Bellut und RTL: von Königen und Bauern

Dass ZDF-Intendant Thomas Bellut RTL ein fragwürdiges Menschenbild vorwarf, wird man beim Marktführer als markig-erste Spur in seiner neuen Rolle verstanden haben. Oder als Pfeifen im Wald. Als internes ZDF-Gewächs hat Bellut keine leichte Aufgabe vor sich. Unterhalb der Oberfläche von Sachaspekten muss er Veränderungen innerhalb der eigenen Organisation anregen. Öffentliche Abwertungen der Konkurrenz oder das Schrauben am Programm alleine werden für erfolgreiche Führung nicht genügen.

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Bevor die Zeiten modern wurden, damals, als man Zuckerberg noch für eine Ansammlung Diabetiker-feindlicher Substanzen hielt, galt das ZDF als eine jener deutschen Eichen, an welcher Privatsender sich rieben, ohne dass es wirklich störte. Man führte im Wettbewerb mit der ARD einen übersichtlichen Markt, und die Programme beider Dampfer boten genügsamen Zuschauern wenige, aber klare Andockpunkte für Identifikation. "Tatort", "Derrick", die "Tagesschau" und die über Jahre guten Politmagazine der Öffentlich-Rechtlichen hatten Qualität und Fans und genossen historisch die Gunst eines Umfeldes, in welchem Deutschland in Veränderungsprozessen und Autoritätskonflikten erwachsen wurde. Große Kabarett-Abende erlebten Zuschauer nur beim Monopolisten ARD. Das aktuelle Sportstudio galt gegenüber der Sportschau als moderne Kultsendung und die Valeriens der Welt waren kantige Typen.
Die Zeiten waren übersichtlich.
Würde man heute nach der rückblickend größten Leistung der Telekom gefragt, hieße die Antwort: die Verpflichtung Manfred Krugs beim Börsengang und das Symbol zweier zu einem T geformter Hände. Mit Thomas Gottschalk als Manfred Krug von "Wetten dass..?" band das ZDF einen schillernden und dennoch orthodoxen Moderator für ein großes Unterhaltungsformat, das Stars und Wetten als emotionale Spitze von Unterhaltung verkaufte und doch seinen jahrzehntelangen Erfolg zunehmend mehr aus Tradition generierte als aus Innovation.
Als vor vielen Jahren die Privaten in den Markt kamen, sahen sich die traditionell trägen, gebührenfinanzierten Senderschiffe schnell einem Wettbewerb gegenüber, in welchem alte Regeln und traditionelle Strategien zunehmend nicht mehr taugten. Das Angebot für Zuschauer-Identifikation wurde in nur wenigen Jahren breiter und breiter. Pfründe und sichere Bänke gingen verloren, und das redundante Mantra der Kritik an Trash und moralischer Insuffizienz der privaten Wettbewerber war als Kern der Gestaltung eigener Veränderungsprozesse viel zu dünn. "Wir sind die Guten!" reichte nicht mehr. Die Zuschauer liefen den Öffentlich-Rechtlichen weg. Warum?
Die Antwort liefert Hannibal Lecter in "Das Schweigen der Lämmer", als er der verzweifelten FBI-Agentin Clarice Starling in der Sackgasse ihrer Suche nach dem Frauenmörder und Serienkiller sinngemäß den entscheidenden Tipp gibt: "Er mordet, weil er begehrt. Und wie beginnt man zu begehren? Was begehrt man, Starling? Denken Sie nach! Man begehrt, was man sieht."
Die Zuschauer begehrten, was sie sahen. Und bei den Privaten sahen sie vieles, was bei den öffentlich-rechtlichen Anstalten aus Gründen von Moral, Ethik und reiner Lehre nie die Schneideräume betreten hätte. Über Jahre argumentierten ARD und ZDF mit alten Glaubenssätzen aus der Position eines Steaks, anstatt zu realisieren, dass sie in vielen Programmsegmenten drohten, zu Mainzer Würstchen zu degenerieren. Das Steak, das waren plötzlich die anderen. Schneller, moderner, beweglicher. Sie bewegten sich nicht im Tempo einer TV-Behörde, sondern unter werbefinanziertem, wirtschaftlichen Druck von Unternehmen. Sie hatten Power, waren hungrig und nahmen sich jene Freiheiten, die verstaubte Vorkriegsmoral und die satte Verwaltermentalität von ARD und ZDF nie für möglich gehalten hätten. Natürlich überschritten sie ethische Grenzen. Aber: Die Dickschiffe kamen an vielen Stellen nicht mit.
Es ist nicht so, dass ARD und ZDF grundsätzlich schlechter geworden wären. Sie machten einfach weiter wie gewohnt. Allein, der nötigen Veränderungsgeschwindigkeit hatten sie über Jahre wenig entgegenzusetzen. Es ist für "junge Organisationen" viel leichter, erfolgreich erwachsen zu werden, als für alteingesessene, betagte Ex-Marktführer aus der Zähigkeit jahrzehntelang eingeschwungener unbeweglicher Routinen heraus wieder jung und lebendig zu werden.
So prägen bis heute die Privaten in vielen Segmenten über Jahre den Markt: Sat.1 scriptete mit Barbara Salesch die Mutter der Gerichtsshows. Die junge Vera Int-Veen läutete vor Jahren die Ära neuer Nachmittags-Programmfenster ein, in denen sich soziale Randgruppen entblößten. "Ran" revolutionierte in junger Frische eine verstaubte Sportberichterstattung, während ein "Aktuelles Sportstudio" von den schrägen Töpperwiens und kantigen Valeriens zur getriebenen Hektik eines Poschmanns und der belanglosen Langeweile einer Kathrin Müller-Hohenstein degenerierte.
Kabarett und Comic gingen in die Hände der Privaten über und haben an den Öffentlich-Rechtlichen vorbei neue Sub-Genres geschaffen. Neben Überflüssigem und einer ganzen Menge an Schrott gebaren sie große Comedy-Figuren: Bastian Pastewka, Anke Engelke – selbst ein Harald Schmidt mit seinen genialen Late Night-Fähigkeiten – wurden unter den Fittichen von Matthias Alberti bei Sat.1 erwachsen. Vieles rauschte vorbei an ARD und ZDF: Während beide Player den Spielstand kommentierten, schossen andere auf dem Platz die Tore.
Der Weg zum Marktführer
Belluts Kritik galt wesentlich RTL und weniger den Versäumnissen des eigenen Hauses: Doch RTL als Marktführer ist viel mehr, als nur Zielscheibe für (auch berechtigte) Menschenbild-Kritik: Betrachtet man TV physikalisch neutral als einen Kanal, welcher der Bindung von Zuschauerinteresse dient, so weiß man, dass Bindung stets vordringlich ein emotionaler Prozess ist. Erfolgskritisch ist also, ob das gesamte Spektrum von Gefühl effektiv transportiert werden kann – auch Unangenehmes, Peinliches, Verzweifeltes, Ausgrenzendes und Trauriges.
Mehr als jeder andere Sender im deutschen TV Markt hat RTL den Markt in der Fläche geprägt, Trends gesetzt und zum richtigen Zeitpunkt das Richtige getan. Als Boxen in Deutschland seinen Hype erlebte, war es RTL, das mit Maske, Klitschko und Co. und Werner Schneyder als Kommentator spürbar den Trend setzte.
Als die Formel 1 Perspektive bot, war es RTL, das Richtung und Tempo bestimmte und Michael Schumacher oder aktuell Sebastian Vettel – trotz der unglückselig langweiligen Florian König und Heiko Waßer – auf die Treppchen begleiteten und so die Identifikation der Motorsportbegeisterten an den Sender band.
Denkt man zurück an Wimbledon, sind Boris, Steffi und die Filzkugel in der Erinnerung mehr mit der Nonchalance eines Ulli Potofski und RTL verbunden, als mit dem hölzernen Volker Kottkamp oder dem nuschelnden Hansjürgen Pohmann einer ARD.
RTL reanimierte als Trendsetter mit "Wer wird Millionär" zum exakt richtigen Zeitpunkt Quiz-Shows aus der vertaubten Robert-Lembke-Ecke wieder und wählte mit Günther Jauch darüber hinaus ein Sendergesicht als Anchorman, der mit seiner Normalität Garant für ein sehr breites Spektrum an Zuschauer-Identifikation war. Jauch selbst verantwortete über Jahre innerhalb einer Programmwoche mit WWM und Stern TV sehr erfolgreich gleichzeitig Formate aus ganz verschiedenen Ecken eines breiten Spektrums. Allein dies ist eine Leistung, auf die kaum jemand im deutschen TV zurückblicken kann.
Als Sangeswettbewerbe noch den Staub der müden Nachkriegszeit trugen, brauchte es die Energie des Privatsendergesichtes Stefan Raab, um mit und für die ARD einen Wettbewerb von der Intensivstation zu kratzen, der lange schon nur noch in Ralph Siegel-Rentnerbildern vor sich hin dümpelte.
Selbst hier bildete die intendierte Abgrenzung zum Marktführer RTL die eigentliche Orientierung: Lange schon bot DSDS mit der intelligent gewählten und perfekt vermarkteten Reizfigur Dieter Bohlens die wahre Bühne für jenen Erfolg, der unter der Überschrift von Casting- und Sangeswettbewerben quotentechnisch möglich war. Und unterhalb angemessener Menschenbild-Betrachtungsweisen sind DSDS und das "Supertalent" Trendsetter als Identifikationsmaschinen für Zuschauerbindung und Quote.
Ob man Zwegat, Rach, Saalfrank und Co. nun mag oder nicht: Das Genre sogenannter Coaching-Formate im deutschen TV hat seine Lebensfähigkeit auf der Bühne von RTL entwickelt. Wenn die Frage zu beantworten wäre, welche News-Anchormen in der Wahrnehmung besondere Präsenz genießen, Peter Kloeppel landete sicher auf dem Treppchen. Auch Kloeppel bietet für seine Rolle in der Außenwirkung die optimale Mischung von Glaubwürdigkeit, Kompetenz, Vermeidung von Extremen bei punktuellen Ansätzen humoristischer Lockerheit.
Ein hoch strittiges und teures Format wie das "Dschungelcamp" gegen öffentliche Widerstände zu installieren, es trotz des Erfolges in Zeiten der Weltwirtschaftskrise aus Kostengründen aus dem Portfolio zu nehmen und zum richtigen Zeitpunkt wieder zu beleben, sieht leichter aus, als es in der Tat ist. Und auch, wenn "Hesselbachs" und "Lindenstraße" ARD-Kult waren: Die Spitze aller Vergleichsformate wird seit Jahren von GZSZ gehalten. Zufall?
Diese unvollständige Sammlung von Belegen einer Entstehung von Marktführerschaft zeigt: Die Wahrheit ist, RTL hat über Jahre an überprüfbar vielen Stellen mit den richtigen Entscheidungen und den richtigen Personen das Richtige getan. Präziser, häufiger und in der Breite stabiler als alle anderen deutschen Wettbewerber. Das ist kein Zufall. Das ist Management von Erfolg und Unternehmen auf einem anständigem Niveau.
Von Bauern und Königen
In der letzten Woche hat RTL die diesjährigen Protagonisten eines weiteren Erfolgsformates vorgestellt – "Bauer sucht Frau". Die Menschenbild-Kritiker können bereits ihre Speere spitzen, wahrscheinlich mit Recht. Auch ein Bellut kann nachladen. Gefeuert wird im September. Dabei ist der Erfolg des Formates einfach zu erklären: In Zeiten von Weltwirtschaftskrisen, uniformen Politikern ohne persönlichen Identifikationsfaktor, in Zeiten sozialer Gaps, von Griechenland und Eurozone, in Zeiten der Virtualisierung von Kontakt und Beziehung via Facebook und Co. wollen Menschen Einfaches. Sie wollen Übersichtliches, wollen "Gut" und "Böse", Glücksversprechen, Abziehbilder. Wollen andere sehen, die es noch ein wenig schlechter getroffen haben als die Zuschauer selbst. Und: für die es trotzdem gut werden kann. Die irgendwie eine Idee von Glück und Frieden finden, ohne Aufwand. Einfach so. In Zeiten, in denen immer klarer wird, wie wenig Einfluss Menschen wirklich auf den Gang  "der Dinge" haben, müssen die Dinge einfacher werden. Zumindest müssen sie einfacher aussehen dürfen. RTL nutzt dieses Phänomen ebenso plakativ wie konsequent, doch die Ursachen für die Resonanz liegen weitab von TV und Format in Aspekten der Veränderung unserer Zeit. Sie liegen in einem spürbaren, undifferenzierten Verlust von Beziehung und innerer Heimat.
Man mag fragen, wo genau eigentlich der Unterschied zwischen "Bauer sucht Frau" und der senderübergreifend flächendeckenden Ausstrahlung anderer Randgruppen-Hochzeits-Events liegt? Hier die soziale Bauernriege, dort mit Royal-Weddings eine  Minderheit am anderen Ende der Skala des sozialen Spektrums. Und beidseitig:  lebensfernes Aufblättern zweier gescripteter Poesie-Alben voller Projektionen und Vorurteile. Beide unterscheiden sich voneinander genau so, wie sie sich gleichen.  Hier Rolf Seelmann-Eggebert, den es nach Völkerrechts- und  Ethnologie-Studium in die ethnische Minderheit englischer Königshäuser spülte. Und dort Inka Bause als ehemalige "Zonen-Amsel", die kulturhomogen ihre Bauern anpreist, als sollte eine Herde schwachsinniger Zuschauer bei einem Homeshopping Sender Umsatzrekorde realisieren. "Bauer sucht Frau" ist Royal Wedding von unten. Mit dem Format "Land und Liebe" haben die Öffentlich-Rechtlichen im NDR 2006 übrigens bereits einmal versucht, ein Pendant zu "Bauer sucht Frau" erfolgreich auf die Straße zu bringen.
König Thomas Bellut als internes ZDF-Gewächs braucht eine ganze Reihe differenzierter und tragfähiger Antworten auf seine neue Führungsaufgabe. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Und: Das wird nicht ganz leicht als Chef einer Organisation im Gefängnis eigener Geschichte und langjährig zäher Routinen.
Menschenbild-Attacken auf den Marktführer RTL mögen einer ersten Positionierung Belluts helfen. Das eigentliche Problemfeld berühren sie nicht. Vieles mag bei RTL grenzwertig und manches zweifelhaft sein. Die Marktführerschaft selbst allerdings ist es nicht. Solange die Wettbewerber weiterhin – mit aller möglichen, inhaltlichen Berechtigung- Moral und Menschenbilder bemühen, kann Anke Schäferkordt sich entspannt zurücklehnen und darauf warten, dass die Senderverantwortlichen des Wettbewerbs damit beginnen, ihren Job zu machen. Pfeifen im Wald und ethische Manöverkritik aus Elfenbeintürmen helfen in dieser Frage ebenso wenig wie kraftlose Standard-Verweise auf Programmauftrag und Qualität.
Wäre Qualität allein das Maß, hätten vor Jahrzehnten asiatische Autos nie den deutschen Markt besetzen können. Und gerade für junge Zuschauer liegt Qualität sehr wesentlich in Aspekten spürbarer Lebendigkeit. Neben einem Wandel seiner Organisation in vielerlei Fragen  könnte hier für Thomas Bellut ein zentrales Handlungsfeld liegen.
Mehr über den Autor: www.leadership-academy.de

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