Veras Kadaver-TV: Nase zu und durch

Eine zugemüllte Wohnung, ein Hunde-Kadaver und ein Maden-Haufen: Nach dem Motto "Nase zu, Augen auf" zeigte RTL am Montag die neue Dokusoap "Mietprellern auf der Spur" mit Vera Int-Veen. Die 43-Jährige war in Folge eins darauf abgestellt, den Mieter des Ehepaars Voigt zu stellen und die Baustelle zu beseitigen. Vom Brechreiz-Horror zum Märchen-Finale inklusive Aussöhnung mit reumütigem Messie: RTL lieferte beim Mietnomaden-Report vor allem einen Haufen Sozial-Kitsch – den räumte leider niemand weg.

Anzeige

Die Idee ist ja gar nicht schlecht: Die RTL-Sendung will zeigen, wie Immobilieneigentümer hierzulande um ihre Altersvorsorge gebracht werden. Die Mieten werden nicht mehr gezahlt, die Wohnung wird verschandelt, das Mobiliar zerstört und der verantwortliche Messie hat sich aus dem Staub gemacht. Bilder von 60 Quadratmeter Müll, Ungeziefer und Dreck lassen nicht nur den schockierenden Zuschauer mit offenen Mund und Brechreiz zurück.
"Nase zu und durch den Mund atmen", war die Ansage von Int-Veen, als sie mit dem geprellten Ehepaar Voigt die Wohnung betrat. "Nichts anfassen!" Da lag ihre Altersvorsorge – in Schutt und umweht vom Gestank eines Tierkadavers. "Mehr als Horror", brach es aus Holger Voigt heraus, während seine Frau kameratauglich mit dem Brechreiz kämpfte. Mindestens 20.000 Euro müssten investiert werden, um die Bruchbude komplett zu sanieren und wieder wohntauglich zu machen, wird ihnen ein Sachverständiger bescheinigen und nüchtern feststellen: "Der Wert dieser Immobilie liegt aktuell bei null Euro." Der finanzielle Ruin für die Voigts.
Doch dabei soll es nicht bleiben: Der Verantwortliche soll gestellt werden. Int-Veen macht sich mit einem Privatdetektiv auf die Suche nach Mieter Telmo. Die Hausbewohner kennen den jungen Erwachsenen nicht oder haben ihn lange nicht gesehen. Das Einwohnermeldeamt hat ihn nicht mehr registriert. Nur auf der Straße ist Telmo bekannt, er soll öfter in diesem Café abhängen. Und Trommelwirbel: Da trifft das RTL-Team den Wohnungslosen auch an.
Der auf Gangster getrimmte Telmo droht damit, durchzudrehen, wenn die Kamera nicht ausgestellt werde. Kein Grund für Int-Veen, mit ihren hartnäckigen Fragen aufzugeben, die dann eben nicht mehr dokumentiert werden. Denn das wäre mitunter die wichtigste Szene der Doku-Soap gewesen: Wie kriegt die RTL-Dame den Mietpreller dazu, sich seinen Vermietern zu stellen? Mit welchen Mitteln lockt sie den nun drogenabhängigen jungen Mann aus der Reserve? Spätestens an dieser Stelle droht der totale Glaubwürdigkeitsverlust: Was ist real, was ist gescripted rund um diesen Haufen Müll in der Etagenwohnung?
Denn dass Telmo sich Ehepaar Voigt in einem Gespräch stellt, sich entschuldigt, die Voigts auf eine Strafanzeige verzichten und sich die Streitparteien am Schluss gegenseitig ob ihrer Situation bemitleiden, wirkt letztlich nur schlecht erfunden. Dass der Mietpreller am Ende noch bei der Renovierung mit anpackte, setzte dem Ganzen die Krone auf. Der Kredit der Voigts konnte umverteilt werden, und Telmo und seine Gang halfen sogar reumütig bei der Renovierung.
Alles zu schön um wahr zu sein, was RTLs Herzensdame Vera Int-Veen – sonst bei "Schwiegertochter gesucht" oder "Helfer mit Herz" im Einsatz – da präsentiert, um einem Ehepaar aus der Misere zu helfen und sich selbst als Superwoman darzustellen. Innerhalb einer Stunde Sendezeit verkehrt sich der sichere Ruin zur positiven Zukunftsperspektive, mendelt ein verkorkster Messie zum Gutmenschen. Bei einem solchen Erzählbogen dürfte das Drehbuch der Doku kräftig auf die Sprünge geholfen haben. Das Format profitiert davon nicht: Veras Mieter-Märchen bleibt platt und konstruiert. 

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige