "einfacher Wettermoderator" gewesen, der nun prominent geworden sei.
Was nun richtig oder falsch gelaufen ist bei der Berichterstattung, und was die Medien davon lernen können, konnte aber auch diese Diskussion nicht abschließend klären. Im Gegensatz zu Höcker sagte Rückert, dass sie es für wichtig halte, dass die Medien in Mannheim anwesend waren, weil sie es dem Gericht so nicht möglich gemacht hätten, in aller Dunkelheit zu urteilen. Dennoch halte sie von Selbstverpflichtungen der Presse nichts ("Die hängen mir zum Hals raus!"), weil sich eh keiner dran halte. "Es hat keinen Sinn, die Sachzwänge sind größer", fasste Rückert zusammen.

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