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Über Nacht zum Frauenfußball-Märchenland

Deutschland ist auf dem besten Wege nach 2006 schon wieder ein Fußball-Sommermärchen zu erleben. Nur heißen die Stars diesmal nicht Franz Beckenbauer, Jürgen Klinsmann und Michael Ballack, sondern Steffi Jones, Silvia Neid und Fatmire Bajramaj. Frauenfußball ist über Nacht zum Massenphänomen mutiert. ARD und ZDF übertragen alle Spiele, es gibt Fan-Meilen und Werbeverträge. Die Zeit als Frauenfußball in den Medien als Randsport für Mannsweiber verschrien war, scheinen vorbei.

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Es ist wahrscheinlich ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren, die dafür sorgen, dass die Frauen-Fußball-WM in Deutschland tatsächlich so etwas wie einen Wendepunkt für den Sport markiert. Der erste und wichtigste Punkt ist die Mannschaft und ihr Umfeld. Steffi Jones hat noch nicht ganz den Lichtgestalt-Status von Fußball-Kaiser Franz Beckenbauer erreicht – aber so etwas dauert eben selbst in unserer schnell drehenden Medien-Republik ein wenig länger. Trotzdem ist die ehemalige Spielerin und jetzige Präsidentin des Frauen-WM Organisationskomitees eine würdige Botschafterin für einen Frauen-Fußball, der in jeder Beziehung sportlich und attraktiv ist.

Bundestrainerin Silvia Neid ist eine resolute Person mit Autorität und Charisma und die jungen Spielerinnen taugen allemal als Vorbilder und Poster-Vorlagen für Mädchen-Zimmer. Einige davon, wie Fatmire Bajramaj oder Célia Okoyino da Mbabi bringen auch ethnische Farbtupfer in eine bunte Mannschaft aus attraktiven, sportlich erfolgreichen jungen Frauen. Die Frauen-Nationalmannschaft ist so ein Pendant zur Männer-Mannschaft. Auch dort sorgen junge Spieler wie Mesut Özil für den frischen Wind. Nun gibt es für die Frauen alles was es bei den Männern auch gibt: Fan-Meilen mit Großbild-Leinwänden und Wurstbuden, ausverkaufte Stadien, massenweise öffentliches Interesse und sogar ein Panini-Sammelalbum. Vor allem letzteres zeigt, dass es den Vermarktern diesmal wirklich ernst ist mit dem Frauen-Fußball. Sogar ihm ARD-Premiumprodukt “Tatort” wurde eine Frauenfußball-Folge mit Gastauftritten von Célia Okoyino da Mbabi und DFB-Präsident Theo Zwanziger zusammengeschustert. Der Wille ist erkennbar da.

Warum gerade jetzt? Ein pragmatischer aber nicht unwesentlicher Grund dürfte sein, dass Fußball weltweit populärer ist als jemals zuvor und sich auch Frauen immer mehr für den Sport begeistern. Die Nachfrage nach der Ware Fußball ist derart gewachsen, dass Sponsoren und Medien nach einer Ausweitung des Angebots lechzen. Und da die Männer-Nationalelf immer nur im Zwei-Jahres-Rhythmus zu einer WM oder EM aufläuft, passt es ganz gut, wenn die Frauen-Mannschaft die Lücken füllt.

Einige Kritik gab es, als sich einige Spielerinnen für den Playboy auszogen oder in einem Werbe-Sport für die Technik-Kette expert auf dem Spielfeld plötzlich die Schminke rausgeholt haben. Diese Kritik ist nachvollziehbar aber auch unfair. Was sollen sie denn machen, die Frauen-Fußballerinnen? Wenn sie mit dicken Beinen über den Platz walzen sind sie in der öffentlichen Meinung “Mannweiber” und “Kampflesben”. Zeigen sie sich sexy und weiblich, dann tappen sie in die “Klischee-Falle” oder werden als “Schmink-Tussis” bezeichnet.

Dabei ist Shampoo-Werbung mit Michael Ballack oder Telefon-Werbung mit dem Kaiser keinen Deut weniger dämlich und auch die männlichen Spieler-Stars werden (Dusch-Szenen!) zu einem Gutteil über ihren Körper verkauft. Man kann auch verstehen, dass die weiblichen Spieler sich freuen, endlich von Medien und Sponsoren die Aufmerksamkeit zu bekommen, die ihnen jahrelang versagt wurde.

Ist der nun also alles primabella im deutschen Frauenfußball-Märchenland? Abwarten. Ob die Damen für genauso spannende und emotionale Momente auf dem Platz sorgen können wie jüngst die Herren in Südafrika, müssen sie erst noch beweisen. Die Aufmerksamkeit ist nun da, aber auch der mediale Druck. Ob die Frauenfußball-WM im eigenen Land wirklich ein dauerhafter Wendepunkt für den Sport ist oder nur wieder ein medial angeheiztes Strohfeuer, wird sich erst nach der WM zeigen. Nämlich dann, wenn sich immer mehr Mädchen in den Fußballvereinen anmelden, mitkicken und vor allem dabeibleiben. Dem Sport wäre das zu wünschen.

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