Steingarts sehr verspätetes Antritts-Interview

Ein Wochenrückblick voller Interviews. Handelsblatt-Chefredakteur Gabor Steingart gab der w&v ein Interview, das sich in Teilen las, als hätte er seinen Job gerade eben erst übernommen. Mathias Döpfner sagte dem manager magazin, dass zu Apple einer Art Hassliebe empfindet. Und bereits vorige Woche ging der Interview-Krieg zwischen Jörg Kachelmann und seiner Ex-Geliebten weiter und zeigte, dass man sich Scoops heutzutage auch mit Parteilichkeit verschaffen kann.

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Kaum ist man mal eine Woche weg, da bricht eine Art Interview-Krieg zwischen Jörg Kachelmann und seiner Ex-Geliebten aus. Die Frau, die im Vergewaltigungsprozess als Nebenklägerin auftrat, schlug in Bunte gegen Kachelmanns Zeit-Interview zurück. Da hatte dann also auch die Bunte ihren Interview-Scoop – vermutlich teuer bezahlt. Man kann davon ausgehen, dass sich sowohl Zeit als auch Bunte mit den jeweiligen Interviews ausgezeichnet verkauft haben. Egal, wie man zu den Geschichten und den Aussagen der Beteiligten stehen mag – beide Geschichten waren Kiosk-Knaller, die viele Medien mit Handkuss genommen hätten. Da schlagen sich Medien in einem Prozess gnadenlos auf eine Seite – die des vermeintlichen Opfers oder die des vermeintlichen Täters – und lassen jede Zurückhaltung und jedes Bemühen um Neutralität fahren – und am Ende wird jede Seite mit exklusiven Interviews der jeweiligen Prozess-Partei belohnt, die sie unterstützt hat. Der alte Spruch von Hanns Joachim Friedrichs, dass sich ein Journalist mit keiner Sache gemein machen soll ("… auch nicht mit der besten!") ist offenbar erschreckend unmodern geworden.

Handelsblatt-Chefredakteur Gabor Steingart hat der werben & verkaufen in dieser Woche ein bemerkenswertes Interview gegeben. Er wolle das Handelsblatt zu “neuer Blüte” bringen, sagte er. Er habe den Druck auf die Redaktion erhöht, sprach von einem "Willen zur Exzellenz”, den er der Redaktion abverlangen müsse, was für viele dort ein “Kulturwandel” sei. Den “Aufbruch in die Digitale Welt” will er organisieren undsoweiter undsoweiter. Wie lange ist Gabor Steingart jetzt eigentlich Chef beim Handelsblatt? Zwei Wochen? War das sein Antritts-Interview? Ach nee! Der macht den Job ja schon seit Mitte 2010, also seit rund einem Jahr. Sollte man da nicht etwas Handfesteres vorweisen können, als Schimpfe für die eigene Redaktion und die Vorgänger sowie wolkige Ankündigungen von “digitaler Marktführerschaft”? Schauen wir kurz auf die Fakten: Da hat sich seit einem Jahr der Einzelverkauf des Handelsblatts um 18 Prozent nach unten bewegt, die Zahl der Abonnenten ist um sechs Prozent gesunken. Die wabbeligen “sonstigen Verkäufe” sind dagegen um 14 Prozent gestiegen. Im November 2010 interviewte Steingart seinerseits den Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner und ließ sich von dem den künftigen Siegeszug des Paid Content im Internet erklären. “Deswegen gibt es im Supermarkt auch nichts umsonst, weder die Butter noch die Plastiktüte”, schlussfolgerte Steingart. Für die Handelsblatt First iPad App wollte Steingart dann folgerichtig ab Mai 2011 knapp 12 Euro pro Monat kassieren. Es blieb bei der Ankündigung. Handelsblatt First gibt es immer noch gratis. Steingarts Erklärung im Interview: "Sonst würden viele Menschen Handelsblatt First nie entdecken können." Was war nochmal mit der Butter und den Plastiktüten in Supermarkt?

Mathias Döpfner wurde in dieser Woche erneut interviewt. Diesmal von Klaus Boldt vom manager magazin. Sein Spruch, man solle als Verleger jeden Tag auf die Knie fallen und Apple-Chef Steve Jobs dafür danken, dass der mit dem iPad die Verlage gerettet hat, schaffte es zumindest hierzulande zu einiger Berühmtheit. Jetzt sagte Döpfner dem manager magazin, dass ihn mit Apple eine “Hassliebe” verbinde. Er meint damit wohl, dass Apple aus den Zugangsbedingungen zu seinem App-Store kein Wunschkonzert für die Verlagswelt gemacht hat. Warum sollte Jobs das auch tun? Im Gegensatz zu den Verlagen hat er mit seiner Firma ein reinrassiges Pay-Geschäftsmodell: Er verkauft Geräte, die Kunden gefallen. Auf seinen Kniefall-Spruch habe Jobs im übrigen nie reagiert, sagte Döpfner pseudo-devot: “Ich bitte Sie, was jemand aus dem kleinen Deutschland sagt, liegt doch weit unter dem Wahrnehmungshorizont eines Steve Jobs.”

Noch was Interessantes stand diese Woche im manager magazin: die Geschichte mit dem Streit im Hause WAZ um Geheimverträge, die zwischen Gisela Holthoff und ihrem Sohn Stephan Holthoff-Pförtner und der Brost-Gruppe geschlossen wurden. Jahrelang war die WAZ-Gruppe und ihre Kommunikationsabteilung eifrig bemüht, dass die Geschichten von den beiden zerstrittenen Familienstämmen, denen die WAZ gehört und die den Konzern im Dauerstreit lähmen, ad acta gelegt werden können. Jetzt also wieder ein zünftiger Familienkrach im Hause WAZ. Manche Dinge sind eben doch eine neverending story.

Schönes Wochenende!

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