Ex-Minister Otto Schily soll dapd beraten

Nein, die Investoren Peter Löw und Martin Vorderwülbecke haben ihr millionenschweres Investment in die Nachrichtenagentur dapd offenbar noch nicht bereut. Ein Jahr nach der Gründung zogen sie Bilanz – und brachten zwei Neuverpflichtungen mit. Der frühere Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) zieht in den Beirat der Agentur ein. Der Betriebswirt Leonhard Reznicek wird weiterer Vorstand der Gruppe. Die Zeichen bei dapd stehen auf Angriff: Gegenüber dem Wettbewerb, sprich Platzhirsch dpa, sinken die Preise.

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Die Agentur wolle vor allem den Zeitungen unter ihren Kunden „bei der Kostenproblematik zur Seite stehen“, sagte Miteigentümer und Vorstand Martin Vorderwülbecke. Darum sei man ab sofort nicht nur 25 Prozent günstiger als der Wettbewerb, sondern sogar 30 Prozent. Die Agentur gibt damit ein weiteres Signal an den Markt: Hallo, wir meinen es wirklich ernst mit dem Frontalangriff auf dpa. Wie MEEDIA von Marktteilnehmern erfuhr, liegt dapd bei manchen Angeboten bisweilen sogar heute schon unter den angepeilten 30 Prozent.
Miteigentümer Peter Löw nannte in seinem Ausblick gleich vier Ziele, auf die dapd Anspruch erhebe: Die Führerschaft in puncto Wachstum, Innovation, Qualität und Preis. Geld verdienen wollen die Eigentümer, wie sie in der Vergangenheit mehrfach betonten, nicht in absehbarer Zeit. Die Sprachregelung von Martin Vorderwülbecke: „Wir streben den Break-Even an.“ Intern heißt es auf Nachfrage, in vier bis fünf Jahren solle sich die Agentur, die nach Branchenschätzungen im vergangenen Jahr 30 Millionen Euro Umsatz machte, vielleicht selber tragen. Löw und Vorderwülbecke sagen offiziell, die Investitionen in dapd seien ein Beitrag zur Meinungsvielfalt in der deutschen Presse.
„Wir erreichen 85 Prozent der tagesaktuellen Medien in Deutschland“, sagte Chefredakteur und Geschäftsführer Cord Dreyer. Nicht alle diese Kunden beziehen aber den kompletten dapd-Basisdienst. Auf Kundenseite nannte Dreyer die Münchner Abendzeitung, die von dpa zu dapd wechselt, die WAZ-Gruppe, die gerade einen Verlängerungsvertrag unterzeichnet habe, und die Axel Springer AG, die kürzlich wieder als Kunde zurückgewonnen werden konnte.
Es seien nach wie vor viele Verträge umzustellen, sagte Dreyer. Hintergrund: dapd entstand als neue Agentur aus ddp und AP Deutschland. Eine erkleckliche Zahl von Kunden sind noch keine dapd-Kunden, sondern haben Altverträge entweder mit ddp oder AP Deutschland. Die Signale der Kunden wertet Dreyer aber als „sehr positiv“.
Auf dem Zettel stehe die Erschließung neuer „komplementärer“ Geschäftsfelder wie die Belieferung von Verbänden, Unternehmen und Internet-Dienstleistern mit Nachrichten, sagte Löw. Eine Expansion im Ausland stehe ebenso an. Im Mai bestätigte dapd Verhandlungen um den Einstieg bei der französischen Fotoagentur Sipa Press.
Der neue Vorstand Leonhard Reznicek ist für Löw und Vorderwülbecke ein alter Bekannter. Reznicek hat für die Investorengruppe Arques AG, die Löw und Vorderwülbecke einst gegründet hatten, eine Reihe von Projekten geleitet. Heute ist Reznicek Partner der Core GmbH in Starnberg, die sich auf Restrukturierungen von Unternehmen spezialisiert hat. Peter Löw ist inzwischen Vorsitzender des Aufsichtsrates der Gigaset AG, der ehemaligen Arques Industries AG, deren Geschichte vermutlich ein eigenes Buch füllen würde.
Für Löw und Vorderwülbecke ist dapd auch abseits der Gewinnzone eine Erfolgsstory. 2004 hatten sie ddp aus der Insolvenz übernommen und schrittweise ausgebaut. Die Zahl der Mitarbeiter sei im Vergleich zum Vorjahr um 40 Prozent gestiegen, die Zahl der Standorte wuchs um zehn auf 32. Erst kürzlich wurde ein vollwertiger Sportdienst in Betrieb genommen, der vor allem den Sport-Informationsdienst (sid) in Bedrängnis bringen könnte.
Und was ist mit dem Marktführer dpa? Nach anfänglichen Verbalattacken („Wir wollen dpa verzichtbar machen“) gibt sich die Führungsriege von dapd nun etwas geschmeidiger. Die juristischen Rangeleien zwischen den Konkurrenten sind zunächst ad acta gelegt. Ganz ohne Sticheleien, auch wenn sie nur nonverbal und symbolisch sind, geht es aber offensichtlich nicht. So dürfte es kein Zufall sein, dass sich ausgerechnet am Dienstag auch die Gesellschafter der dpa in Berlin trafen, um über die künftige Strategie der führenden deutschen Nachrichtenagentur zu sprechen.
Dem neuen Beirat Otto Schily „imponiert“ derweil das „gesellschaftliche Engagement“ der Investoren. Bisher saßen der ehemalige Bayernkurier-Chef Wilfried Scharnagl und Ex-ZDF-Intendant Dieter Stolte in dem Gremium, das die „Unabhängigkeit und Neutralität“ der Agentur wahren soll. Er freue sich auf Schily, sagte der CSU-Mann Scharnagl. Man könne sich doch mal zum Skat mit Stolte treffen. Schily winkte aber ab: „Das Risiko werde ich nicht eingehen.“

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