RTL befördert „fragwürdiges Menschenbild“

Im ersten großen Interview nach seiner Wahl zum Nachfolger von Markus Schächter hat sich der designierte ZDF-Intendant Thomas Bellut in einem Spiegel-Gespräch über seinen künftigen Kurs geäußert. Der 56-Jährige redet unmittelbar nach seiner Kür am Freitag Klartext, spricht über strategische Fehler beim Zweiten, seine Traumformate, die Zukunft von "Wetten, dass..?" und geht mit dem Marktführer RTL hart ins Gericht. MEEDIA dokumentiert die wichtigsten Aussagen.

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Thomas Bellut über

– sein Rollenverständnis: "Ein Intendant ist wie ein Gärtner: Er fördert das, was wächst. Ehrlich gesagt war es immer eine Traumvorstellung von mir, Intendant zu werden."

– mögliche weitere Sendergründungen wie einen gemeinsamen Jugendkanal mit der ARD: "Die Grenzen der Ausdehnung sind definitiv erreicht."

– Versäumnisse in der Vergangenheit: "Durch Neo lernen wir gerade, welche strategischen Fehler wir beim ZDF gemacht haben. Es war zum Beispiel falsch, dass wir … anders als die Privatsender keine US-Serien gekauft haben. Die sind teils von höchster Qualität und interessieren das jüngere Publikum massiv. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir so etwas wie ‚Mad Men‘ im Zweiten zeigen."

– den Kauf der Champions League-Rechte für angeblich 54 Millionen Euro: "Sport gehört zum Programmauftrag. Wir haben Boxen abgeschafft. Wir übertragen künftig keine Tour de France mehr. Europas Spitzenfußball ist das attraktivste Angebot, das wir unseren Zuschauern machen können."

– die Konkurrenz mit der ARD: "Früher waren Gegenprogrammierungen an der Tagesordnung. Ich will derlei nicht, denn für solche Kindereien fehlt den Gebührenzahlern zu Recht das Verständnis. Leider ist es so, dass die einzelnen ARD-Anstalten sich bislang oft nur dann einig sind, wenn es gemeinsam gegen das ZDF geht."

– Niveau und Anspruch: "Wir brauchen Programme, die bestimmte Tageszeiten abdecken. … Ein Sender kann nicht rund um die Uhr bedeutungsvoll sein."

– den deutschen TV-Marktführer: "RTL transportiert ein fragwürdiges Menschenbild. Ein Hauptelement des Programms ist dort, dass Menschen sich demütigen lassen. … Sie werden es aber nicht erleben, dass im ZDF singende Jugendliche gedisst werden."

– Comedy im ZDF: "Eine deutsche Variante von ‚Two and a half Men‘ im Programm wäre für mich eine traumhafte Vorstellung. Wir müssen mehr Engagement zeigen, in der Unterhaltung den Zeitgeist zu treffen."

– die Zukunft von "Wetten, dass..?": "Die Wetten bleiben das Herz der Sendung. Womöglich werden wir künftig weniger internationale Stars als Wettpaten einladen, sie sind oft zu austauschbar und kein tragendes Element. Die Bereitschaft der Gäste zu Spiel und Spaß muss wachsen. Da muss mehr kommen als das Auf-der-Couch-Sitzen und Ein-paar-Sätze-Sagen"."

– den Kampf um den dort scheidenden Moderator Thomas Gottschalk: "Ich würde ihn ungern verlieren. Er ist ein Gesamtkunstwerk, und das ZDF könnte noch eine lange und schöne Zeit mit ihm erleben. Ich würde mir wünschen, dass er bei uns eine wöchentliche Late-Night-Show moderiert."

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