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Matusseks öffentlicher Ärger mit Dirty Doerry

Fortschritt, Rückschritt, Fehltritt: Alle drei Bewegungsformen waren in dieser Medienwoche sozusagen vertreten. Der Hamburger Spiegel zeigte, dass "Der Führer" auch lange nach der Aust-Ära als Auflagenmedizin herhalten muss. Condé Nast in München vertraut einem Unternehmensberater eine Entwicklungsredaktion an. Ein Journalist quält sich vor laufender Kamera auf der Suche nach göttlichem Humor beim Dalai Lama. Und die dpa erntete mit einer richtig schlechten Nachricht Lacher.

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Aber der Reihe nach. Es ist ja nichts Neues, dass der Spiegel hin und wieder in die Rohlingkiste greift und den harten Verkauf seiner Ausgaben mit einer beigeklebten DVD auf dem Cover kräftig ankurbelt. Die bewährte, wenngleich nicht ganz billige Maßnahme scheint derzeit besonders nötig. Angesichts einer Reihe von Kiosk-Flops erschien diesen Montag bereits zum dritten Mal im laufenden Quartal ein Titel mit Spiegel TV-Bonus. Zum Vergleich: Im gesamten ersten Quartal gab es nur eine DVD-Ausgabe. Das Thema erinnert an die Evergreens, mit denen der frühere Chefredakteur Stefan Aust einst erfolgreich Auflage machte: Der Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion, diesmal der 70ste. Klar, dass das Konterfei von Hitler aus der Schublade geholt und auf den Titel gebracht wird. Aber war da 2008 nicht mal der Anspruch der seinerzeit neuen Chefredaktion, auf solche Tricks künftig zu verzichten? Sei’s drum, wenn das Heft im Verkauf gut geht. Sicher wird man dann auch den Wirbel schnell vergessen, den Spiegel-Autor Matthias Matussek kurzfristig entfachte, als er das Nachrichtenmagazin in einem Radio-Interview ein "antikirchliches Kampfblatt" nannte und Vize-Chefredakteur Martin Doerry schmutzigen Kampagnenjournalismus vorwarf.
Abgeschlossen mit dem Journalismus hatte auch Thomas Knüwer. Der quirlige frühere Handelsblatt-Redakteur betreibt inzwischen eine Unternehmensberatung namens kpunktnull, für deren Kunden Schwarzkopf (Henkel) der 41-Jährige mit dem stets akkuraten Scheitel durchaus als Haarkosmetik-Modell einsetzbar wäre. Statt dessen überraschte Condé Nast diese Woche mit der Meldung, dass Knüwer vorübergehend ins Redaktionsfach zurückwechselt. In München übernimmt er die Entwicklung der deutschsprachigen Ausgabe von Wired, die Anfang September auf den Markt kommt und von einer iPad-App flankiert sein wird. Der Marktstart des kultigen US-Magazins für Hightech und Zukunftsthemen erfolgt in Deutschland auf Samtpfoten: Zunächst liegt Wired als kostenlose Beilage der GQ bei, nach dem One Shot will man weitersehen.
Dass Knüwer – der auf seiner Website vermerkte, die Beratungsmandate liefen weiter – in Interessenskollision zwischen redaktioneller Verantwortung und Brotjob geraten könnte, wie mancher argwöhnte, schließt man bei Condé Nast aus. Zitat auf MEEDIA-Anfrage: "Thomas Knüwer hat aktuell keine Beratungsmandate für Unternehmen aus der Medien- oder Technologiebranche, und es gibt keine thematischen Überschneidungen zwischen Bestandskunden und potentiellen redaktionellen Themen von Wired.  Unabhängig davon verbittet es das journalistische Selbstverständnis, dass ein von ihm betreutes Unternehmen redaktionelle Berücksichtigung findet. Entsprechend gibt es keinen Grund, warum Thomas Knüwer während seiner projektbezogenen Aufgabe in der Entwicklungsredaktion laufende Beratungsmandate nicht weiterführen sollte." Nachtrag: Das Abendblatt berichtet am Samstag über die vielfältigen Beziehungen zwischen Knüwer und Condé Nast.
Ein unfreiwilliges Zusammentreffen zweier Meldungen an der Marketingfront erlebte in diesen Tagen Springers Computer Bild. Bei dem von vielen Medienhäusern gern und oft genutzten Angebot der dpa-Tochter news aktuell, Presseaussendungen via ots auf einen großen Branchenverteiler zu legen, kollidierten die Meldungen von Vertrieb und Redaktion etwas unsanft.

Vertrieb und Redaktion kollidieren im Presseportal

Na ja, Smartphones sind ohnehin Geschmacksache, und mit dieser Meldungs-Kombi fühlen sich irgendwie alle bestätigt, ob iPhone-Fans oder eben nicht.
Und noch eine Meldung sorgte für Aufsehen. Den Schlagzeilern der dpa war in Sachen EHEC ein Fauxpas unterlaufen, der geraume Zeit elektronisch ungebremst verbreitet wurde und seinen Platz im kommenden Hohlspiegel sicher haben dürfte:

Für ein paar Stunden flutete die schiefe dpa-Zeile Google-News (Screenshot von Oldblog.de)
Dumm gelaufen ist auch das Interview eines australischen Journalisten, der mit seinem Versuch, dem Dalai Lama einen Witz zu erzählen, vor die Wand lief. Der Gag der Pizza "eine mit allem" wollte dem Erleuchteten absolut nicht einleuchten, und statt des gewohnten Lächelns erntete TV-Mann Karl Stefanovic vom Oberhaupt tibetanischen Buddhisten nur konsternierte Blicke. Aber sehen Sie unten selbst … schönes Wochenende!
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