„Eklat“ um nicht gedrucktes Focus-Interview

Verkehrte Welt: Normalerweise gibt es immer dann Ärger, wenn Politiker-Interviews geführt wurden und sie es wegen einer weichgespülten Autorisierung doch nicht ins Heft schaffen. Jetzt gibt es Streit um ein nicht gedrucktes Focus-Interview mit Renate Künast. Nicht, weil die Fraktionsvorsitzende der Grünen zu zickig bei der Autorisierung war, sondern weil das Magazin das Gespräch aus dem Blatt nahm. Die Grünen halten dies für einen "Eklat". Überhaupt dürfte ihnen der Titel "die Entzauberung der Grünen" wenig gefallen.

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Beim klassischen Fall, also wenn Redaktionen sich weigern ein Politiker-Gespräch zu drucken, gibt es stattdessen dann im Editorial die Erklärung, warum man sich zu diesem Schritt gezwungen sah. Auch das ist diesmal anderes. Denn im aktuellen Fall veröffentlichte Fraktions-Pressesprecher Michael Schroeren einen Text auf der Partei-Website, in dem er das Fehlverhalten des Focus anprangert.

Der Kommunikator erzählt, wie er am Freitagabend einen Anruf des verantwortlichen Focus-Redakteurs bekam, der ihm erklärte, dass das Gespräch aus dem Heft geflogen sei, weil es – laut Schroeren – zu langweilig, glatt und ungeeignet gewesen sei. Der Anruf soll dem Redakteur "offensichtlich unangenehm" gewesen sein. Der Grünen-Sprecher hält diesen Vorgang schlicht für einen "Eklat".

Allerdings verschweigt Schroeren auch, dass für seine Partei der Abdruck des Gespräches auch deshalb wichtig gewesen wäre, um in der offenbar Grünen-kritischen Titelgeschichte einen eigenen Kontrapunkt zu setzten.

Das aktuelle Focus-Cover

Schroeren schreibt empört, dass es keinen Streit über die Freigabe des Interviews gegeben hätte. "Wir hatten sämtlichen Änderungs- und Kürzungswünschen der Redaktion ohne Diskussion zugestimmt." Am Ende hätte eine Interview-Fassung gestanden, über die sich beide Seiten einig waren. "Ein abgestimmtes Interview, das ohne nachvollziehbare Begründung aus dem Heft geworfen wird: Das ist mehr als ein starkes Stück, das ist ein beispielloser Affront."

Die Diskussionen mit dem Nachrichtenmagazin zogen sich den gesamten Freitagabend noch hin: "Im weiteren Verlauf des Freitagabends gab es aus München übrigens drei neue Vorschläge: Erst hieß es, man könne ja Zitate aus dem Interview in den Redaktionstext einbauen. Dann hieß es, das Interview könne bei ‚Focus Online‘ erscheinen." Vor allem den Web-Vorschlag hielt Schroen für "keine gute Idee". Denn: "So schlecht finden wir unser Interview nicht, dass es gleich die Zweitverwertung verdient hätte."
Der Focus kann die Aufregung nicht verstehen. „Als die FOCUS Chefredaktion entschieden hat, das Interview mit Renate Künast nicht abzudrucken, haben wir in den normalen Spielräumen der redaktionellen Freiheit agiert", sagt Chefredakteur Uli Baur gegenüber MEEDIA. " Änderungen bis zum Redaktionsschluss sind bei einem wöchentlichen Nachrichtenmagazin Usus. Vor allem, wenn ein Wortlaut-Interview, wie bei Frau Künast und ihrem Pressesprecher geschehen, im Nachhinein in seiner Aussage stark verändert wird.“

Am heutigen Montag liegt nun also der Focus mit dem Titel "Die Entzauberung der Grünen" am Kiosk. Die Ausgabe enthält jedoch keine Zitate von der Fraktionsvorsitzenden. Dafür hat die Partei das fertige Interview komplett auf ihrer Homepage veröffentlicht.

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